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Veröffentlicht: 13.06.2011, 06:00 Uhr

Wissenschaftsphilosophie Krumme Wege der Vernunft

Wissenschaft hat eine Geschichte, wie kann sie dann aber rational sein? Im Briefwechsel zwischen Ludwik Fleck und Moritz Schlick deuteten sich bereits Antworten an.

von Fynn Ole Engler und Jürgen Renn
© ÖNB Bildarchiv Austria Moritz Schlick auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1930

Wo ist die Vernunft zu Hause, wenn nicht in der Wissenschaft? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich in der Wissenschaftsphilosophie eine Richtung, die entschieden dieser Ansicht war. Durch die Umbrüche im und nach dem Ersten Weltkrieg schien die Welt aus den Angeln gehoben. Zugleich aber hatten sich wissenschaftliche Revolutionen wie die Ablösung der Newtonschen Physik durch die Relativitätstheorie ereignet. Wissenschaftliches Vorgehen war dabei zu tieferen Ebenen der Wirklichkeit vorgedrungen und bot sich damit als Modell für vernünftiges Vorgehen überhaupt an. Ein Zentrum dieser Idee war der "Wiener Kreis" um den Philosophen und Physiker Moritz Schlick.

Der Gedanke hatte seine Zeit, aber diese Zeit ging vorüber. In den 1960er Jahren forderte der Amerikaner Thomas S. Kuhn - und wenig später der Österreicher Paul Feyerabend - die zur Tradition gewordene Wissenschaftstheorie heraus. Ihre historischen Einsichten in den Wandel von Wissensstrukturen begannen die Wissenschaftsgeschichte immer mehr ins Zentrum von Fragen nach der Natur des wissenschaftlichen Denkens und seinen Kontexten zu rücken. Statt als Modell richtigen Vernunftgebrauchs wurde Wissenschaft, allen voran die Physik, damit als etwas begriffen, das sich immer auch allerlei historischen und damit außerrationalen Umständen verdankt.

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Nun hatten Kuhns Überlegungen einen Vorläufer in dem bereits in den 1930er Jahren verfassten, damals aber kaum beachteten Werk Ludwik Flecks. Heute steht Fleck für eine eher literatur- und kulturwissenschaftlich geprägte Diskussion rund um Theorie und Geschichte der Wissenschaft mit dem Augenmerk auf lokalen Kontexten, spezifischen Laborsituationen und sprachlichen Rahmenbedingungen. Hingegen steht eine Wissenschaftstheorie, die an die Tradition des "Wiener Kreises" anknüpft und den Anspruch der wissenschaftlichen Rationalität zu verteidigen versucht, scheinbar auf verlorenem Posten. An vielen philosophischen Fakultäten gilt sie als altmodisch und überwunden. Doch ist dieser Gegensatz von Vernunft und Historizität tatsächlich so unüberbrückbar? Vielleicht nicht, wenn man zu Ludwik Fleck zurückgeht.

ludwik fleck © Foto ETH Zürich Vergrößern Ludwik Fleck (1896 bis 1961). Sein Hauptwerk über die „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache” erschien 1935.

Tatsächlich sind die historischen Einsichten in den kontextabhängigen Charakter der Wissenschaft aus den letzten Jahrzehnten so zahlreich und bedeutend, dass es immer schwieriger wird, wissenschaftliche Rationalität aus methodischen Prinzipien heraus zu rechtfertigen - oder wissenschaftliche Theorien als axiomatische, also aus wenigen unmittelbar evidenten Aussagen ableitbare Systeme zu rekonstruieren. Haben uns nicht erst die Wissenschaftshistoriker über die reale Praxis der Wissenschaft aufgeklärt, statt ein abstraktes Idealbild zu entwerfen, wie es in der Wissenschaftstheorie häufig geschieht? Und erscheint es angesichts der vielfältigen Kopplungen der Wissenschaft an die Sphäre des Sozialen und Politischen überhaupt noch sinnvoll, sie als einen Modellfall der Vernunft aufzufassen? Diese Fragen führen zurück an einen historischen Augenblick, der wie kaum ein anderer den Bruch zwischen der Wissenschaftstheorie und der Wissenschaftsgeschichte symbolisiert: den kurzen Briefwechsel zwischen Moritz Schlick und seinem ersten großen wissenschaftshistorischen Kritiker Ludwik Fleck.

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