15.06.2008 · Oliver Bierhoff ist seit 2004 Teammanager der deutschen Nationalmannschaft. Im FAZ.NET-Gespräch redet er über schlechte Turnierspiele, die richtige Reaktion darauf und den Druck vor dem entscheidenden Gruppenspiel gegen Österreich.
Oliver Bierhoff ist seit 2004 Teammanager der deutschen Nationalmannschaft. Das Spiel gegen Österreich am Montag stellt das Projekt des 40 Jahre alten ehemaligen Nationalmannschaftsstürmers auf die bislang härteste Probe. Im FAZ.NET-Gespräch redet er über schlechte Turnierspiele, die richtige Reaktion darauf und den Druck vor dem entscheidenden Gruppenspiel.
Was ist zu tun, wenn man weiß, dass nichts funktioniert hat wie im Spiel gegen Kroatien?
Ein schlechtes Spiel in einem Turnier kann man gut wegstecken als Mannschaft. Wichtig ist, dass jetzt die Reaktion kommt. Die Spieler sind gefordert – und es reicht nicht, im Fußballjargon zu sagen: „Mund abputzen und weiter.“ Das kann’s nicht sein. Dazu gehört eine Analyse, was jeder gegen Kroatien gemacht hat.
Was ist denn das Ergebnis dieser Analyse?
Aus meiner Sicht war die Niederlage eine Kopfsache. Unser Konzept und unsere Arbeit mit der Mannschaft stellen wir nicht in Frage, da liegen wir völlig richtig. Wir müssen die Spannung wieder hoch halten und Leidenschaft zeigen. Es ist ja nicht so wie bei der Europameisterschaft 2000, als es von Anfang an nicht so richtig lief. Dieses Gefühl habe ich nicht von dieser Mannschaft. Das Kroatien-Spiel war ein unnötiger Ausrutscher, den man allerdings ernst nehmen muss.
Kapitän Ballack sprach nach dem Spiel von der „Selbstzufriedenheit“ einiger Spieler. Klose macht sich Sorgen über den Teamgedanken. Beunruhigen Sie diese Feststellungen nicht?
Schuldzuweisungen sind jetzt der völlig verkehrte Weg. Das hat auch Joachim Löw der Mannschaft schon gesagt. Bei einem Spiel wie gegen Kroatien, bei dem die Leistung der gesamten Mannschaft nicht stimmte, sollte man nicht mit dem Finger auf einzelne Spieler zeigen. Trotzdem bin ich froh, dass jetzt etwas Reibung entsteht – aber die Auseinandersetzung in der Mannschaft sollte auf positive Weise stattfinden.
Ist das Spiel am Montag gegen Österreich das bisher bedeutsamste in der ganzen Zeit zuerst mit Klinsmann und jetzt mit Löw als Bundestrainer?
Der Druck nach der Niederlage gegen Italien vor der Weltmeisterschaft 2006 war auch sehr groß für die Mannschaft. Aber da wussten wir, dass noch die Weltmeisterschafts-Vorbereitung vor uns steht. Es stimmt, dieses Spiel gegen Österreich hat seine ganz eigene Bedeutung. Es ist das wichtigste Spiel in der Ära Löw. Aber in keinem Fußballspiel geht es um Leben und Tod.
Wann wären Sie von der Mannschaft so richtig enttäuscht?
Eine Enttäuschung wäre nicht, wenn wir nicht Europameister und nach einer Niederlage ausscheiden würden. Auf dem Platz können Fehler passieren, man kann Pech haben, der Gegner kann stärker sein. Das wäre keine Enttäuschung. Es wäre eine Enttäuschung, wenn die Mannschaft unprofessionell handelt, wenn sie ihre Chance bei dieser Europameisterschaft leichtfertig vergibt. Aber das wird nicht passieren.