24.06.2008 · Arme Schweizer: Im Baseler Halbfinale treffen sich die bei den Eidgenossen am wenigsten beliebten Fußballteams. Auf der einen Seite die Türken, mit denen sie eine herzliche Antipathie verbindet, auf der anderen die deutschen „Gummihälse“.
Von Marc Heinrich, AsconaSie kommen in Massen über die Alpen, sind elende Besserwisser und vor allem beim Fußball riskieren sie mit Vorliebe eine große Klappe - so hat der Schweizer Autor Bruno Ziauddin die Deutschen, die in seiner Heimat leben und dort seit Generationen gerne Urlaub machen, schon vor der Europameisterschaft aufs Korn genommen.
In seinem nicht ganz todernst gemeinten Buch ,,Grüezi Gummihälse‘‘ analysiert er, warum die Schweizer angeblich so genervt sind von vielen Zeitgenossen aus dem Nachbarland, dass sie abschätzig am liebsten nur „das große Kanton“ nennen. Das Buch ist in einem deutschen Verlag erschienen, genau genommen entstand die Idee dazu bei Rowohlt in Hamburg, und verkauft sich in diesen Europameisterschafts-Wochen offenbar zwischen Basel und Bellinzona nicht übel, wie eine (unrepräsentative) Befragung in einigen Buchhandlungen vermuten lässt.
Befiehlt der Chef, nickt der Teutone - typisch „Gummihals“
Als „Gummihälse“ veralbert Schriftsteller Ziauddin die Hauptpersonen in seinem Werk. Er, der als dunkelhäutiger Sohn eines indischen Ingenieurs und einer Schweizer Krankenschwester mit den Vorurteilen der Eidgenossen gegenüber Ausländern seine ganz persönlichen Erfahrungen machte, findet den Begriff rundum passend: weil die Teutonen angeblich unentwegt nicken, wenn der Chef ihnen etwas sagt.
Eines der längsten Kapitel in seiner 224 Seiten dicken Lektüre handelt vom Fußball, schließlich kochen nur bei wenigen Themen die Animositäten zwischen beiden Nationen ähnlich hoch. Eine der wenigen Vorhersagen, die sich deswegen vor dem Halbfinale an diesem Mittwoch mit Sicherheit treffen lassen: die Sympathien der Einheimischen im Baseler St.-Jakob-Park-Stadion werden nicht unbedingt der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes gehören.
Verliert der Deutsche, jubelt der Schweizer - „die Hölle“
Denn eine Erfahrung lehrte die jüngere Sportvergangenheit: Verlieren die Deutschen, jubeln die Schweizer. Eine leidvolle Erkenntnis, die ein Deutscher vor den Kameras des Schweizer Staatsfernsehens unlängst bestätigte: „Es ist die Hölle, als Deutscher in der Schweiz Fußball zu gucken. Egal, gegen wen Deutschland spielt, die sind immer für die anderen. Immer!“
Vielleicht liegt es daran, dass inzwischen weit über 200.000 Deutsche zwischen den Schweizer Bergen und an den idyllischen Seeufern leben, auf der Flucht vor hohen Steuern und Massenarbeitslosigkeit. Alleine 60.000 kamen seit 2005. Das entspricht der Einwohnerzahl Luzerns. Ein enormer Ansturm in kürzester Zeit - der möglicherweise die Liberalität und Gastfreundlichkeit der an und für sich seit Jahrzehnten polyglotten Eidgenossen überforderte.
Nur Liechtensteiner sind noch unbeliebter
Die Deutschen kellnern in Restaurants, sie stehen hinter den Rezeptionen in den Hotels der vielen Ferienregionen, sie stellen das Personal in den Krankenhäusern. Und dort benehmen sie sich zu selten so, wie der Einheimische es gern hätte, hält Ziauddin fest - allerdings ist auch ihm nicht ganz klar, wie der Schweizer es gerne hätte. Den Einwanderern wird vorgeworfen, sie sprechen kein Schweizerdeutsch, doch falls sie mühsam in Sprachkursen erlernen, findet der Schweizer das albern und ätzt wie das Boulevardblatt „Blick“: „Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?“
Dazu passt eine rechtzeitig zur EM in Zürich veröffentlichte Umfrage, dass die Deutschen nicht zu den Lieblingsnachbarn der Schweizer zählen. Nur die Liechtensteiner werden noch weniger gemocht. Ziauddin erzählte in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“, es habe sich ein Gefühl eingebrannt, von dem es noch Generationen dauere, bis es ausgelöscht sei: dass die Deutschen den kleinen Schweizern mit Überheblichkeit begegnen.
