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FAZ.NET-Übersteiger Darum irrte Edi Finger

16.06.2008 ·  Cordoba ist im kollektiven Gedächtnis der Österreicher der größte Sporterfolg der Alpenrepublik gegen den Erzrivalen Deutschland. Daran ist vor allem der Radioreporter Edi Finger schuld. 1938 gab es allerdings einen viel bemerkenswerteren Sieg.

Von Dirk Schümer
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„Deutschland geschlagen, meine Damen und Herren. Nach 47 Jahren kann Österreich zum ersten Mal wieder Deutschland besiegen.“

Mit diesen Worten endet die berühmte Reportage von Edi Finger aus dem argentinischen Córdoba. Finger hat das Spiel, das fußballhistorisch bedeutungslos war, für alle Zeiten unvergesslich gemacht. Man muss das gehört haben: Finger textet vor dem Anpfiff auf Mozarts „Kleine Nachtmusik“ und singt so verzückt wie falsch: „Heut, da spuiln die Österreicher auf.“ Sein Gejubel nach dem entscheidenden Tor von Hans Krankl und nach dem Abpfiff bleibt, gemessen an südamerikanischen Goool-Schreien, eher moderat.

Für urösterreichische Höflichkeit würde man Edi Finger heute noch gerne abbusseln

Doch das spezifisch Österreichische an diesem Reportagesieg liegt in einem Detail. Finger beschreibt, wie sich die Kollegen von der ORF um den Hals fallen und gegenseitig „abbusseln“. Und er vergisst bei aller Ausgelassenheit nicht, den Titel seines Technikers zu erwähnen: „Der Diplom-Ingenieur Posch.“ Für diese urösterreichische Höflichkeit möchte man den leider allzu früh verstorbenen Edi Finger heute noch abbusseln.

Niemals wird fürs deutsche Fernsehen ein Hofrat Bela Rethy - der Name würde ja gut ins K. u. K.-Universum passen - das Geschehen kommentieren. Niemals werden ein Magister Netzer, ein Geh. Kommerzienrat Beckmann, ein Doktor Kerner unsere fußballerische Berichterstattung mit imperialem Glanz adeln. Leider. Unser Kaiser heißt auf ewig Beckenbauer. Und um uns ohne Studium im Glanz von falschen Doktortiteln oder Auszeichnungen untergegangener Monarchien zu sonnen, müssen wir Piefken schon bis Wien fahren.

Der große Sieg des „Papierenen“

Genau dort, wo heute Abend Diplom-Ingenieur Ballack mit seinen Installateuren die schlimmsten Lücken abzudichten versucht, hat vor siebzig Jahren das eigentliche Jahrhundertduell Deutschland-Österreich stattgefunden: ein Spiel für die Geschichte. Am 3. April 1938 mussten auf Befehl der NSDAP-Sportführung die soeben eingemeindeten „Ostmärker“ gegen eine „reichsdeutsche“ Auswahl zum „Anschlussspiel“ auflaufen.

Der legendäre Kapitän Matthias Sindelar, den sie wegen seiner körperkontaktlosen Spielweise „den Papierenen“ nannten, hatte bewusst rotweißrote Trikots besorgt. Der Mann aus dem Arbeiterviertel Favoriten vergab absichtlich Chancen gegen die tapsigen Deutschen im Dutzend, schob nach drückender Überlegenheit einen Abstauber lässig ins Tor und vollführte danach vor der NS-Ehrentribüne einen provokanten Freudentanz.

Der wichtigste Sieg Österreichs ereignete sich 1938

Am Ende besorgte der Linksverteidiger Karl Sesta, der in der Halbzeitpause manchmal auch als Ringer auftrat und als erfolgreicher Sänger von Wiener Liedern glänzte, mit einem Treffer von der Mittellinie den Reichsdeutschen den Rest. Österreich gab es völkerrechtlich nicht mehr, aber sportlich hatte es sich noch einmal rotweißrot behauptet.

Darum irrt Edi Finger 1978 mit seinen Schlussworten: Der letzte und wichtigste Sieg Österreichs gegen den mächtigen Nachbarn lag damals nicht 47 Jahre zurück, sondern hatte 1938 stattgefunden, in Wien und unter dem Missmut Hitlerdeutschlands. Was immer heute Abend dort auch passiert - an Sindelar kommt niemand vorbei.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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