http://www.faz.net/-gmu-yrt3

Bienensterben? : Volk der Bienen, quo vadis?

  • -Aktualisiert am

Wie steht es denn wirklich um ihre Populationen in Deutschland? Biene bei der Sammelarbeit. Bild: dpa

In Deutschland tobt ein wilder Streit zwischen Imker-Funktionären und Wissenschaftlern. Die einen sind sich sicher, dass ihre Tiere an Pestiziden zugrunde gehen. Die anderen erklären, dass es hierzulande gar kein Bienensterben gibt.

          Eine Bremer Bürgerin ist besorgt. Sie lässt sich an der ortsansässigen Universität bis zur Professorin durchstellen. Sie bietet Geld an, will per Spende helfen, die heimische Honigbiene vor dem Aussterben zu retten.

          Die Professorin heißt Dorothea Brückner und ist eine der renommiertesten deutschen Bienenforscherinnen. Das Geld hat sie nicht angenommen. Nicht, weil die Bienen gar nicht mehr zu retten wären, sondern, weil sie ihrer Ansicht nach nicht gerettet werden müssen. Denn, sagt Brückner, das bedrohliche, gern auch als mysteriös bezeichnete Bienensterben mit über den Winter massenhaft und in nie dagewesenem Ausmaß kollabierenden Völkern - bekannt aus Presse, Funk und Fernsehen - "gibt es in Deutschland gar nicht".

          Wer in den vergangenen Jahren die Meldungen über das sich angeblich auch hierzulande immer weiter ausbreitende, offiziell Colony Collapse Disorder (CCD) genannte Phänomen verfolgt hat, dürfte sich über ihre Aussage wundern. In Berlin traf sich vergangene Woche das Who's who der Bienenforschung im deutschsprachigen Raum, und auch Dorothea Brückner nahm an der Jahrestagung der Bieneninstitute teil. Sie wurde von ihren Kollegen nicht etwa für ihre ketzerischen Aussagen links liegengelassen, ganz im Gegenteil. Egal, wen man dort fragte, die Antwort war stets dieselbe: Beispiellose Verluste von Bienenvölkern über den Winter? Unmengen verwaister Kolonien, in denen fast alle Arbeitsbienen fehlen und die paar verbliebenen die Nahrungsaufnahme verweigern? Diesen mysteriösen Bienenmassentod gibt es in Deutschland nicht.

          Varroa an erster Stelle

          Im Projekt "Deutsches Bienenmonitoring" (DEBIMO) sammeln seit 2004 bundesweit 120 Imker Daten zu Stärke und Verlusten der Völker, Schädlingsbefall, Pestizidbelastung und weiteren Parametern. Sie geben diese an die Bienenforschungsinstitute weiter, wo sie dann ausgewertet werden. Eine erste große wissenschaftliche Veröffentlichung dazu erschien kürzlich im Fachjournal Apidologie. Das Ergebnis: Kein massenhafter Kollaps, je nach Jahr starben zwischen vier und fünfzehn Prozent der Völker. Auch über den nicht gerade milden Winter 2010/11 sind nach jüngsten Schätzungen deutlich mehr als 80 Prozent der Bienenvölker gekommen. Ähnliche Überlebensraten sind seit Imkergedenken die Regel, von der es aber durchaus Ausnahmen gibt. Im Frühjahr 2003 fehlten 30 Prozent der Kolonien, und diese besorgniserregende Beobachtung gab auch den Anlass für das Monitoringprojekt. Dabei sind selbst solche Verluste von Völkern kein modernes Phänomen, urkundliche Erwähnungen gehen bis ins zehnte Jahrhundert zurück.

          Die Daten aus den ersten vier Monitoring-Jahren, sagt Peter Rosenkranz von der Universität Hohenheim, identifizieren die Ursachen der Verluste in diesem Zeitintervall eindeutig: "Der wichtigste Faktor ist Varroa, der zweitwichtigste Varroa, dann kommt Varroa, und dann noch ein paar andere Einflüsse wie Viren oder die Imker selbst." Varroa destructor ist eine Milbe, die Ende der siebziger Jahre aus Asien nach Europa eingeschleppt wurde - ausgerechnet von Forschern eines deutschen Bieneninstituts. Der Parasit kann Kolonien derart schwächen, dass sie sterben, und außerdem andere Schädlinge übertragen, zum Beispiel das "Deformed Wing Virus". Ein Imker, der die Milben nicht bekämpft (mit Ameisensäure, Oxalsäure oder allerlei anderer Chemie) verliert nach einem Jahr die Hälfte seiner Völker, nach zweien fast alle.