„Gorillas first“ - das Benehmen der Deutschen in der Schweiz
„Wir möchten für voll genommen werden. Viele Deutsche sagen: „Ich finde euch Schweizer so toll und so süß, warum mögt ihr uns denn nicht?“ Aber diese Zuneigung fühle sich oft an wie der feuchte Kuss einer Tante - gönnerhaft und unschön. Auch wenn die Schweiz welt- und sportpolitisch nicht so wichtig sei wie Deutschland, „empfinden wir uns nicht als Kasperle-Figuren“.
Ziauddin nennt in seinem Buch einige Beispiele angeblicher deutscher Unverfrorenheit. Von „lächerlichem Gorilla-Gehabe“ berichtet ein Schweizer Mediziner; ein anderer Einheimischer fragte an einer Straßenbahn-Haltestelle eine deutsche Mutter mit Kinderwagen, ob er ihr helfen könne, worauf sie ihn angeblafft habe: „Sehen Sie hier sonst noch jemanden?“; dem nächsten haben zwei deutsche Mädels den Platz im Lokal geklaut, mit den Worten „Ladies first - kennt man das bei euch in der Schweiz nicht?“
Der Proto-Deutsche: Bastian Schweinsteiger
Die Schweizer, so Ziauddin, seien halt „sehr anders“. Sie seien empfindlich, harmoniebedürftig und konfliktscheu; während die Deutschen unsentimental aufträten und oft zu laut kommunizierten. Daraus ergäbe sich interkulturelles Konfliktpotential. Bei der EM entspricht besonders Bastian Schweinsteiger ihrem scheinbaren Klischee des verbissenen, unfreundlichen Deutschen. „Wir können uns Schweinsteiger gut in Mallorca vorstellen, wie er schon am Abend sein Handtuch an den Pool legt, um einen Platz zu reservieren“, macht sich Ziauddin lustig.
Ziauddin, Jahrgang 1965, ist seit 1974 im Fußball „gewohnheitsmäßig gegen Deutschland“. Seit Beckenbauer und Co. „wegen einer Schwalbe von Bernd Hölzenbein“ Weltmeister wurden. Er arbeite aber hart daran, „diese kindische Haltung zu überwinden“. Ein erster Schritt in diese Richtung: er begrüßt die Verpflichtung des Lörrachers und ehemaligen Bayern-Coaches Ottmar Hitzfeld als künftigen Trainer der „Nati“.
Immer neutral: „Uns ist egal, wer die Deutschen schlägt“
Die Seele der Schweizer sei in dieser Hinsicht „ohnehin widersprüchlich“, meint Ziauddin. Es würde auch eine Art perverser Trauer geben, falls Deutschland wirklich in der Vorschlussrunde ausscheide. „Das Beste für uns wäre“, sagt er, „wenn die Deutschen unverdient ins Finale vordringen und dann hoch verlieren würden. Das wäre ist das perfekte Szenario.“ Oder, wie die „Schweizer Illustrierte“ formulierte, „wir sind immer neutral. Uns ist es gleich, wer die Deutschen schlägt!“
Wobei sich am Mittwoch ein Konflikt auftun dürfte, wen es nun auszupfeifen gilt: auch mit den Türken verbindet die Schweizer Fußballfreunde nämlich eine herzliche Antipathie. Spätestens seit der „Schande im Sücrü-Saracoglu-Stadion von Istanbul“ im November 2005, als sich Elf von Trainer Köbi Kuhn im entscheidenden Relegationsspiel für die WM qualifizierte - und von Gegenspielern sowie türkischen Fans mächtig Hiebe einstecken mussten.
Gebessert hat sich die Beziehung durch die „Regenschlacht“ am zweiten EM-Vorrundenspieltag nicht wirklich; die nimmermüden Türken gewannen in einem denkwürdigen Match in der Schlussminute 2:1 - und warfen den Gastgeber als erstes Team aus dem Turnier. Ganz gleich, wer in Basel morgen das bessere Ende für sich hat. Es wird wohl weder für die türkische noch für deutsche Nationalmannschaft von Nachteil sein, dass das Finale dieser Europameisterschaft am Sonntag in Wien stattfindet.