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Veröffentlicht: 07.06.2011, 06:00 Uhr

Wissenschaftsgeschichte Die Passion des Ludwik Fleck

Geboren im Habsburgerreich, nach dem Ersten Weltkrieg Pole, ins KZ geworfen von den Deutschen - sein Schicksal ließ dem Arzt und Forscher, der heute vor fünfzig Jahren starb, nicht viel Zeit zum Philosophieren. Er hat sie trotzdem genutzt.

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© Foto ETH Zürich Ludwik Fleck (1896 bis 1961). Sein Hauptwerk über die „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache” erschien 1935.

Wie rekonstruiert man ein Leben, von dem kaum Spuren blieben? Ein Leben, über das zwei Weltkriege, der Holocaust, eine Emigration und ganz zuletzt noch eine Geheimdienstaffäre hinweggegangen sind? Wer wissen will, was für ein Mensch Ludwik Fleck war, bekommt es mit einem Jahrhundert zu tun, das Millionen von Opfern verschlang. Für manche, die es überlebten, war das ein Wunder: Seinen Studenten soll sich Fleck Anfang der fünfziger Jahre mit den Worten "Ludwik Fleck, Jude und Mikrobiologe" vorgestellt haben; dass einer wie er davonkommen konnte, war eine Ausnahme.

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Dokument 0-3/650 in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem enthält die nüchternen Fakten. Geboren am 11. Juli 1896 im galizischen Lemberg, heute Lwiw (ukrainisch), vormals Lwow (polnisch), zwischenzeitlich sowjetisch und deutsch besetzt. Sein Vater Maurycy unterhielt einen Malerbetrieb. Aus der Ehe mit seiner Frau Sabina gingen außerdem zwei Töchter hervor. Der Sohn beendete 1914 das Gymnasium und schrieb sich zum Medizinstudium ein, das er nach Unterbrechungen durch den Heeresdienst mit der Promotion abschloss. Bis 1923 arbeitete Fleck als Assistent des Typhusspezialisten Rudolf Weigl, dann eröffnete er unter der Adresse Ochronek 8 ein privates Labor. Im selben Jahr heiratete er Ernestine Waldman, die den Sohn Richard zur Welt brachte.

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Im Getto

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geriet Lwow zunächst unter sowjetische Herrschaft. Fleck wurde zum Dozenten und Leiter der Mikrobiologie ernannt. Nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion wurde er 1941 er von seinen Posten vertrieben und ins jüdische Getto gesperrt. Wie es dort zuging, schilderte er dem Publizisten Eugen Kogon später im Konzentrationslager Buchenwald: "Für jeden Juden rechnete man zwei Quadratmeter Wohnfläche. Geschäfte gab es nicht, nur geschmuggelte Esswaren. Die sanitären Verhältnisse waren entsetzlich. Etwa siebzig Prozent der Bevölkerung erkrankten an Fleckfieber." Hinzu kam das Schreckensregime der SS: Die deutschen Besatzer veranstalteten Menschenjagden mit Hunden, schleppten Schwerkranke mit offenen Wunden und gebrochenen Gliedern auf die Straße, trieben Alte und Kinder zusammen, die ins Lager Belzec abtransportiert und vergast wurden. Von 140 000 jüdischen Einwohnern Lembergs war ein Jahr später gerade noch ein Zehntel am Leben. Im März 1943 wurde das Lemberger Getto endgültig niedergebrannt.

Das von Fleck erwähnte "Fleckfieber" trägt nur zufällig seinen Namen. Hervorgerufen wird es durch das Bakterium Rickettsia prowazekii, das durch Läuse, Milben, Zecken oder Flöhe übertragen wird. Schon Napoleons Armee erlitt während des Russlandfeldzugs schwere Verluste durch Fleckfieber, weil die Kälte die Soldaten daran hinderte, ihre Kleidung zu waschen. Hitlers Invasion im Osten sollte auf dasselbe Problem stoßen.

Ein Impfstoff gegen Fleckfieber

Ludwik Fleck kannte sich mit Fleckfieber aus. Das rettete ihm das Leben. Noch im Getto begann der Arzt und Mikrobiologe unter primitivsten Bedingungen mit der Entwicklung eines Impfstoffs. Er gewann ihn aus dem Urin infizierter Patienten. Über die Ergebnisse berichtete Fleck unmittelbar nach dem Krieg in einer polnischen und einer amerikanischen Fachzeitschrift: "Mit dieser Vakzine impfte ich mich und meine nächsten Verwandten. Danach führten wir mit Genehmigung der deutschen Macht ungefähr fünfhundert Impfungen im städtischen Arbeitslager durch. Auch von den geimpften Personen erkrankte eine beträchtliche Zahl. Die Morbidität der Nichtgeimpften betrug damals fast hundert Prozent. Ich und mein Sohn steckten uns im Lager Auschwitz an, sieben Monate nach der Impfung. Unsere Erkrankung dauerte sieben Tage, der Ausschlag war deutlich. Ich konnte die ganze Zeit physisch arbeiten, mein Sohn lag kaum einige Tage, der Verlauf war also sehr gutartig."

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