06.06.2011 · Die Ärztekammer kämpft für mehr Geld. Wie eine Gewerkschaft. Und sie argumentiert sehr geschickt: Der Arztberuf sei nicht mehr attraktiv, wenn sich an Gehalt und Arbeitsbedingungen nicht bald einiges ändert. Dabei verdienen die Ärzte schon sehr gut.
Von Lisa NienhausDie Bundesärztekammer hat einen neuen Präsidenten. Das könnte dem Normalbürger egal sein: Wen kümmert schon der Chef einer Standesvertretung, die für Qualitätssicherung und Berufsordnung zuständig ist? Wenn es nicht dieser neue Chef wäre. Frank Ulrich Montgomery heißt der am Donnerstag neu gewählte Präsident - und er ist ein echter Haudegen. Als Chef der Krankenhausärzte-Gewerkschaft Marburger Bund wurde er deutschlandweit bekannt, als er in den Jahren 2005/2006 den Arbeitskampf der Krankenhausärzte für höhere Gehälter anzettelte, Streiks organisierte und am Ende tatsächlich deutlich höhere Gehälter durchsetzen konnte.
Seit damals ist Montgomery weitaus bekannter als sein Vorgänger im Amt des Präsidenten der Bundesärztekammer: der eher ausgleichende und öffentlich zurückhaltende Jörg-Dietrich Hoppe. Zwar konnte Hoppe auch manchmal die Arbeitsbedingungen der Ärzte kritisieren oder, ganz selten, den Verdienst, doch im Prinzip interessierte er sich vor allem für ethische Fragen.
Jetzt weht ein anderer Wind in der Bundesärztekammer. Das erkennt man schon daran, wie Montgomery seinen Verein betitelt: „Wir sind die Top-Lobby-Organisation der Ärzte“, sagt er. Und: „Wir werden uns jetzt sehr viel mehr in gesundheitspolitische Fragestellungen einmischen.“ Damit meint er auch und insbesondere Fragen, die die Arbeitsbedingungen und die Vergütung der Ärzte angehen. „Ja, natürlich kümmern wir uns darum, was Ärzte verdienen“, sagt er. So offensiv kannte man die Bundesärztekammer bisher nicht.
Tarifkampf des neuen obersten Ärzte-Lobbyisten
Montgomery wird die Organisation zu einer Art Gewerkschaft mit Zwangsmitgliedschaft ummodeln. Denn die 440.000 Ärzte, die sie vertritt, müssen Mitglied der jeweiligen Landesärztekammern sein. Natürlich ist deren Dachorganisation keine echte Gewerkschaft, kann weder einfach Streiks anzetteln noch Tarifverträge verhandeln. Aber ihr Chef sagt: „Dass ich meine Primärsozialisation im Marburger Bund bekommen habe, kann ich nicht verhehlen.“
Montgomerys erstes Handlungsfeld ist die neue Gebührenordnung für Ärzte, also das, was Ärzte bei ihren Privatpatienten abrechnen dürfen. Es ist eine Art erster Tarifkampf des neuen obersten Ärzte-Lobbyisten - auch wenn es hier natürlich nicht um Tarifverhandlungen geht, sondern um einen Vorschlag, den die Bundesärztekammer dem Ministerium unterbreitet hat. Enthalten ist darin natürlich ein „angemessener kalkulatorischer Arztlohn“, wie Montgomery das nennt.
Die Personalie zeigt: Der Bundesärztejammer wird immer lauter. Nicht nur der Marburger Bund und zuletzt die Kassenärztliche Bundesvereinigung kämpfen für mehr Geld. Jetzt wird auch noch die Bundesärztekammer kämpferisch. Dabei argumentiert sie geschickt: Der Arztberuf sei nicht mehr attraktiv, wenn sich an Gehalt und Arbeitsbedingungen nicht bald einiges ändert.
Wieso der Jammer?
Seltsam: Kann man doch weiterhin nur mit Topnoten Medizin studieren, und gibt es doch weiterhin drei- bis viermal so viele Bewerber wie Studienplätze. So schlimm steht es um den Wunsch, Arzt zu werden, offenbar nicht. Und im Vergleich mit den Gehältern anderer Akademiker können sich Ärzte nun auch nicht beklagen.
Wieso also der Jammer? Die Ärzte nutzen die Gunst der Stunde. Denn derzeit sind sie auf dem Arbeitsmarkt schwer gefragt und äußerst knapp. Haben sie einst selbst mit Warnungen vor einer angeblichen Ärzteschwemme dafür gesorgt, dass diese Situation entstand, so fechten sie nun aus guter Position vehement für höhere Verdienste. Das ist ihr gutes Recht, aber sie müssen aufpassen, dass darunter am Ende nicht ihr guter Ruf leidet. Die bessere Idee gegen den Ärztemangel wäre, einfach mehr Ärzte auszubilden.
Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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