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Die zwei Gesichter des deutschen Torwarts Der nette Herr Lehmann am Lago Maggiore

22.06.2008 ·  Nur wenige deutsche Fußballprofis haben zwei so gegensätzliche Gesichter wie Jens Lehmann. Zu Beginn der Euro kehrte der Torwart seine mürrische, aggressive Seite nach außen - doch auch dank der zuletzt guten Leistungen lernt die Öffentlichkeit nun den freundlich-zuvorkommenden Lehmann kennen.

Von Marc Heinrich, Ascona
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Andreas Köpke wittert eine Chance von beinahe historischer Bedeutung. Zwölf Jahre nach dem letzten Titelgewinn einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft sind für den Bundestorwarttrainer bei dieser Europameisterschaft alle Voraussetzungen für neue Ruhmestaten gegeben.

„Es ist an der Zeit, mal wieder Geschichte zu schreiben“, verkündete der Assistent von Joachim Löw, der beim Triumph 1996 im Londoner Wembley-Stadion noch selbst im Tor des deutschen Siegerteams stand. Im Halbfinale gegen die Türken werde man sich auf keinen Fall stoppen lassen, davon zeigte sich der frühere Frankfurter und Nürnberger Bundesliga-Schlussmann überzeugt: „Wir machen den nächsten Schritt, ziehen ins Endspiel ein und dann wollen wir auch den Pokal.“

„Nur ein Wort: klasse!“

Er begründete seine Zuversicht hauptsächlich mit der wiedererstärkten Abwehrkraft der Elf, die in Jens Lehmann einen Rückhalt habe, „um den wir von vielen beneidet werden“. Das war vor dem Turnier nicht unbedingt zu erwarten. Lehmann wird bald 39 Jahre alt und wurde bei Arsenal London in der vergangenen Saison nur siebenmal aufgeboten.

Löw und Köpke hielten ihm dennoch die Treue und setzten zu seinen Gunsten das ansonsten für alle Kollegen geltende Leistungsprinzip außer Kraft. Ein Vabanquespiel, das nun aufzugehen scheint. In den bevorstehenden Partien werde der Keeper „auf noch höherem Niveau spielen“, prophezeite Köpke: „Wir wissen, je höher der Druck wird, desto stärker wird Lehmann.“ Nur gegen Polen und Kroatien habe sich die Nummer eins „einige leichte Unsicherheiten“ geleistet, davon sei beim Aufeinandertreffen mit Österreich und Portugal aber schon nichts mehr zu sehen gewesen: „Er war bei hohen Bällen topp, an seinen Reflexen gab es nichts auszusetzen und wie er die Abwehr dirigierte, dafür gibt es nur ein Wort: klasse!“

Lehmann wirkt nicht mehr so aggressiv und mürrisch

Köpke ließ sich nicht zur Bemerkung hinreisen, dass es Lehmann vor kurzem noch an Spielpraxis gemangelt haben könnte, doch er meinte vielsagend, „dass Jens sechs Partien in drei Wochen gut getan haben“. Lehmann selbst hielt sich zurück, als es um eine persönliche Einschätzung seiner Leistung ging: „Die Medien machen doch sowieso, was sie wollen“, meinte der Keeper, an dessen seit Jahren gespanntem Verhältnis zu den Journalisten sich auch im EM-Quartier im Tessin wenig änderte.

Immerhin wirkt er bei seinen seltenen öffentlichen Auftritten abseits des Spielfelds nicht mehr so aggressiv und mürrisch wie vor Beginn der Euro. Anfang Juni, als sein Wechsel zum VfB Stuttgart bekannt wurde, hätte er eine Pressekonferenz am liebsten mit breiter Brust und im Stehen absolviert - „um mehr Angriffsfläche zu bieten“. Ein typischer Lehmann-Satz: möglicherweise ironisch gemeint, doch sein Verständnis von Sarkasmus erschließt sich nicht jedem auf Anhieb.

Familienausflug auf dem Lago Maggiore

Überhaupt gibt es nur wenige Fußballprofis in Deutschland, die zwei so gegensätzliche Gesichter haben wie der Routinier. Es gibt den freundlichen und zuvorkommenden Privatmann Lehmann, einen liebevollen Familienvater, der jede freie Minute auch in der Schweiz nutzt, um seine Frau und die Kinder zu treffen; am Sonntagmorgen waren alle zusammen mit einem Boot auf dem Lago Maggiore unterwegs.

Und es gibt den Wettkämpfer Lehmann, der nicht den Hauch eines Spaßes versteht und auf dem Platz „zum völlig anderen Menschen wird“, wie Alexander Hleb feststellte, sein früherer Mitspieler beim FC Arsenal. Er wird gefürchtet von den Gegnern - und manchmal auch von den eigenen Mitspielern. Manuel Almunia jedenfalls, der ihn bei Arsenal aus dem Tor verdrängte, gelangte am Ende zu der Erkenntnis: „Lehmann hasst mich.“

Mit dem Rücktritt wird allgemein gerechnet

Köpke nannte dies eine falsche Einschätzung und verwies stattdessen darauf, dass Lehmann inzwischen ja wesentlich entspannter auftrete. „Er wusste möglicherweise selbst nicht so genau, wo er zu Beginn der EM steht, so lassen sich seine Reaktionen ein bisschen erklären.“ Seelenmassage sei keine notwenig gewesen, um den Torwart wieder aufzumuntern: „Lehmann wusste immer, dass wir ihn nur an seiner Leistung messen und da gab es nie den geringsten Grund zur Unzufriedenheit.“

Fragen nach einer Zukunft Lehmanns in der Nationalmannschaft über die EM hinaus, wich Köpke aus. Der Keeper, mit dessen Rücktritt allgemein gerechnet wird, beantwortet sie wohl in einer Woche selbst: nach dem Finale in Wien, am liebsten mit der Siegestrophäe in den Armen. Es wäre auf der Schlussgeraden seiner langen Karriere der erste Titelgewinn mit der Nationalmannschaft - und zweifelsohne ein geschichtsträchtiger Moment.

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