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Marcel Reich-Ranicki über Grass
Es ist ein ekelhaftes Gedicht
Was gesagt werden kann
Es ist ja nun nicht völlig neu, dass ein Künstler eine
abscheuliche politische Position vertritt, sein Kunstwerk sich jedoch
vollständig davon löst und Autonomie gewinnt. So ungern ich
das sage, im Falle von GG Gedicht ist dies der Fall. Die
ästhetische Bewertung, das sensuelle Abfühlen seiner
Oberfläche hat erstaunlicherweise noch kaum stattgefunden. An den
öffentlichen Reaktionen, an der Unstillbarkeit der Empörung,
an der bräsigen Zugestimmtheit wird im Gedicht ein Index sichtbar,
welcher der deutschen Gesellschaft und seiner geschichtlichen Verfassung
angelegt wird. Dass Grass weit hinter der Erkenntnis des Gedichts
zurückbleibt, ist nicht tragisch: zur künstlerischen
Produktion gehört nicht notwendigerweise die Selbsterkenntnis, nach
Freud könnte sie sogar hinderlich sein. Die Unfähigkeit der
Deutschen, auf geschichtliche Verhältnisse politisch, auf
ästhetische kritisch zu reagieren, ist das Menetekel dieses
Gedichts; noch liegen wir weit hinter dem, was gesagt werden kann, zurück
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