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DFB-Arzt Tim Meyer im Gespräch „Ich bin kein Leistungsverbesserer“

24.05.2008 ·  Tim Meyer, Mediziner des Fußball-Nationalteams, sieht sich als seriöser Arzt auf sicherem Weg, das Doping-Terrain im Sport zu meiden und zuverlässigen Rat zu geben. Doch er sehe durchaus Gefahren im Umfeld von Profis, sagt er im F.A.Z.-Interview.

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Tim Meyer gehört seit 2001 zum Ärzteteam der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Der 40 Jahre alte Lehrstuhlinhaber für Sportmedizin an der Universität ist ein interdisziplinärer Brückenbauer und dazu ein Fachmann der praktischen Vernunft, auf den die Spieler und Bundestrainer Joachim Löw kurz vor Beginn der Europameisterschaft gern hören.

WM und EM, das klingt so ähnlich - worin besteht für Sie bei der Vorbereitung der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf die Europameisterschaft der Unterschied im Vergleich zur Weltmeisterschaft 2006?

Die EM ist sehr intensiv mit Spielen in relativ kurzer zeitlicher Abfolge, und auch die Einstimmung auf das Turnier ist etwas knapper bemessen als bei der WM. Wir können die Pause zwischen dem ersten Spiel gegen Polen am 8. und der zweiten Partie gegen Kroatien am 12. Juni nicht um einen Tag verlängern. Die Dinge sind wie sie sind, wir können da keine Zaubereien machen. Was wir in der medizinischen Abteilung tun, ist zuallererst vernunftgeleitet, so auch bei den regenerativen Maßnahmen in den ersten Tagen des Trainingslagers hier auf Mallorca. Da haben wir für die Zeiten außerhalb der Trainingseinheiten ein sehr bodenständiges Programm zusammengestellt. Dazu versuchen wir, den Trainern und Spielern das an Inhalten zu vermitteln, was aus unserer Sicht erforderlich ist. Zwischen den Spielen kann man in der Regel nur reagieren. Die Fitnessarbeit wird bei den kurzen Spielabständen während des Turniers nur minimal sein können. Bei einer WM kann man bei vier- oder fünftägigen Pausen zwischen den Spielen noch mal einen Akzent setzen, bei einer EM geht das kaum.

In der Ära Klinsmann gab es vier Fitnesstests für die Nationalspieler, unter Joachim Löw keinen. Warum?

Aus Zeitgründen. Ich habe mir aktuelle Daten von den Vereinen besorgt, aber für verschiedene Spieler sind entsprechende Messungen natürlich nicht vorhanden. Es wäre schöner, wenn man die Daten hätte.

Sie sind seit 2001 für den Deutschen Fußball-Bund tätig. Hat sich an Ihrer alltäglichen Arbeit mit den Spielern seitdem viel verändert?

Wir arbeiten stärker im Team mit den Trainern zusammen, es gibt mehr Informationen aus den Bundesligavereinen. Die Voruntersuchungen sind standardisiert, vieles ist professioneller geworden. Außerdem interessieren sich unsere Trainer, Jürgen Klinsmann bei der vergangenen WM und Joachim Löw heute, viel mehr für das, was wir machen. Klinsmanns Vorgänger Rudi Völler hat der Medizin und der Fitness vielleicht nicht ganz den Stellenwert gegeben, wie das bei seinen Nachfolgern der Fall war und ist. Dafür hatte Rudi, der ja auch erfolgreich war, andere Stärken und Qualitäten. Ich sehe das eigentlich eher im Sinne verschiedener „Handschriften“ als unter der Bewertung „besser oder schlechter“.

Gibt es zwischen Löw und den Ärzten tägliche Absprachen?

Wir haben einen sehr kurzen Draht, auch wenn wir tägliche Besprechungen nicht institutionalisiert haben. Solche Treffen finden etwa alle drei Tage statt.

Was ist Ihre Schwerpunktaufgabe auf Mallorca?

Ich bin zuerst als Arzt hier und nicht als Leistungsverbesserer. Das mag ich gar nicht so sehr, wenn man mich in erster Linie mit Leistungsdiagnostik und Fitness identifiziert. Auch wenn ich viele Hintergründe der Trainingsgestaltung und -dosierung als Sportmediziner natürlich kenne, sage ich manchmal bewusst nichts dazu. Wir haben hier ja für diese Aufgaben kompetente Fitnesstrainer, da muss man als verantwortlicher Internist und gelernter Sportmediziner auch einmal akzeptieren können, dass es für bestimmte Probleme verschiedene Lösungsansätze gibt, ohne dass der eigene immer der einzig wahre sein muss.

