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Der Trainer und sein Kapitän Szenen einer Vernunftehe

24.06.2008 ·  In einem Werbespot wurden Joachim Löw und Michael Ballack vor der EM als harmonisches Bergführer-Duo dargestellt. Auf dem Weg zum Gipfel herrscht aber nicht mehr die heile Werbewelt. Vor dem Halbfinale loben sich der Bundestrainer und sein Kapitän einfach nicht mehr.

Von Michael Horeni, Ascona
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Das Protokollarische ist bei Pressekonferenzen der Nationalmannschaft schnell erklärt. Zuerst kommt die Teamleitung dran, dann sind die Spieler an der Reihe. Seit bald sechs Wochen geht das nun schon so. Am Tag vor dem Halbfinale gegen die Türkei änderte sich jedoch die gewohnte Rollenverteilung.

Denn Michael Ballack wünschte um ein Uhr wieder im Hotel zu sein, und so bekam er den Vorzug vor Assistenztrainer Hansi Flick. Ballack sprach zwanzig Minuten vor dem wichtigsten deutschen Fußballspiel seit zwei Jahren, Flick war nach rund fünf Minuten fertig.

Im komplizierten Beziehungsgeflecht fällt auf, was nicht geschieht

Daran kann man sehr leicht die überragende Bedeutung festmachen, die dem Kapitän im Gefüge des Nationalteams mittlerweile zukommt. Aber genauso fiel in den paar Minuten auf, dass das fußballübliche Ritual des Schulterklopfens der Kommenden und der Gehenden auf dem Podium ausfiel. Flick suchte nicht die Nähe Ballacks. Und Ballack suchte nicht die Nähe Flicks.

Im komplizierten Beziehungsgeflecht der Nationalmannschaft fällt ist in diesen Tagen ohnehin besonders auf, was nicht geschieht. Was nicht gesagt wird. Vor allem, wenn es um die Beziehung zwischen den beiden großen Figuren des Teams geht, also zwischen Joachim Löw und Michael Ballack.

Der Trainer und sein verlängerter Arm - das war einmal bei Rudi Völler

Man könnte eigentlich vermuten, dass der Trainer und sein Kapitän sehr aufgeräumt sein müssten, jetzt wo das Halbfinale bevorsteht und der Titelgewinn möglich ist. Der Mannschaft ist schließlich das Kunststück gelungen, den negativen Trend im Viertelfinale gegen Portugal zu wenden, in einem neuen Spielsystem neue Kraft zu gewinnen. Da könnte man sich doch eigentlich auch mal in die Arme nehmen, und sich über das Erreichte gemeinsam freuen, der Trainer und sein verlängerter Arm.

Das war einmal, als der Bundestrainer noch Rudi Völler hieß und es einen Grundsatz in der Nationalelf gab, der Ballacks Bedeutung spiegelte wie kein anderer davor und danach: „Es darf alles passieren – nur Ballack darf sich nicht verletzten.“ Löw würde einen solchen Satz nie sagen. Er lobt bei der Europameisterschaft lieber Spieler, die es nötiger haben: Gomez, Podolski, Friedrich. Nicht Ballack.

Die Hauptfiguren geben nur wortreiche, aber unpräzise Erklärungen ab

So weit, so normal. Aber in den letzten Tagen ist um die Nationalelf ein Deutungsstreit erkennbar geworden, der sich sozusagen um die Frage des Urheberrechts des Erfolgs dreht, um die taktische Veränderung, die gegen Portugal so hervorragend wirkte.

Es ist eine unglücklich geführte Diskussion, und das liegt daran, weil sie auch die Machtfrage im Team berührt. Ballack und Löw haben in dieser Frage bisher keine einheitliche Linie gefunden, und so gaben die Hauptfiguren in diesen Tagen nur wortreiche, aber unpräzise Erklärungen ab, die nicht recht zusammen passen wollten.

