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Natur : Beim Denken sind Tiere auch nur Menschen

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In Japan lassen Krähen die Nüsse von Autos knacken und sammeln sie in den Rotphasen ein Bild: Nora Coenenberg

Intelligenz zu testen - das ist schon bei uns gar nicht so einfach. Dennoch stoßen Forscher im Tierreich auf ganz erstaunliche kognitive Fähigkeiten.

          Es kann keinen Zweifel geben, dass der Abstand zwischen dem Geist des dümmsten Menschen und dem des klügsten Tieres immens ist. Und doch ist dieser Unterschied sicher nur gradueller Natur“, schrieb Charles Darwin 1871. Damit war er seiner Zeit noch weiter voraus als mit der Evolutionstheorie. Hundert Jahre später hatte man sich halbwegs damit abgefunden, dass Mensch und Schimpanse vom selben Vorfahr abstammen. Intelligenz sprachen die meisten Forscher Mitte des 20. Jahrhunderts jedoch noch ausschließlich dem Menschen zu. Tiere waren für sie Automaten, die auf bestimmte Reize bestimmte Reaktionen zeigen, über deren Sinn oder Unsinn sie aber nicht nachdenken können.

          Das hat sich inzwischen grundlegend geändert. Die verblüffenden Fähigkeiten vieler Tiere, die die relativ junge Forschungsrichtung der vergleichenden Kognitionsforschung seither nachgewiesen hat, lassen nur einen Schluss zu: Wir sind nicht die einzigen klugen Wesen auf der Welt.

          Gedächtniskünstler

          Nicht nur Elefanten haben ein sprichwörtlich gutes Erinnerungsvermögen. Gerade unter Vögeln finden sich wahre Gedächtniskünstler. So etwa der amerikanische Kiefernhäher, der im Herbst Kiefernsamen im Boden vergräbt, mit denen er im folgenden Winter seinen Hunger stillt. Ein einziger Häher legt dabei jeden Herbst Tausende von unterschiedlichen Versteckplätzen an und merkt sich über Monate hinweg genau deren Position - eine Leistung, zu der kein Mensch fähig ist. Da aber selbst ein Häherhirn mal ein Versteck vergisst, haben auch die Kiefern etwas von der Vorratshaltung: Verbummelte Samen keimen in Frühjahr zu neuen Bäumen aus.

          Fledermäuse denken anders. Doch wie ihre Geisteswelten beschaffen sind, wissen wir nicht

          Besonders ausgiebig untersucht wurde das gute Gedächtnis von Tauben. In einem berühmten Experiment zeigten die Amerikaner William Vaughan und Sharon Greene ihren Versuchstauben Fotos mit menschlichen Gesichtern. Bei der Hälfte der Bilder gab es gleichzeitig etwas zu fressen, bei der anderen Hälfte passierte nichts weiter. Die Tauben lernten sehr schnell, welche der Fotos ein Futtersignal waren und welche nicht. Am Ende konnten sie bis zu 320 verschiedene Motive wiedererkennen und sprangen, wenn sie ein Futtersignal sahen, zum Fressnapf. Das winzige Gehirn einer Taube fasst also eine Riesenmenge an Information - und das auch noch für lange Zeit: Als die beiden Forscher ihre Vögel zwei Jahre nach den ersten Experimenten erneut testeten, konnten diese die meisten Bilder immer noch korrekt zuordnen.

          Episodisches Menschendenken

          In Experimenten mit Goldfischen, Fröschen, Kühen, Affen und sogar Honigbienen erwiesen sich auch viele andere Tierarten als mehr oder minder gedächtnisbegabt. Doch eine spezielle Form des Erinnerns halten viele Forscher nach wie vor für typisch menschlich: das sogenannte episodische Gedächtnis, mit dessen Hilfe man lange zurückliegende Erlebnisse mehr oder weniger genau vor dem inneren Auge wiederauferstehen lassen kann. Ob sich aber etwa eine von Vaughans und Greenes Tauben beim Betrachten eines Fotos tatsächlich den Tag und die Situation wieder vor das innere Auge rufen kann, als sie das Bild zum ersten Mal sah, oder ob sie einfach nur intuitiv weiß: „Ah, das bedeutet Futter!“, ist eine experimentell schwer zugängliche Frage. Und fragen kann man Tiere leider nicht.

          Die Fähigkeit, zu lernen und das Erlernte später sinnvoll anzuwenden, ist der wohl wichtigste Aspekt von Intelligenz - aber sie ist nicht unbedingt dasselbe. Denn sogar unbestritten dumme Seeanemonen gewöhnen sich mit der Zeit daran, wenn man sie kitzelt und ziehen ihre Fangarme bald nicht mehr ein. Dieses sogenannte Gewöhnungslernen beherrschen auch Pantoffeltierchen oder die Druck-Sinneszellen der Haut. Anders sieht das bei komplizierteren Lernaufgaben aus. Ein Klassiker sind Versuche mit Ratten, die bei jedem neuen Versuch, den Weg durch ein Labyrinth zu finden, ein wenig schneller werden. Nach einer Weile laufen sie schließlich schnurstracks von A nach B, wo normalerweise eine Futterbelohnung auf sie wartet.

          Versuch und Irrtum

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