26.06.2008 · Rückstand mit verschuldet, Ausgleich vorbereitet: Lukas Podolski bleibt auf jeden fall der unterhaltsamste Spieler der EM - auch nach dem 3:2 gegen die Türkei. Das will er auch im Finale in Wien gegen Russland oder Spanien beweisen.
Von Christian Eichler, BaselEr bleibt die Wiederentdeckung der Europameisterschaft. Und anders als bei der WM 2006, bei der er zum internationalen Star wurde, geht die Geschichte für Lukas Podolski diesmal erst mit dem Finale zu Ende. In seinem 53. Länderspiel wollte dem 23-jährigen Bayern-Profi, der sich bei der EM für Angebote anderer Klubs interessant gemacht hat – oder zumindest für einen Stammplatz beim deutschen Meister – sein 29. Länderspieltor zwar nicht gelingen. Doch konnte er, nachdem er den Rückstand mit verschuldet hatte, den wichtigen Ausgleich durch Bastian Schweinsteiger vorbereiten und schuf damit die Grundlage für den glücklichen 3:2-Halbfinalsieg gegen die Türkei.
So bleibt Podolski in jedem Fall der unterhaltsamste Spieler dieser EM auf deutscher Seite, und das zeigte er auch gegen die Türken schon nach wenigen Minuten. Unterhaltsam, das gilt im Angriff wie in der Abwehr. Denn in beiden Rollen, die er auf seiner neuen Position im linken Mittelfeld ausüben muss, ist er immer für Torgefahr gut.
Das Unheil nimmt seinen Lauf - auch wegen Podolski
Drei Tore hatte Podolski in der Vorrunde erzielt, nur der Spanier David Villa hatte mehr. Aber Podolski hatte bei der Niederlage gegen Kroatien das zweite Gegentor verschuldet, als er sich nicht für Corluka interessierte, den er hätte übernehmen müssen, und dann dessen Schuss unglücklich an den Pfosten abfälschte, worauf Olic traf und Deutschland verlor. Und auch im Viertelfinale hatte Podolski vor dem Anschlusstreffer der Portugiesen seine Defizite im Defensivverhalten demonstriert – er hätte den entstehenden Konter mit zwei, drei schnellen Schritten durch Verstellen des ersten Passweges verhindern können, doch er war nicht wach für die Gefahr.
In der 22. Minute gegen die Türken wieder eine ähnliche Szene. Ein Einwurf in der eigenen Hälfte, Sabri, der Rechtsverteidiger, der Podolskis Mann ist, führt ihn aus. Doch statt Sabri im Auge zu behalten, läuft Podolski unbedarft zu dem angeworfenen Spieler, den aber schon Philipp Lahm übernommen hat – der Türke lässt schnell mit der Brust prallen, und Sabri steht nun völlig frei zum Flanken. Das Unheil nimmt seinen Lauf, Sabris Hereingabe wird an die Latte verlängert, Ugur verwandelt den Abpraller zum 1:0 für die Türkei.
In der Defensive schläfrig, in der Offensive explosiv
Die andere Seite des Lukas Podolski konnten 30.000 Zuschauer in Basel und an die dreißig Millionen an den deutschen Bildschirmen zwölf Minuten später sehen. In der Defensivbewegung schläfrig und ohne Blick dafür, welchen Gegenspieler er nehmen muss und wen sein Partner Lahm nimmt – in der Offensivbewegung aber explosiv und hellwach wie ein Raubtier.
Als die Türken etwas zu unbesorgt den Druck erhöhten, um das 2:0 zu erzielen, nutzten das die Deutschen zu einem schnellen Konter. Über Thomas Hitzlsperger landete der Ball bei Podolski auf dem linken Flügel, und der hatte wie schon beim 1:0 gegen Portugal den Blick für seinen Lieblingsmitspieler Bastian Schweinsteiger – mit einem scharfen, flachen Ball legte er perfekt zum Ausgleich auf.
Keinen Blick für den mitspurtenden Sturmpartner Klose
In der 34. Minute hätte Podolski beinahe selbst sein Tor erzielt und die Führung der EM-Torjägerliste mit übernommen. Nachdem Hamit Altintop den Ball vertändelt hatte, machte wieder Hitzlsperger das Spiel schnell, sein präziser Pass öffnete Podolski die ganze linke Seite, und der Bayer aus Köln zog unwiderstehlich davon. Schon im Antritt war zu sehen, dass er nur das Tor sehen und keinen Blick verschwenden würde für den mitspurtenden Klose, der allerdings von einem Abwehrspieler beschattet war. Podolski schoss aus vollem Lauf mit links aus 16 Metern – knapp über das Tor. Es war nur einer von drei deutschen Torschüssen in der ersten Halbzeit – gegenüber fünfzehn der Türken.
Podolskis dritter Fünfzig-Meter-Spurt der Partie, kurz nach der Pause, endete weniger spektakulär mit einer Flanke ins Aus. In der 55. Minute wollte er sich offenbar einmal bei Hitzlsperger für die zwei schönen Vorlagen aus der ersten Halbzeit bedanken, kurvte nach innen und legte quer auf den Mittelfeldkollegen, doch der setzte seinen Weitschuss zu hoch an.
Vor dem 3:2 durch Lahm kam der Angriff wieder über links
Weil die deutsche Mannschaft jetzt besser stand, mehr Zweikämpfe gewann und die Türken nicht mehr so simpel in der deutschen Hälfte kombinieren ließ, wurden auch Podolskis Probleme in der Rückwärtsbewegung nicht mehr so oft sichtbar. Die deutsche linke Seite wurde stärker, neben Podolski konnte sich nun auch Lahm öfter in den Angriff einschalten.
Dessen Flanke in der 79. Minute landete auf der Stirn von Miroslav Klose – und von dort tropfte der Ball in das durch die gnädige Mithilfe von Torwart Rüstü völlig verwaiste türkische Tor. Und auch nach dem 2:2 der Türken kam der entscheidende Angriff wieder über links – Lahms 3:2 ließ Deutschland feiern.