Da waren sie: Die Andeutungen, das Ungesagte

Nach dem 3:2 im Viertelfinale hatte Löw zunächst vor allem die taktische Arbeit des Trainerstabes hervorgehoben, und auf die Frage, ob er nicht auch den Kapitän im Meinungsbildungsprozess hätte erwähnen müssen, sagte Ballack: „Das muss er nicht. Er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann. Andersherum hat er bewiesen, dass er ein Trainer ist, der umdenken kann. Das ist hoch einzuschätzen. Er hatte ja immer betont, dass wir uns mit unserer Taktik nicht am Gegner orientieren, sondern unsere Linie verfolgen sollten. Trotzdem hat Joachim Löw dann umgestellt.“ Da waren sie: Die Andeutungen, das Ungesagte.

An diesem Dienstag antwortete der Bundestrainer seinem Kapitän dann in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Welche Rolle habe denn Ballack nun bei der Systemänderung gespielt, ist der Bundestrainer gefragt worden? „Informiert. Ich habe ihn informiert“, sagte Löw nur. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, die Beziehung zwischen Ballack und Löw ähnele vielleicht der von Beckenbauer und Schön bei der Weltmeisterschaft 1974. „Ein Spieler will nicht vom Trainer zu personellen Besetzungen befragt werden, er beschäftigt sich aber mit Strategien. Also muss man die wichtigen Spieler mit ins Boot nehmen“, fuhr Löw fort. Ein schwer zu entschlüsselnder Satz.

Löw nannte Ballack einen „wichtigen Ansprechpartner“ - mehr nicht

Ansonsten sagten der Bundestrainer und Ballack in ihren insgesamt vier großen Interviews in vier verschiedenen Zeitungen fast nichts übereinander. Ballack lobte den Trainer ausschließlich dafür, dass er „trotzdem“ umgestellt habe, Löw nannte Ballack einen „wichtigen Ansprechpartner“. Mehr nicht.

Über sich selbst sprach Ballack aber sehr wohl, und er hielt fest, dass sein Einfluss seit der Weltmeisterschaft „bestimmt nicht geringer geworden ist. Es hat sich mit dem Trainer vieles eingespielt. Er hat seine Vorstellungen und kennt meine. Wir unterhalten uns oft, und er fragt mich auch. Wir haben uns immer besser kennen gelernt, ich weiß jetzt um die Gedanken des Trainers“, sagte der Kapitän. Aber sind seine Gedanken auch die des Trainers? Der Capitano, wie ihn Jürgen Klinsmann einst nannte, ließ es offen.

Kein Wort Ballacks zu seinem Verhältnis zum Bundestrainer

Das Lob füreinander, das darf man wohl feststellen, dosieren der Bundestrainer und der Boss auf dem Platz vor dem Halbfinale auffällig. Auch auf die Frage, wie denn bisher die Zusammenarbeit mit dem Bundestrainer bei dieser Europameisterschaft funktioniere, blieb Ballack die Antwort am Dienstag unmittelbar vor dem Halbfinale schuldig.

„Wenn man Spiele gewinnt, ist weniger Handlungsbedarf, als wenn man verliert und an Veränderungen denkt, weil eine Reaktion her muss“, sagte er. In den letzten Tagen hätten die Spieler vor allem regeneriert, aber nun würden auch wieder vermehrt Gespräche geführt. Aber kein Wort zu seinem Verhältnis zum Bundestrainer. Es bleibt im Ungefähren.

„Es liegt jetzt nur noch an uns“ - wenigstens da sind sich Ballack und der Bundestrainer einig

Löw schätzt die sportliche Entwicklung, die Ballack durch seinen Wechsel in die Premier League genommen hat, außerordentlich. Bei der Weltmeisterschaft 2006 betrachteten Löw, damals schon für die Taktik zuständig, und Klinsmann den Kapitän als „Kind der Bundesliga“, als einen Spieler, der stark von den routinierten Abläufen der Liga geprägt worden sei.

Nun ist Ballack, gereift und gestärkt bei Chelsea. Er hat sich zu einem eigenständigen Macht- und Kraftzentrum entwickelt. Er schafft es mittlerweile, auch die nötigen Reizpunkte zu setzen. Was dem Team nutzt, kann dem Bundestrainer nicht schaden. Schon gar nicht vor dem Halbfinale gegen die Türken. „Wir wollen den letzten Schritt mit Leidenschaft und Aggressivität gehen“, sagt der Kapitän nun, „die Chance ist gut. Es liegt jetzt nur noch an uns.“ Da sind sich Ballack und der Bundestrainer vollkommen einig.

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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