Bei der Steigerung der Beanspruchung und Belastbarkeit in den Trainingsinhalten, die am Freitag begonnen hat, sind Sie ständig dabei. Wo ist da Ihre Rolle?

Auf diesem Feld lege ich Wert darauf, dass wir das seriös machen und keinen Hokuspokus veranstalten. Ich glaube, dass bei der richtigen Dosierung der Trainingsinhalte Erfahrung eine Rolle spielt, medizinische Parameter wichtig, aber nicht allein entscheidend sind. Diese Aufgabe der richtigen Belastungssteuerung ist eine interdisziplinäre. Da befinden wir uns nach wie vor auf einem Feld, das schwierig ist, weil in puncto Fußballforschung aus medizinischer Sicht nicht allzu viel wissenschaftlich gesichertes Wissen vorliegt.

Woran liegt das?

Das Ganze scheitert oft daran, dass man im Hochleistungssport an diese Dinge nicht rangelassen wird. Man kann sie also gar nicht erforschen. Warum das so ist? Im professionellen Fußball existieren, glaube ich, manchmal schon noch Berührungsängste. Aber immerhin haben wir momentan mehrere Studien im Zusammenhang mit Bundesligavereinen und ihren Nachwuchsteams laufen, bei denen man spürt, dass die Offenheit langsam wächst.

Machen Sie den Spielern vor einem Turnier Vorgaben?

Was ich benötige, sind die Basisdaten eines medizinischen Checks. Sollte das nicht machbar gewesen sein, holen wir den nach. Wir müssen ja auch gegenüber der Uefa vorweisen, dass alle so weit gesund sind und keine gesundheitliche Gefährdung besteht. Vorgaben, die das Training angehen, sind dagegen nicht ganz unproblematisch. Selbst wenn unsere DFB-Trainer etwas sagen, kommt nicht selten ein Aufschrei aus der Liga. Im Grunde kann ich das natürlich auch verstehen, denn zuweilen zeigt sich da der unvermeidbare Interessengegensatz zwischen Verband und Verein.

Wie ist denn Ihre Kooperation mit den Ärzten der Bundesliga-Mannschaften?

Diese Kooperation ist absolut zufrieden stellend. Es gibt ein Treffen im Jahr, organisiert von der sportmedizinischen Kommission des DFB, bei der Vereins- und Verbandsärzte zusammenkommen.

Der Bundestrainer hat gesagt, der Gesamtzustand der Spieler nach der langen Saison sei gut. Teilen Sie diesen Eindruck?

Ich kann diese Aussage nur stützen. Derzeit sehe ich in meinem Verantwortungsbereich keine Problemkinder, und auch die Orthopäden Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und Josef Schmitt sehen das so.

Normalerweise müsste man glauben, die Spieler seien zum Saisonende erschöpft und urlaubsreif. Warum ist das bei den Nationalspielern nicht so?

Dass die Profis mit den Kräften am Ende seien, wird manchmal auch von verschiedenen Seiten unnötig hoch geredet. Natürlich ist die Beanspruchung in manchen Phasen der Saison sehr stark gewesen. Aber wir haben vor der EM drei Wochen ohne Punkt- und Pflichtspielbetrieb. Bei Christoph Metzelder, der lange verletzt ausfiel, muss man mal gucken, wie belastbar er ist; Torsten Frings, ebenfalls lange verletzt, macht einen sehr guten Eindruck. Bei ihm kann man nach meiner Wahrnehmung optimistisch sein.

Wie gehen Sie als Vertrauensperson mit den Befindlichkeiten der Spieler um?

Im Vergleich zur traumatologischen Betreuung bringt es das internistisch-leistungsphysiologische Arbeitsgebiet mit sich, dass man mehr miteinander reden muss über die Art von Beschwerden. Eine ruhige Hand und eine professionelle Distanz gehören dazu, um den Spielern in kritischen Momenten wirklich sachgerecht helfen zu können. Wenn ich sage, es geht nicht, dann wissen die Spieler, die dann nicht spielen können, auch, dass ich das nicht voreilig sage.

Diesmal standen auch zwei Impfungen zur Diskussion: eine gegen Zeckenbisse, die andere gegen die Masern. Was haben Sie empfohlen?

Zu den Zecken: Im Gegensatz zu manchen Fans und Touristen begeben wir uns da nicht in Situationen, in denen große Gefahr droht. Da habe ich keine Impfempfehlung ausgesprochen. Bei den Masern, einer sehr ansteckenden und heftigen Infektionskrankheit, die derzeit vor allem in der Schweiz grassiert, habe ich daher jene Spieler geimpft, bei denen keine Antikörper vorlagen. Wer nämlich die Masern bekommen sollte, für den wäre die EM zu Ende.

Wie halten Sie es mit der Verabreichung von Nahrungsergänzungsmitteln?