          "Wir haben jetzt wissenschaftliche Daten für das, was alle lange schon wussten: Varroa-Milben sind das Problem", bestätigt Elke Genersch vom Länderinstitut für Bienenkunde in Hohen Neuendorf bei Berlin, Erstautorin des Apidologie-Artikels. Neue Strategien gegen den Schädling zu entwickeln stehe deshalb jetzt ganz oben auf der Agenda.

          Gift in der Nahrungskette

          Allerdings kann von Friede, Freude und Honigkuchen in der Bienenforscher-Imker-Community angesichts von Entwarnung und Identifikation des Hauptfeindes keine Rede sein. Die Führungsetage des Deutschen Berufsimkerbundes hat für die Bienenforscher und ihre Ergebnisse nichts als Sarkasmus übrig: "Wir sind die Praktiker, wir sehen doch, dass unsere Bienen sterben, und es ist ganz klar, dass die systemischen Pflanzenschutzmittel daran schuld sind", sagt Präsident Manfred Hederer. Auch die Naturschutzorganisationen Nabu und Bund reagieren mit harscher Kritik. Von "schlechter Wissenschaft" spricht Nabu-Vizepräsident Christian Unselt, und auf der Website seiner Organisation steht in fetten Lettern zu lesen: "Pestizide sind im Wesentlichen für das Bienensterben verantwortlich.

          Die Analysen des Bienenmonitorings haben allerdings Folgendes ergeben: In Proben fermentierter Pollen aus den Bienenstöcken fanden sich zwar Rückstände zahlreicher Pflanzenschutzmittel. Doch egal ob Völker nun unbelasteten oder belasteten Pollen eingelagert hatten, die Wahrscheinlichkeit, den Winter zu überleben, veränderte das nicht. Imker Hederer ist dennoch sicher, dass das Projekt, das anfangs zur Hälfte von den Herstellern der Pestizide finanziert wurde, "gar nichts finden sollte" und die Methoden und Analyselabors entsprechend ausgewählt wurden.

          Tatsächlich haben Pflanzenschutzmittel schon manche Biene das Leben gekostet. Trauriger Höhepunkt war bisher das massenhafte Bienensterben im badischen Rheintal im Frühjahr 2008, das sehr schnell und zweifelsfrei auf den Bayer-Wirkstoff Clothianidin zurückgeführt werden konnte. Man hatte damit Mais-Saatgut stark behandelt, um einem Befall durch den Maiswurzelbohrer vorzubeugen, und das Gift war in die Nahrungskette der Bienen gelangt. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit lässt seither die Zulassung des unter dem Handelsnamen Poncho vertriebenen Mittels ruhen.

          Wie kam das Thema Bienensterben in die Welt?

          Pestizide seien durchaus ein Problem, sagt Elke Genersch, das zeigten solche Unfälle wie der im Rheintal. Als Reaktion auf die Imker-Kritik hat die Arbeitsgemeinschaft der Bieneninstitute nun eine Erklärung veröffentlicht, in der es heißt, die "kombinatorische sowie chronische Wirkung der Substanzen auf Bienenvölker" müsse in Zukunft verstärkt untersucht werden. Das gehe aber schlecht im Rahmen eines Monitorings, sagt Rosenkranz, sondern eher mittels zusätzlicher Experimente.

          Ob die Berufsimker-Funktionäre dieses Friedensangebot akzeptieren, ist noch unklar. Der Präsident des Deutschen Imkerbundes, der Hobby- und Nebenerwerbsimker repräsentiert und damit immerhin 97 Prozent der Bienenhalter in Deutschland, hat in Berlin den Instituten aber sein Vertrauen ausgesprochen. Auch hatten gerade kleinere Imker in der Vergangenheit immer wieder Zweifel am vermeintlichen Bienentod angemeldet. So waren Kommentare wie "Bienensterben 2010 - unsere Völker leben noch" auf den Websites von Imkereien keine Seltenheit, auch wenn Einzelne große Verluste zu verschmerzen hatten.

          Entscheidet man sich, den in einem Fachjournal veröffentlichten und damit unabhängig begutachteten Daten des Bienenmonitorings zu glauben, stellt sich natürlich vor allem eine Frage: Wie kam die Geschichte vom Sterben deutscher Bienenvölker in die Welt, und wie konnte sie sich so hartnäckig halten? Zu den Antworten gehört unter anderen, dass nicht nur Ernährungstrends gerne aus Amerika übernommen werden, sondern auch Katastrophenszenarien, etwa ein mysteriöses Verschwinden der wichtigsten Bestäuber. Dabei wird großzügig übersehen, dass die Bienenhaltung in den Vereinigten Staaten der in Deutschland ebenso wenig ähnelt wie sich die Krankenversicherungssysteme der beiden Nationen gleichen.

