24.06.2008 · Elfmeter: Es ist die Aufgabe, die Fußballer am meisten fürchten - und die mehr Einblicke ins Spannungsfeld von Denken und Handeln erlaubt als jede andere Situation im Sport. Den auffallend häufig scheitern die Großen des Fußballs am Psychospiel mit elf Metern Abstand.
Von Christian Eichler, BaselAls wären neunzig Minuten Fußball nicht genug! Oder gar hundertzwanzig. Aber wie schon bei der letzten Europa- und der letzten Weltmeisterschaft ist auch bei dieser EM die Hälfte der Viertelfinals erst im Elfmeterschießen entschieden worden. Seit seiner Erfindung Anfang der siebziger Jahre beendet es etwa jedes fünfte K.-o.-Spiel bei den großen Turnieren. Es ist die Aufgabe, die Fußballer am meisten fürchten - und die mehr Einblicke ins Spannungsfeld von Denken und Handeln erlaubt als jede andere Situation im Sport.
Denn mehr als sonst im Fußball kommt beim Elfmeter ein schwieriges Organ ins Spiel: das Großhirn. Lieber lässt der Kicker andere Hirnregionen arbeiten; bewegt sich im steten Fluss von winzigen intuitiven Entscheidungen, Reflexen, Impulsen. Die meisten Aktionen sind vorbei, ehe der Akteur sie denken konnte. Der Elfmeter aber fordert eine bewusste Entscheidung. Er stoppt den kollektiven Fluss für ein individuelles Duell.
Gerade die Großen des Fußball scheitern oft an seiner Vereinfachung
Die Anforderungen sind simpel. Der Ball muss in ein rund 18 Quadratmeter großes Rechteck. Der Mensch darin kann allenfalls ein Drittel davon abdecken. Nur welches? Mit dieser Frage beginnt im Kopf des Schützen das Spiel der Erwartungen und Erwiderungen. Mehr als die Technik des Schusses ist deshalb die Technik des Denkens Basis des verwandelten Elfmeters. Gerade die Großen des Fußballs, die dessen Komplexität genial vereinfachten, scheiterten oft an der Vereinfachung, die der Elfer fordert: Zico 1986 im berühmten WM-Viertelfinale gegen Frankreich, Socrates und Platini im folgenden Elfmeterschießen; Maradona 1990 gegen Jugoslawien. Selbst Beckenbauer: Er verwandelte in seiner Karriere nur drei von sechs.
Dass der kroatische Trainer Slaven Bilic im ersten Elfmeterschießen dieser EM seine technisch besten und jüngsten Spieler, Modric und Rakitic, zwei der drei ersten Elfmeter schießen ließ, war unklug. Beide taten etwas, das typisch ist für Spieler, die eher ihrer Technik vertrauen als ihren Nerven: Sie wollten es zu genau machen und trafen nicht mal das Tor.
„Ändere deine Entscheidung nicht und tue, was dein Kopf dir sagt“
„Du musst ihn schießen wollen“: Das war Regel Nummer eins von Francis Lee, der in der Saison 1971/72 für Manchester City 15:0 Elfer verwandelte. Nummer zwei: „Entscheide vorher, wie.“ Bobby Robson, englischer WM-Trainer 1990, sagte es so: „1. Treffe eine Entscheidung. 2. Ändere sie nicht. 3. Tu, was dein Kopf dir sagt.“ Was aber, wenn Punkt 3 plötzlich nicht mehr mit 1 übereinstimmt? Robsons sicherster Schütze, Stuart Pearce, hämmerte den Ball damals im Halbfinale auf den deutschen Torwart Illgner.
Das Resultat war ein Elfmeterjammer, der England bis heute plagt. Denn schon mancher hat sich beim Anlauf einen Knoten ins Hirn gedacht - am Ende kommt etwas völlig Irrationales heraus: zu riskant, zu vorsichtig, zu weich, zu hart. Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schießen, das ist, frei nach Kleist, kein Erfolgsrezept für Elfmeter.
Im Spiel wurden 56 von 61 WM-Elfmetern seit 1986 verwandelt
Leichter fällt Schützen der Elfmeter während des Spiels - wenn er nur eine Strafe für Foul- oder Handspiel ist und nicht für Gleichstand nach 120 Minuten. Seit 1986 der Brasilianer Zico verschoss, gingen 56 von 61 WM-Elfmetern ins Tor. Diese Trefferquote, weit über 90 Prozent, liegt weit über der bei Elfmeterschießen im selben Zeitraum von unter 70 Prozent. Die Angst des Schützen beim Elfmeter ist vor allem die beim Elfmeterschießen.
