09.06.2008 · Marco van Basten und die Europameisterschaft - seit 1988 verbinden Niederländer wohlige Erinnerungen mit dieser Kombination. Der Bondscoach will das Optimale aus dem holländischen Team herausholen. Gut stehen die Chancen nicht.
Von Dirk SchümerMarco van Basten und die Europameisterschaft - die Verbindung dieser beiden Begriffe versetzt niederländische Fußballfans bis heute in ein nostalgisches Wonnegefühl. Denn es war der Ausnahmestürmer und Weltfußballer van Basten, der die Niederländer als Torschützenkönig 1988 in Deutschland quasi im Alleingang zum Titel schoss.
Nun, zwanzig Jahre später, führt der einstige Ausnahmestürmer die niederländische Auswahl abermals an - als Trainer. In seiner Funktion als „Bondscoach“, die der 44 Jahre alte Utrechter vor der letzten Weltmeisterschaft übernahm, hat sich sein Image allerdings stark gewandelt. Als Spieler war Marco van Basten explosiv und extrovertiert, beim Trainer zeigen sich andere Züge seines Charakters, denn da ist van Basten ein systematischer, ruhiger, zurückgezogener, zuweilen pedantischer Fachmann geworden.
Streit mit Seedorf und van Bommel, Versöhnung mit van Nistelrooy
Die Leistungen als „Bondscoach“ wurden nun mit einer Berufung zum Trainer und Sportdirektor bei seinem einstigen Verein, Ajax Amsterdam, honoriert. Bevor er im Sommer das begehrteste niederländische Traineramt antritt und von Bert van Marwijk als Nationaltrainer beerbt wird, möchte van Basten noch das Optimale aus der „Oranje“-Mannschaft herausholen. Mit der Auslosung in die „Todesgruppe“ gemeinsam mit Frankreich, Italien und Rumänien stehen die Chancen freilich denkbar schlecht, zumal sich die Holländer nur mühsam hinter den erstplazierten Rumänen für die EM qualifizierten.
Als es 2007 drei Niederlagen gab, wuchs auch in Holland selbst die Kritik am Nationalhelden Marco van Basten, der als Trainer noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt ist. Vor dem Turnier überwarf er sich mit den ehrgeizigen Altstars Marc van Bommel und Clarence Seedorf, die nicht bereit schienen, als Reservespieler mitzufahren, und nun nicht im Kader vertreten sind. Mit Real Madrids häufig verletztem Stürmerstar Ruud van Nistelrooy gab es eine Versöhnung im Dienst der Sache.
Edwin van der Sar ist der verbliebene Altstar
Zuletzt stritt sich auch noch sein Förderer, der in Holland als Fußballguru und medialer Obernörgler allgegenwärtige Johan Cruyff, mit dem Nationaltrainer. Doch Marco van Basten, der sich in Interviews gern mit Understatement als wissbegieriger Nachwuchsmann schildert, tut so, als könne ihn all das nicht aus der Bahn werfen. Graumeliert und mit neuem Kurzhaarschnitt, gleicht er äußerlich frappierend der Trainerlegende Rinus Michels, unter welchem „Oranje“ 1988 die Europameisterschaft holte. Nach zwei verlorenen Endspielen um die Weltmeisterschaft ist dieser einzige große internationale Titel bis heute der Stolz der fanatischen Fußballnation Holland.
Ob der Kader 2008 an die Klasse der damaligen Elf um Gullit und Rijkaard heranreicht - das ist bei den Fans von „Oranje“ die große Diskussion. Außer dem Hamburger Star Rafael van der Vaart kann van Basten auf eine neue Generation von Könnern zurückgreifen. Einzig Torwart Edwin van der Sar von Manchester United steht von den Altstars noch in der Startelf. Der junge Wesley Sneijder von Real Madrid verletzte sich zwar leicht bei der Vorbereitung, doch kann er beim ersten Spiel am Montag gegen Italien eingesetzt werden. Robin van Persie jedoch muss nach einer Blessur noch geschont werden.
Die alte Rivalität mit den Deutschen ist wieder Thema
Die niederländische Presse weidet sich indessen am Glanz und am Luxus des Quartiers der „Elftal“, die im noblen Hotel „Beau Rivage“ in Lausanne abgestiegen ist, wo bereits Churchill, Gorbatschow und Mandela nächtigten. Der Service und die Ästhetik der Herberge, die so gar nicht zu calvinistischer Sparsamkeit passen will, kann locker mit dem deutschen EM-Quartier in Ascona mithalten. Die alte Rivalität mit den Deutschen, mit deren Trikot sich nach dem Sieg 1988 Verteidiger Ronald Koemann triumphierend das Hinterteil abwischte, ist natürlich auch Thema vor dem Turnier. Koeman erinnert sich nicht gern an die hässliche Provokation, doch entschuldigen mochte er sich erst jüngst in einem Interview mit dem „NRC Handelsblad“ auch wieder nicht: „In Deutschland werde ich sicher niemals Trainer werden.“
Da passt es gut zur nationalen Stimmungslage, sich über vermeintlich antiniederländische Stimmungen in Deutschland zu verbreiten. Der Korrespondent der linken „Volkskrant“ schrieb gar, die Deutschen lästerten mit größtem Vergnügen über die Holländer, und unkte: „Für Niederländer, die in Deutschland wohnen, brechen jetzt mühsame Zeiten an.“ Solange die niederländische Delegation in der Schweiz rosige Zeiten erlebt, hat niemand in Holland etwas dagegen.