25.05.2008 · Bei der Fußball-Europameisterschaft hat die Schweiz Deutschland 6:1 geschlagen. Mit der dünnen Luft auf Europas höchstgelegenem Fußballplatz kam die deutsche Mannschaft nicht zurecht. Trotzdem ist die Bergdorf-EM auch für sie ein besonderes Fußballfest.
Von Daniel Meuren, StaldenriedKurt Abgottspon braucht keine Laktattests, um seine Nationalspieler von der Überlegenheit der eigenen Physis zu überzeugen. „Je länger das Spiel dauert, umso mehr Vorteile haben wir, was die Luft angeht“, sagt der Trainer der Schweizer Bergdorf-Nationalmannschaft ganz einfach. Seine Spieler glauben ihm bei der Bergdorf-Europameisterschaft, die bis 25. Mai im schweizerischen Wallis ausgetragen wird.
Der Vorteil der Schweizer lässt sich exakt in Höhenmetern bemessen. Die Auswahl der Eidgenossen baut ausschließlich auf Spieler, die im Sommer auf 2000 Metern über dem Meeresspiegel ihr Leben verbringen und dem Fußball hinterherjagen. Möglich ist das im kleinen Örtchen Staldenried am östlichen Hang des Vispertales, dessen Fußballklub FC Gspon als Ausrichter der Bergdorf-EM die Nationalmannschaft stellt.
Mehr Hämoglobin dank Höhenvorteil
Staldenried setzt sich aus vier Ortsteilen zusammen. Die höchste Siedlung Gspon diente den Staldenriedern früher nur im Sommer während der Almwirtschaftszeit als Aufenthaltsort. Nur hier finden die Kinder des sonst zu steilen Dorfes genug horizontalen Platz zum Kicken. Noch heute hat beinahe jeder Gsponer wegen der alten Dorfgeschichte einen Zweitwohnsitz in Gspons luftigen Höhen. „Ich lebe wegen der Idylle da oben ein halbes Jahr in 2000 Metern in unserem Chalet“, sagt Diego Abgottspon, der nur deshalb denselben Nachnamen wie sein Trainer trägt, weil mehr oder minder das halbe Dorf den Familiennamen teilt.
Aufgrund der Lebensumstände haben die Schweizer deutlich mehr Hämoglobin in ihrem Blut als die – zumindest aus geographischer Sicht – ärgsten Rivalen aus Österreich und Frankreich. Die Spieler aus den Schweizer Nachbarländern kicken gewöhnlich auf rund 1000 Meter Höhe im französischen Morzine und im österreichischen Kleinarl. Das ist freilich nichts im Vergleich zum höchsten Fußballplatz Europas.
Am Eingang des Tals wuchs Sepp Blatter auf
Dieses Spielfeld ist nun an diesem Wochenende Schauplatz des einzig wahren Fußballgipfels des Jahres 2008. „Wir dachten uns, dass wir mit unserem höchsten Platz Europas eine Verpflichtung haben, mal solch ein Turnier auszurichten“, sagt Fabian Furrer, der Chef des Organisationskomitees. Bis zum Endspiel streiten sich deshalb Teams aus acht Nationen um den Sieg im Schatten des 3934 Meter hohen Bietschhorns, des sogenannten „Königs des Wallis“.
Es ist eine Ironie der Fußballgeschichte, dass dieses Turnier ausgerechnet in der Heimat von Fifa-Präsident Joseph Blatter stattfindet. Am Eingang des Tals ist der kleine Sepp von Kindesbeinen an mit dem Ball am Fuß in Visp aufgewachsen. Die Gsponer hat Blatter nun aus Heimatverbundenheit mit ungewohntem Großmut unterstützt.
Die schwedischen Bergkicker kommen aus dem Tiefland
Zugleich gilt der oberste Fußballherrscher in Teilen Südamerikas aber als der größte Feind des großen Bergfußballs, weil er dort die Qualifikationsspiele für seine Fußball-Weltmeisterschaften in den Andenhöhen von Peru, Bolivien oder Kolumbien zu verbieten versucht mittels einer Höhenbeschränkung für Fifa-Spiele auf maximal 2500 Meter.
