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Im Gespräch: Oliver Bierhoff „Die Nationalmannschaft ist für die Spieler ein Zuhause“

23.06.2008 ·  Oliver Bierhoff ist immer noch vielen im deutschen Fußball unheimlich, obwohl die Erfolge der DFB- Auswahl eng mit seinen Konzepten verbunden sind. Im FAZ.NET-Gespräch spricht der Nationalmannschaftsmanager über Egoismus und Kritik.

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Oliver Bierhoff ist immer noch vielen im deutschen Fußball unheimlich, obwohl die Erfolge der DFB- Auswahl eng mit dem früheren Nationalstürmer und seinen Konzepten verbunden sind. Im FAZ.NET-Gespräch spricht der Nationalmannschaftsmanager über Egoismus und Kritik und eine mögliche Zukunft beim FC Bayern.

Radtour, Yoga, Tennis, Familienausflüge - die vergangenen zwei Tage waren sehr von der Erholung geprägt. Muss die Mannschaft vor dem Halbfinale noch einmal richtig verschnaufen?

Wir sind jetzt vier Wochen zusammen, da ist es wichtig für die Spieler, etwas anderes zu erleben. Nicht immer nur den Trainingsplatz, nicht immer nur den Fußball. Wir haben gesehen, dass es den Spielern guttut, ihre Familien und Lebenspartner zwischendurch zu sehen. Wenn die Ehefrauen oder Freundinnen da sind, stellen wir außerdem fest, dass die Spieler früher ins Bett gehen. Deshalb ist das eine gute Entscheidung.

Die Türkei geht ersatzgeschwächt und als Außenseiter in das Halbfinale gegen Deutschland. Was tun Sie dagegen, damit Ihre Mannschaft den Gegner nicht unterschätzt wie zuletzt die Kroaten?

Wir müssen unseren Spielern vor Augen halten, dass die neuen türkischen Spieler, die auf den Platz kommen, auch auf einer Begeisterungswelle schwimmen werden. Das haben wir in ähnlichen Situationen bei anderen Mannschaften in diesem Turnier schon gesehen. Aber ich merke bei unseren Spielern, dass sie den nächsten Schritt gehen wollen und keinen Zentimeter zurückweichen werden. Deshalb glaube ich, dass seitens des Trainers hier nicht zu viel Arbeit notwendig ist.

Das Halbfinale haben vor allem Mannschaften erreicht, die in der Vorrunde große Schwierigkeiten hatten und sich wie das deutsche Team nur als Gruppenzweite qualifizieren konnten. Können Schwierigkeiten hilfreich sein?

Es ist nicht immer vorteilhaft, frühzeitig das Ziel zu erreichen, auch wenn die Mannschaftsführung das eigentlich will. Es ist halt manchmal schwierig, in einer Erfolgssituation die Spannung in der Mannschaft hochzuhalten. Da können auch mal Druck und schwierige Situationen weiterhelfen.

Vermissen Sie einen richtigen Egoisten - oder haben die gar keinen Platz mehr im heutigen Teamgeist-Fußball?

Es stimmt, Egoisten haben fast keinen Platz mehr im modernen Fußball. Wenn ich mir unsere Stürmer ansehe, dann sieht man, dass sie unheimlich viel miteinander spielen, obwohl der Konkurrenzkampf mit Klose, Podolski, Gomez, Kuranyi und Neuville sehr groß ist. Da sage ich manchmal im Flachs: Das wäre uns früher nicht passiert. Wir hätten vor dem Tor nicht immer danach geschaut, ob man noch mal abspielt. Die Jungs heute haben ein anderes Selbstverständnis. Sie wissen ganz genau, dass der Erfolg der Mannschaft über allem steht und man selbst nur glänzen kann, wenn man von den Mitspielern die Bälle bekommt. Diese Haltung spürt man auch im Zusammenleben. Es gibt definitiv weniger Konflikte aus dem Konkurrenzkampf heraus als das früher der Fall war.

Man hat den Eindruck, besonders die jüngeren Spieler suchen die Harmonie.

Ich glaube tatsächlich, dass es vor allem eine Generationsfrage ist. Die Spieler merken schon in ihren Vereinen, dass es nicht reicht, bei den taktischen Vorgaben der Trainer als Einzelner zu brillieren. Die jüngeren Spieler sind individueller geworden, aber sie haben nicht mehr das Bedürfnis, den Konflikt mit Kollegen zu suchen. Sie sind wirklich harmoniebedürftiger.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Ihr Ego wird heute schon so sehr in ihren Vereinen und durch die Medien bedient, dass der Wunsch, bei der Nationalelf mit ihrem Ego auch noch herauszuragen, gar nicht mehr so groß ist. Sie bekommen eine so hohe Aufmerksamkeit, dass ihr Ego nicht ständig online sein muss.

