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Strahlengefahr Furcht ist stärker als Wissen

Radioaktive Strahlung ist gefährlich, ihre Grenzwerte zur Gesundheitsschädlichkeit und die langfristigen Folgen sind nicht leicht abschätzbar. Doch weit häufiger als der Körper leidet nach einer Reaktorkatastrophe die Seele.

© ddp Vergrößern Das Risiko will abgeschätzt sein: Beleuchtetes Reaktorbecken während einer Inspektion.

Mal steigt weißer Rauch über den Trümmern in Fukushima auf, mal grauer. Filmsequenzen zeigen seltsam verhüllte Arbeiter über das Kraftwerkgelände stapfen, nebenbei informieren Nachrichtensprecher darüber, wie es um Reaktorblock 3 steht und dass im Luftraum über Deutschland zusätzliche Radioaktivität gemessen wird. Vom Sofa aus lassen wir dann den Blick über zerstörte Städte an der japanischen Küste schweifen, sehen den Tenno vor laufender Kamera Leitungswasser trinken. Irgendwann schalten wir ab. Tsunami, Erdbeben, Reaktorkatastrophe - wenn Fernsehen, Radio und Internet verstummt sind und die Zeitung im Altpapier liegt, haben wir den Moment schon wieder verdrängt, in dem sich Angstlust, Faszination, Sorge, Mitgefühl, Neugier und Interesse vermischen.

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Wer all das leibhaftig erfahren muss, entkommt den Bildern nicht so leicht. Ein Teil der Überlebenden wird posttraumatische Belastungsstörungen (post-traumatic stress disorder, PTSD) entwickeln. Wie viele darunter leiden werden, lässt sich kaum vorhersagen. Nach Katastrophen solchen Ausmaßes können es 10 bis 40 Prozent der Betroffenen sein; manche Studien lassen bis zu 75 Prozent befürchten. Nächtliche Angstträume rauben ihnen dann den Schlaf, tagsüber quälen Flashbacks: Die Opfer sehen sich vor der Welle, hilflos, sehen Angehörige ertrinken. Abgesehen von körperlichen Verletzungen und Schmerzen - was macht ein desaströses Erlebnis zum Trauma? "Aus meiner Sicht ist es die Erfahrung des völligen Kontrollverlusts. Es passiert mir, und ich kann nichts dagegen tun", sagt Ulrich Schnyder, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsspital Zürich. Die PTSD-Symptome reproduzieren später genau das: Die Erinnerungen drängen sich auf, ob der Betroffene will oder nicht. Seine Albträume lassen sich nicht kontrollieren, das traumatische Erlebnis wiederholt sich. Besonders für Menschen aus westlichen Industrienationen, die glauben, alles im Griff zu haben, sei das eine extreme Erfahrung, sagt Schnyder, der Schweizer Opfer des Tsunamis nach dem Sumatra-Beben im Jahr 2004 betreute und einige von ihnen auch in einer Studie befragte.

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Und für Japaner, deren stoische Haltung angesichts des Schreckens beeindruckt? Selbst für sie dürfte diese dreifache Tragödie ein Ausmaß besitzen, das nicht nur Behörden und Notfallpläne überfordert, das nicht nur Logistik und Energieversorgung zusammenbrechen lässt, sondern die Bevölkerung zutiefst erschüttert, auch wenn Erdbeben für sie beinahe zum Alltag gehören. Zu den natürlichen Katastrophen, die Japaner vielleicht als Schicksal oder außergewöhnlichen Lebensumstand akzeptieren würden, gesellt sich obendrein noch ein technisches Desaster. Dass dem Menschen dabei eine Schuld zukommt, wäre schlimm genug, doch handelt es sich hier um eine ganz besondere Herausforderung. "Radioaktivität führt die Liste an, wenn man Menschen nach ihren Ängsten befragt", sagt Evelyn Bromet von der New York State University in Stony Brook.

Bromet hat die psychologischen Folgen von Reaktorunfällen mehrfach untersucht und gilt als Autorität auf dem Gebiet der Traumaforschung. Sie dokumentierte die Auswirkungen nach dem Unglück am 25. März 1979 im amerikanischen Atomkraftwerk Three Mile Island nahe Harrisburg, und sie widmete sich den Betroffenen von Tschernobyl, wo sich im April vor 25 Jahren der bisher folgenschwerste nukleare Unfall ereignete.

Nicht Leukämie oder Missbildungen sollten sich hier als größtes Gesundheitsproblem erweisen, sondern das mentale Leid mit durchaus somatischen Auswirkungen, seien es nun Bluthochdruck, Kopf- oder Magenschmerzen, Depressionen, Panikattacken, Angststörungen, PTSD, Alkoholmissbrauch oder Suizid. Sowohl der "Tschernobyl Forum Report" kam 2006 zu diesem Schluss wie zuvor auch die Weltgesundheitsorganisation WHO. Viele der Betroffenen empfanden diese Schlussfolgerung als neues Stigma. Nach dem Unfall hatte man ihnen schon einmal eine "Strahlenphobie" attestiert: "Keine echte Diagnose", sagt Bromet, "sondern eine Art Label, das sie ausgrenzen sollte, ihre Intelligenz anzweifelte und ihre Ängste kleinredete." Dabei sei es für die Menschen nach einem derartigen Desaster am hilfreichsten, wenn Ärzte und andere Ansprechpartner ihre psychologischen Probleme mit dem gleichen Respekt behandelten wie die physischen. Entsprechend ausgebildete Mediziner würden in der Ukraine allerdings meist fehlen. Die Hausärzte wüssten zu wenig über psychische Probleme, erst recht nicht, wie damit umzugehen sei.

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Veröffentlicht: 29.03.2011, 06:00 Uhr