Sehr zurückhaltend insgesamt. Diese Thematik berührt unmittelbar die Doping-Problematik. Es ist sowohl an mögliche Verunreinigungen solcher Produkte zu denken als auch an die Mentalität, die man hervorrufen kann, wenn man allzu offensiv Nahrungsergänzungsmittel einsetzt. Daher sollte man sehr bedacht handeln, selbst wenn man mit einem Placeboeffekt spekuliert. Wir benutzen Nahrungsergänzungsmittel ausschließlich im unmittelbaren zeitlichen Umfeld der Wettkämpfe aus logistischen Gründen. Man könnte da im Grunde auch normale Nahrungsmittel nehmen, nur ist es in der Kabine oft schon praktischer, ein Konzentrat einzusetzen. Dann habe ich das nicht so lange geöffnete Zeitfenster genützt und die Speicher zur Regeneration aufgefüllt. Die Präparate, die wir verwenden, sind alle auf ihre Unbedenklichkeit getestet. Wir verabreichen nichts, was nicht getestet ist. Es handelt sich hier nicht um Medikamente oder Zaubermittel, sondern um recht einfache Nährstoffkonzentrate.

Man hörte in jüngster Zeit, vor allem im Zusammenhang mit dem Bremer Ivan Klasnic, viel über einen exzessiven Einsatz von Schmerzmitteln in der Bundesliga. Ist das auch Ihre Beobachtung?

Die ganze Bevölkerung nimmt bei Kopfschmerzen Aspirin. Wir sollten nicht bei Fußballern ein großes Problem sehen, wenn auch sie das sporadisch einnehmen. Eine unkritische Einnahme in größeren Mengen ist aber natürlich nicht zu befürworten.

Wäre das Doping?

Ich bin entschieden dagegen, dass Schmerzmittel auf die Doping-Liste gehören. Wenn das geschieht, muss es im Umkehrschluss die Möglichkeit geben, diese in medizinisch gerechtfertigten Situationen doch zu verordnen. Schmerzmittel steigern nicht die Leistungsfähigkeit, sie stellen bestenfalls die schmerzbedingt reduzierte normale Leistungsfähigkeit her. Das darf man nicht in einen Topf schmeißen mit Epo. Wenn Sie sich gesund fühlen und nehmen Epo, werden Sie besser. Wenn Sie sich gesund fühlen und nehmen ein Schmerzmittel, sind Sie so leistungsfähig wie zuvor.

Erwarten Sie bei der EM Doping-Fälle?

Woher soll ich das heute wissen? Ich zähle den Fußball aber unter Dopinggesichtspunkten nicht zu den höchstgefährdeten Sportarten. Die leistungsbestimmenden Faktoren sind zahlreich und die sportliche Leistungsfähigkeit ist daher nicht ganz so leicht zu beeinflussen wie in einfacher strukturierten Sportarten. Selbst wenn man einen Fußballprofi ausdauernder oder schneller durch Doping machte, wäre das zwar ein Vorteil, der aber nicht so gravierend ins Gewicht fiele wie in reinen Ausdauer- und Schnellkraftsportarten. Beim Fußball fiele daher vermutlich eine Kosten-Nutzen-Abwägung für jemanden, der Doping in Erwägung zieht, nicht so toll aus. Kontrollen sind zwar nie perfekt, aber in einer zunehmenden Zahl vorhanden, so dass den Fußballprofis das Risiko des Karriereendes droht, wenn sie dopen. Der leistungssteigernde Effekt, den man erzielen kann, ist weitaus weniger gesichert als im Radsport, wenn man Epo nimmt. Ich sehe aber beim Fußball durchaus Gefahren im Umfeld von Profis - also da, wo der Vereinsarzt etwas gar nicht mitbekommt. Diese Gefahren werden natürlich noch gesteigert durch hohe Verdienstmöglichkeiten, einsatzabhängige Bezahlung und lange Rekonvaleszenzzeiten, in denen der Frust wächst. Da darf man nicht naiv sein.

Erwarten Sie hier im Trainingslager demnächst Doping-Kontrolleure?

Trainingskontrollen, mindestens eine, sind von der Europäischen Fußball-Union angekündigt. Wenn Tester kommen, werden diesmal gleich zehn Spieler kontrolliert. 2006 gab es von der Fifa auch schon eine Trainingskontrolle im Vorfeld der WM, aber an weniger Spielern. Für die EM sind auch Bluttests vorgesehen. Die Uefa behält sich zudem Doping-Kontrollen zwischen den Spielen vor, nach denen jeweils zwei Spieler einer Mannschaft kontrolliert werden.

Das Gespräch führte Roland Zorn.

Quelle: F.A.Z.
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