Vier Jahre lang haben Sie mit Joachim Löw und zuvor mit Jürgen Klinsmann an der Persönlichkeitsentwicklung der Spieler gearbeitet - ist die Wende durch das Portugal-Spiel dafür eine Erklärung?

Ich denke, durch unsere Maßnahmen haben wir die Spieler in der Entwicklung vorangetrieben. Dabei haben wir auch auf die Charaktere geachtet. Aber es kommt auch noch etwas anderes hinzu. In den Vereinen herrscht meist eine größere Anonymität, bedingt durch einen hohen Ausländeranteil und eine hohe Fluktuation. Das kann eher zur Grüppchenbildung führen. Die Nationalmannschaft ist für die Spieler tatsächlich ein Zuhause. Sie ist eine Familie. Die Mannschaft hat in den letzten vier Jahren eine Identität entwickelt. Man merkt: Das ist ihr Ding. Letztens habe ich mal mittrainiert und danach meine Sache wie früher auf einen Haufen geschmissen. Da kam Torsten Frings und hat gesagt: So geht das nicht. Hosen, Stutzen, Trikots: alles trennen. Sie haben für sich eine Disziplin entwickelt, aus Respekt gegenüber den Betreuern. Das hat mich begeistert.

Welcher Spieler kommt dem Idealbild nahe?

Per Mertesacker hat eine hervorragende Entwicklung genommen. Er ist mit Leidenschaft dabei. Er ist hochkonzentriert. Er saugt alle neuen Informationen und Angebote auf. Er hat eine hohe Identifikation mit dem Team. Er ist so, wie wir Spieler gerne hätten. Wir mögen aber genauso einen lustigen Poldi und einen etwas exzentrischeren Schweini. Wir sind gegen die Uniformierung von Charakteren. Aber gewisse Richtlinien muss es geben.

Ihre Arbeit stößt dennoch mitunter selbst im eigenen Verband auf Kritik.

In einem Verband gibt es immer verschiedene Interessen und Vorstellungen. Damit muss ich seit 2004 leben. Mir war klar, dass uns das auch nach der WM 2006 immer wieder passieren würde. Ich nehme mir aber die Freiheit, meinen Weg weiterzugehen. Der Mechanismus ist immer der Gleiche: Wenn man eigenständig neue Themen anpackt, die ungewöhnlich sind und mancher nicht begreift, dann gibt es Kritik. Wenn die Maßnahme erfolgreich war, ist sie hinterher Normalität.

Reizt es Sie, irgendwann woanders zu arbeiten, wo Veränderungen ausdrücklich erwünscht sind?

Ich werde sicher nicht mein Leben lang Manager der Nationalmannschaft sein. Leadership kann man auch auf andere Bereiche als den Fußball übertragen. Mich reizen Projekte wie bei der Nationalmannschaft, bei denen man ein Ziel ins Auge fasst, und es dann dorthin führt. Als wir 2004 angefangen haben, wollten wir die Nationalmannschaft wieder zu Deutschlands liebstem Kind machen. Jetzt schauen bei der EM über 30 Millionen zu.

Ihr Vertrag läuft bis 2010. Können Sie einen Wechsel zum FC Bayern ausschließen - Klinsmann ist ja schon da?

Das ist derzeit gar kein Thema. Die WM 2010 in Südafrika wird spannend, dann habe ich Zeit zu überlegen, was danach kommt.

Trainer Arséne Wenger setzt bei der Zusammenstellung des Kaders von Arsenal mittlerweile auf Intelligenztests. Könnte das in Zukunft auch was für die Nationalmannschaft sein?

Wir merken doch immer, dass es im Nachhinein heißt: War doch alles nicht so schwierig, da kauft man ein paar Gummibänder - und dann bekomme ich die Jungs fit. Mache ich mal einen Intelligenztest - dann habe ich die richtigen Spieler auf dem Platz. Das ist es ja nicht, weder bei uns noch bei Arsenal. Es ist immer eine Vielzahl von Komponenten, die für den Erfolg zusammenkommen müssen. Wenn es Arsénal immer wieder schafft, junge Spieler auf Topniveau zu bringen, dann muss man da genau hinschauen. Deswegen sind wir auch in einem engen Austausch mit Arsene Wenger. Man kann immer von erfolgreichen Menschen lernen. Wir leben im Fußball ja in einer kleinen Welt. Da hört man häufig: Das geht nicht. Aber warum eigentlich nicht? Ich suche ganz bewusst den Kontakt mit erfolgreichen Menschen aus anderen Bereichen. Wenn ich mit Menschen wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Telekom-Chef René Obermann zusammen bin, dann frage ich immer. Ich will lernen.

Das Gespräch führten Michael Ashelm und Michael Horeni

Quelle: F.A.Z.
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