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Im Gespräch: Joachim Löw „Wir genießen alles, was noch kommt“

26.06.2008 ·  Der Bundestrainer ist noch nicht am Ziel: Joachim Löw will unbedingt bei seiner ersten Europameisterschaft den Titel holen. Im Gespräch erklärt er, warum die Mannschaft trotzdem ohne Druck ins Finale gehen kann.

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Der Bundestrainer sieht sich noch nicht am Ziel: Joachim Löw will mit der Nationalmannschaft unbedingt bei seiner ersten Europameisterschaft den Titel holen. Im Gespräch erklärt er, warum die Mannschaft trotzdem ohne Druck ins Finale gehen kann, warum er sich im Spiel gegen die Türkei so aufgeregt hat und warum er sich über Torsten Frings gefreut hat.

Die deutsche Mannschaft hat das EM-Finale erreicht. Wie bewerten Sie den Zittersieg gegen die Türkei?

Es war ein aufreibendes Spiel. Geprägt von einer unglaublichen Spannung. Es war ein Wahnsinnsfight, den uns die Türken geliefert haben, es stand bis zum Schluss auf der Kippe. Wir haben viele SMS und Glückwünsche aus Deutschland bekommen. Es ist schön, wie die Fans gefeiert haben: ausgelassen und friedlich. Wir sind als Mannschaft stolz, dass wir zu den Festen unseren Beitrag leisten konnten. Wir sind aber noch nicht am Ziel. Wir wollen auch den letzten Schritt noch machen und den Titel holen. Druck ist aber keiner mehr vorhanden. Nun genießen wir alles, was noch kommt.

Können Sie erklären, warum Ihre Mannschaft bei diesem Turnier zwei so unterschiedliche Gesichter präsentiert?

Es ist richtig, dass die absolute Konstanz bei einigen Mannschaften nicht vorhanden ist. Auch bei uns. Wir haben nicht permanent auf dem Niveau gespielt, wie wir uns das gewünscht hätten. Letztlich ist aber nur wichtig, dass man auch so die Partien durchsteht, Moral zeigt und gewinnt. Wir haben zurückgeschlagen, als es darauf ankam und stehen im Endspiel. Diese Siegermentalität zeichnet die Mannschaft aus.

Was lief gegen die Türken denn lange Zeit schief im Spiel Ihrer Mannschaft?

Wir hatten schon zu Beginn Ballverluste, durch die wir uns selbst aus dem Rhythmus gebracht haben. Wir standen zu weit vom Spieler weg und haben dem Gegner zu viel Raum gelassen.

Wie wütend waren Sie, dass die Mannschaft nicht die Marschroute umsetzte, die in der Kabine abgesprochen wurde? Sie tobten ja mehr als einmal in Ihrer Coaching-Zone.

Ich habe Emotionen am Spielfeldrand ausgelebt, das ist korrekt. Das mache ich aber bei Stellungsfehlern oder einer vergebenen Torchance auch in besseren Spielen. Es ging um viel, wir wollten nicht wieder im Halbfinale ausscheiden, das wäre besonders bitter gewesen. Klar, war ich verärgert, ich habe mich aber auch über viele Situationen gefreut. Zum Beispiel, wie wir nach dem 2:2 zurückgekommen sind, das machte den wahren Willen der Spieler deutlich.

Warum haben Sie keinen zweiten Angreifer eingewechselt?

In der zweiten Halbzeit, als unser Spiel nach vorne nicht zwingend genug war, wäre es für unsere Offensive sicher von Vorteil gewesen, wenn wir einen zusätzlichen Stürmer gehabt hätten. Miroslav Klose musste sich zu oft alleine gegen vier Verteidiger behaupten. Allerdings war unsere Defensivarbeit nicht kompakt genug. Deswegen war es wichtiger, mit fünf Leuten im Mittelfeld nach hinten stabil zu stehen. Ich weiß nämlich nicht, ob wir noch mal zurückgekommen wären, wenn zu diesem Zeitpunkt einen Rückstand hätten hinnehmen müssen. In der Verlängerung hätte ich auf jeden Fall einen weiteren Mann für die Offensive gebracht, wir wollten unter allen Umständen das Elfmeterschießen vermeiden.

Wie beurteilen Sie die Leistung von Torsten Frings?

Er hat seine Aufgabe im defensiven Mittelfeld wie immer gemacht: sehr gut. Mit seinem Rippenbruch durfte man nicht spaßen. Es war schwierig vorherzusagen, ob er über die komplette Spielzeit durchstehen würde, deswegen blieb er sicherheitshalber erst einmal auf der Bank. Natürlich war er darüber nicht begeistert. Aber er klopfte am Mittwoch, als ich meine Entscheidung der Mannschaft bekanntgegeben hatte, an meine Tür und sagte: „Trainer, ich hätte an Ihrer Stelle genauso entschieden.“ Er sah sich selbst noch nicht bei hundert Prozent seiner Leistungsfähigkeit und sagte deswegen, dass er lieber mithelfen werde, wenn ich ihn einwechseln würde. Das war charakterlich eine unglaublich starke Reaktion. Damit zeigte Frings seine wahre Größe. Er ist ein echter Führungsspieler, der nun noch zwei Tage hat, um sich aufs Endspiel vorzubereiten.

Sie haben kurz vor dem Halbfinale dem Team einen Motivationsfilm gezeigt. Verraten Sie etwas über den Inhalt?

Es war eine drei, vier Minuten lange DVD mit Szenen von den Fanmeilen und den jubelnden Zuschauern. Wir wollten der Mannschaft zeigen: zuhause stehen Millionen Menschen hinter euch. So etwas spornt natürlich an.

Nur Ihr Vorgänger Jupp Derwall schaffte es, gleich bei seinem ersten Turnier 1980 den EM-Pokal zu holen. Sie können diesen Erfolg wiederholen. Was bedeutet Ihnen diese Perspektive?

Es ist eine schöne Erfahrung, mit der Nationalmannschaft im Finale dabei zu sein. Beim Confed-Cup und der WM sind wir zweimal knapp davor gescheitert. Deswegen wird es auch für mich persönlich am Sonntag ein ganz besonderer Moment.

Aufgezeichnet von Marc Heinrich

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