Um solche Probleme scheren sich die Bergdorfkicker im Wallis nicht. Sie waren alles andere als streng bezüglich der Anforderungen an ein Bergdorf, um acht europäische Teams zusammenzubekommen. Die Teams aus Holland und Schweden kommen aus Ortschaften auf Meeresniveau. Die Gsponer sind die Einzigen, die sich Woche für Woche im Fußball auf solch hohem Niveau üben – zumindest in den sechs bis sieben schneefreien Monaten. Das ganze Vispertal und einige benachbarte Bergdörfer haben sich schon vor vielen Jahren zu einer Bergdorf-Meisterschaft zusammengeschlossen, um die mit größtem Ehrgeiz gekämpft wird.
Holzschnitzel machen den Platz bespielbar
„Dieser Wettbewerb ist für uns wegen der Lokalrivalität noch wichtiger als die Europameisterschaft und ist eigentlich unsere Weltmeisterschaft“, sagt Kurt Abgottspon. Die größten Rivalen des FC Gspon um den Platz auf dem Bergdorfmeisterschafts-Gipfel sind die Teams aus den großen Skitourismus-Orten Saas oder Zermatt. Für die Bergdorf-Europameisterschaft haben sich die Gsponer mit fünf Helfern von den sonstigen Konkurrenten verstärkt. Es geht ja schließlich um die Reputation der Schweiz. Nationaltrainer Abgottspon baut dabei auf die dünne Luft in Gspon: „Einen gewissen Höhenvorteil haben wir sicher. Aber was sollen wir Schweizer machen, wenn der Heimvorteil uns bei der richtigen EM wohl nicht wirklich voranbringt?“
In der Vorrunde mussten sich Abgottspons Schweizer dennoch den Spaniern geschlagen geben, die in der Heimat auf gerade mal 200 Meter Höhe trainieren. Trotzdem hoffen die Gsponer vor mehr als 1000 Zuschauern, die am Samstag den Berg hinaufgewandert sind, auf den Titel. Schließlich haben sie neben dem Höhenvorteil auch noch Regel- und Platzvorteile gegenüber ihren Mitbewerbern. In der Höhe wird nämlich auf einem mit Ausmaßen von 60 mal 30 Metern deutlich kleineren Feld mit nur sieben Feldspielern gespielt, außerdem gibt es kein Abseits. Zudem spielen sie in Gspon seit Ende der 80er auf Holzschnipseln, die den vor allem nach der Schneeschmelze sehr tiefen und matschigen Boden in eine spielgerechtere Form bringen.
Training auf dem Pferdeplatz - ohne Erfolg
Die deutsche Nationalmannschaft trainierte wegen der besonderen Spielbedingungen vor dem Turnier auf einem Pferdeplatz. Im Eröffnungsspiel brachte den Deutschen diese Vorbereitung freilich nichts. Die Gastgeber aus Gspon fegten die vom bayrischen Kreisligaklub ZSV Rugendorf gestellte Auswahl humorlos mit 6:1 vom Platz.
Die Deutschen hat dabei das Gefühl beschlichen, „dass der Ball schneller fliegt als bei uns zu Hause“. Ob der Ball tatsächlich wegen des geringeren Luftwiderstands in alpinen Höhen merklich flotter seinen Weg vom Schussbein bis zur Torlinie findet, weiß aber nicht mal Gspons Torwart Tobias Abgottspon zu sagen. „Ich weiß nur aus leidiger Erfahrung, dass er sehr schnell den Berg hinunterrollt, wenn einer mal zu hoch und weit am Tor vorbeischießt.“
Spanien wurde mit einem 2:0 im Finale gegen Schweden Bergdorf-Europameister. Die Iberer gewannen das Halbfinale 5:0 gegen Frankreich, während die Schweiz überraschend 0:1 gegen Schweden unterlag. Den Gastgebern blieb der dritte Rang durch ein 6:5 nach Penaltyschießen gegen Frankreich.
Die deutsche Mannschaft hat nach dem 1:6 gegen die Schweiz immerhin ein 2:2 gegen Italien ereicht, belegte nach dem respektablen 0:1 gegen Spanien aber nur den vierten und letzten Gruppenplatz. Kleiner Trost: Auch die Niederlande holte in Gruppe B nur einen Punkt und wurde hinter Österreich Gruppenletzter.