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Veröffentlicht: 15.06.2011, 06:00 Uhr

Linguistik Noam Chomsky Superstar

Der amerikanische Sprachforscher ist heute vor allem als linker Aktivist bekannt. Dass er vor sechzig Jahren die gesamte Linguistik revolutionierte, gerät darüber fast in Vergessenheit. Gelten seine Theorien immer noch?

von Georg Rüschemeyer
© EPA Linguistik-Professor und Medienstar: Noam Chomsky

Schon eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung ist die große Aula der Universität Köln mit mehr als tausend Menschen rappelvoll. Noch einmal so viele verfolgen das Geschehen per Videoübertragung im nahen Seminargebäude. Doch weder Tokio Hotel noch der Papst sind am vergangenen Montag in Köln zu Gast, sondern der amerikanische Linguist und Philosoph Noam Chomsky. Und der macht nach einer stürmischen Begrüßung durch die Anwesenden auch nichts anderes, als wie angekündigt eine Stunde lang über die sonst wenig publikumswirksame Frage zu dozieren, was die menschliche Sprache von anderen kognitiven Systemen unterscheidet.

Dabei verzichtet Chomsky auf jegliche Hilfe von Powerpoint-Folien oder Handouts, was es nicht gerade leichter macht, der brüchigen Stimme des 82-Jährigen und seinen komplexen Gedankengängen zu folgen. Doch die meisten der Anwesenden sind ohnehin nicht wegen des Linguisten Chomsky gekommen; sie wollen nur einmal mit eigenen Augen den prominenten linken Intellektuellen und bekennenden Anarchisten sehen. In dieser Rolle wurde Chomsky, der schon Mitte der fünfziger Jahre als junger, hochbegabter Mann an das renommierte Massachusetts Institute for Technology (MIT) in Boston kam und dort bald Professor wurde, spätestens seit seiner scharfen Verurteilung des Vietnam-Kriegs bekannt.

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Heute gilt der aus einem streng jüdischen Elternhaus stammende Chomsky als einer der einflussreichsten Kritiker amerikanischer und israelischer Außenpolitik und als Galionsfigur der Anti-Globalisierungsbewegung. Dass seine Rolle als Sprachforscher dabei in der öffentlichen Wahrnehmung immer mehr in den Hintergrund geriet, scheint auch Chomskys Selbstbild zu entsprechen: "Die Linguistik ist für Chomsky schon lange zur Nebenbeschäftigung geworden. Und doch halten seine Lehren die ganze Disziplin nach wie vor in ihrem Bann", meint der Linguist Martin Haspelmath vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Auf dem Weg in die Tiefe

In der modernen Linguistik steht Chomskys Name vor allem für die sogenannte generative Grammatik, die er bereits in den fünfziger Jahren formulierte. Ausgangspunkt war die Frage, wie es dem Menschen schon als Kind gelingen kann, mit einer begrenzten Zahl sprachlicher Mittel eine unendliche Vielfalt von Sätzen zu erzeugen. Die Antwort des damals noch vorherrschenden Behaviorismus lautete, dass der Spracherwerb wie jegliches erlerntes Verhalten das Resultat eines Reiz-Reaktions-Trainings sei: Kinder lernen Wörter und grammatikalische Regeln durch Imitation des Gehörten sowie durch Lob und Tadel der Eltern - ähnlich wie eine Laborratte lernt, eine bestimmte Taste zu drücken, um Futter zu bekommen oder einen Stromstoß zu vermeiden.

Chomsky lehnte diese Sichtweise ab. Seiner Meinung nach kann nur ein bereits von Anfang an dafür angelegtes Gehirn die Leichtigkeit erklären, mit der Kinder trotz des oft recht geringen Inputs aus ihrer Umwelt Sprache erlernen. Er postulierte einen angeborenen "Spracherwerbsapparat", der einem bei allen Menschen gleichen Fundus grundlegender Regeln für Produktion und Verständnis von Sprache gehorche.

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