          Die Rolle der Medien

          Ein Großteil der Völker gehört dort nicht kleinen Imkern, die gerne Honig schleudern, sondern Unternehmern. Die verdienen ihr Geld vor allem damit, Farmern für Bestäubungsdienste, etwa in deren Obstplantagen, Gebühren zu berechnen. Millionen Völker werden deshalb auf riesigen Trucks mehrfach im Jahr kreuz und quer durch das Land gekarrt. Das stresst die Insekten, bringt eine einseitige Ernährung mit sich und erhöht die Ansteckungsgefahr. "Außerdem muss man bedenken, dass die Imker pro Volk bezahlt werden", sagt Elke Genersch, weshalb es sich lohne, auch schwache Völker aufzustellen. Diese seien dann natürlich eher gefährdet zu sterben und in die Colony-Collapse-Statistik einzugehen. Anderswo scheinen wiederum Faktoren wie etwa das Klima eine größere Rolle zu spielen. In Spanien leiden Bienen unter Pilzen der Gattung Nosema, die von ihren deutschen Cousinen meist problemlos toleriert werden.

          Die Bremer Bienenexpertin Dorothea Brückner sieht in den Medien Mitverursacher des gefühlten Bienensterbens in Deutschland. Mit Meldungen aus Amerika und Verdachtsmomenten hierzulande sei zusammengewachsen, was nicht zusammengehörte. Und schließlich nimmt auf dem Lande tatsächlich die Zahl der Bienenvölker ab, weil es weniger Imker gibt. Insgesamt existieren noch rund 800 000 bis 850 000 Völker.

          Einen Part haben aber auch Insektenkundler bereitwillig übernommen. Den Wissenschaftlern hat die Angst vor dem Bienensterben neue Geldquellen verschafft, zum Beispiel aus EU-Töpfen. Hinweise finden sich beim genauen Hinsehen sogar in dem aktuellen Artikel des Monitoring-Teams. Dort steht nirgends explizit, dass Deutschland kollapsfrei ist. Stattdessen wird immer wieder die Suche nach den Ursachen wirtschaftlich bedrohlicher "ungewöhnlich hoher Winterverluste" als Motiv des Projekts genannt.

          Kein Koloniekollaps-Problem

          Dass es die kollabierenden Kolonien nicht gibt, erkennen in der Forschergemeinde aber nun selbst die an, die lange auf der Welle der Angst mitgeritten sind. Jürgen Tautz, Leiter der BEEgroup am Biozentrum der Universität Würzburg und medial omnipräsenter Experte zum Thema, meint nun angesichts der Datenlage, dass in den vergangenen Jahren wohl nicht weniger Bienenvölker über die Winter kamen als früher. Dass es also kein Koloniekollaps-Problem wie in den Vereinigten Staaten gibt.

          Schlicht die gesteigerte Wachsamkeit angesichts eines möglichen derartigen Phänomens habe das Bienenvolk-Todesphantom in Deutschland zum Leben erweckt: "Wenn Sie sich einen neuen Ford kaufen, haben Sie plötzlich den Eindruck, jeder fährt einen Ford, nur weil die Aufmerksamkeit nun eine andere ist", sagt Tautz heute.

          Gut, dass es Methoden gibt, mit denen man Fords einigermaßen sicher von Skodas und BMWs oder eben Phantommeldungen von Tatsachen unterscheiden kann. Vielleicht gelingt es jenen, denen in Deutschland Bienen besonders am Herzen liegen - Berufsimkern, Freizeitimkern und Bienenforschern - sich jetzt auf gemeinsame Ziele zu einigen, eine bessere Milbenbekämpfung und Pestizidfolgenforschung etwa. Damit ließe sich auch die Wahrscheinlichkeit minimieren, dass der große Kolonienkollaps doch noch kommt. Denn das ist nun wirklich keine schöne Vorstellung.

          Topmeldungen

          Die große Koalition ist ihr Schicksal: Olaf Scholz, Angela Merkel und Horst Seehofer am vergangenen Freitag in Berlin.

          Große Koalition in der Krise : Hysterie ist machbar, Herr Nachbar

          Erst ging es um „Hetzjagden“ in Chemnitz – dann um Hans-Georg Maaßen, die SPD und schließlich um die Regierungskoalition. Ob die Beteiligten, inklusive Journalisten, jetzt schlauer sind?