Viele Schützen versuchen sich der Angst zu entledigen, indem sie keine Richtungsentscheidung treffen, sondern so hart wie möglich „draufhalten“. Doch droht bei der Wucht-Variante die Gefahr, zu weit unter den Ball zu kommen wie Uli Hoeneß im EM-Finale 1976. Am anderen Ende der Elfmeter-Skala liegt der Schlenzer in die Mitte des Tores, mit dem der Tscheche Panenka Sepp Maier narrte und den Siegtreffer nach Hoeneß' Hochschuss erzielte - den weichen Bogenball hatte er sich beim Nachdenken vor dem Einschlafen überlegt. Und, fragte man Panenka, wenn es schiefgegangen wäre? „Dann hätte ich 25 Jahre unter Tage gearbeitet.“
Fünf bis sechs Schritte Anlauf, mittelharter Schuss
Die technische Situation des Elfmeters ist simpel. Die verlässlichste Ausführung garantieren der Anlauf mit fünf, sechs Schritten (weil der kürzere, so Francis Lee, dem Torwart „zu viel verrät“) und der Schuss mit der Innenseite, getroffen im „Dreivierteltempo“, also etwa der Wucht für einen Vierzig-Meter-Pass. Oder, wie es Jürgen Abel beschrieb, Bundesligarekordmann mit 16:0 Treffern: „Die Mitte zwischen hart und weich.“
Zwischen rechts und links aber muss man sich entscheiden. Nur wie? Vorher festlegen oder den Torwart ausgucken? Viele der besten Schützen, Kutzop, Rufer, Cantona oder Matt Le Tissier (53 verwandelte Elfmeter in England bei 54 Versuchen), verstanden es, den Torwart mit verschlepptem Anlauf in Bewegung zu bringen und den Ball ins freie Eck zu schieben. Doch zuletzt ist Cristiano Ronaldo mit einer auffallend arroganten Ausführung dieser Start-Stopp-Technik im Finale der Champions League böse hereingefallen.
Sicher, aber schwierig: Der hohe Schuss
Die Verwandler der anderen Glaubensschule scheren sich nicht um den Torwart und entscheiden sich vor dem Anlauf. Möglichst nah neben den Pfosten, am besten auch in die obere Hälfte des Tores, denn der Radius auch des längsten Torwarts kann nicht die ganze Fläche des Tores abdecken. Wie ein Scheibenwischer, dessen Halbkreis die oberen Ecken der Windschutzscheibe nicht erreicht, so können seine Arme die oberen Winkel beim Elfmeter nicht erreichen: Die Diagonale von der Mitte der Torlinie bis zum äußersten Torwinkel beträgt rund 4,40 Meter.
Eine Auswertung von 113 Schüssen bei WM- oder EM-Elfmeterschießen bezifferte die Wahrscheinlichkeit, hoch in die Ecke zu verwandeln, über 90 Prozent. Aber: Flach ist einfacher. Der Hochschuss birgt das peinliche Risiko, mit dem Fuß eine Spur zu tief unter den Ball zu kommen und übers Ziel hinauszuschießen, wie Baggio im WM-Finale 1994.
Di Natales Elfmeter: so schlecht, es war Casillas ein Fest
Der schlechteste Elfmeter ist der zu riskante, der das Tor verfehlt. Der zweitschlechteste ist der zu vorsichtige: knapp einen Meter hoch, eineinhalb bis zwei Meter neben dem Pfosten, so wie am Sonntag der entscheidende Fehlschuss des Italieners Di Natale - ein Fest für den Torhüter. Wenn der nicht gerade in der anderen Ecke liegt.
Die richtige Ecke, dafür brauchen Torhüter ihre Detektoren. Jens Lehmann wusste im Uefa-Cup-Endspiel 1997 aus dem Laptop des Schalker Trainers Stevens, dass Inter-Stürmer Zamorano unter Druck die rechte Ecke wählte. Und im WM-Viertelfinale 2006 wusste er durch seinen Spickzettel im Stutzen, was der Argentinier Ayala machen würde. Den Schuss von Cambiasso, der nicht auf dem Zettel stand, hielt er auch.
Der Torhüter sollte den Anlauf studieren
„Der Zettel hat mir nicht wirklich geholfen“, sagte Lehmann später, „aber er hat wohl die Argentinier irritiert.“ In den K.-o.-Spielen bei dieser EM soll es für ihn wieder schriftliche Hinweise von Torwarttrainer Andreas Köpke über die Vorlieben des Gegners geben. Die der Türken konnte man ja schon im Elfmeterschießen gegen die Kroaten studieren.
Mark Crossley, in seiner seit über zwanzig Jahren dauernden Profikarriere einer der besten „Elfmetertöter“ der englischen Fußballgeschichte, studiert vor dem Spiel die Gewohnheiten des Gegenspielers: Mag der eine Ecke, mag Crossley sie auch. Wenn nicht, verlässt er sich auf den Laufweg: Ein Rechtsfüßer mit Anlauf von links ziele eher nach rechts, mit geradem Anlauf eher nach links. Für Nottingham Forest hielt Crossley acht von vierzehn Elfern, darunter den einzigen, den Le Tissier je verschoss.
Die Fußspitze des Standbeins zeigt die Schussrichtung an
Wissenschaftlich belegte Haltehilfen gibt es auch: etwa das Standbein des Schützen. Die Fußspitze zeigt nach einer kanadischen Studie mit einer Verlässlichkeit von 80 Prozent die Schussrichtung an. So kann der Torwart eine entscheidende halbe Sekunde gewinnen, indem er abspringt, während das Schussbein noch ausholt. Wartet er, bis der Ball getroffen ist, bleibt ihm in jedem Fall zu wenig Zeit zum Reagieren. Eine schottische Untersuchung empfahl sogar den Blick auf Hüfte oder gar Hose des Schützen.
Aber immer noch gilt, dass der Torwart auch in der richtigen Ecke den richtigen Elfer nicht halten kann: scharf mit der Innenseite neben dem Pfosten ins Seitennetz getrieben, wie von Breitner im WM-Endspiel 1974 oder von Brehme 1990. Aus den beiden wichtigsten deutschen Strafstößen lässt sich das Rezept des perfekten Elfmeters destillieren: Ball und Hirntätigkeit flach halten.