10.01.2009 · Hoch gestapelt, tief gefallen: Eine Wiener Bankerin hat sich mit dem Namen der alten Kaufleute aus Florenz geschmückt. Jetzt hat sie im Madoff-Skandal Milliarden versenkt. Die Geschichte eines Bluffs.
Von sven prange
Die Möchtegern-Medici trägt Perücke. So erzählt man es sich in Wiener Bankerkreisen. Das passt ins Bild. Denn das falsche Haupthaar wäre nicht der einzige Bluff, mit dem die Wiener Bankerin Sonja Kohn die alpenländische Finanzwelt beschäftigt.
Die Gründerin der Wiener Bank Medici hat Milliarden Dollar großer privater und institutioneller Anleger im Schneeballsystem des abgestürzten amerikanischen Finanzakrobaten Bernard Madoff verloren. Kohn ist - das wird sich noch klären - eines der größten Opfer oder einer der Haupttäter in dem Skandal um 50 Milliarden Dollar schwere Scheingeschäfte, mit denen Madoff Anleger betrogen hat. Kohn hat Kunden dessen Finanz-Produkte vermittelt. Damit riskiert sie jetzt die Zukunft ihrer kleinen 15-Mann-Bank, die ohnehin stets einen Makel hatte: Sie versprach mehr, als sie halten konnte. Denn mit der italienischen Dynastie hat das Institut Medici nichts zu tun.
Statt im Florenz des Mittelalters beginnt die Geschichte dieser Pleite Mitte der 1980er Jahre in Monsey, einem jüdisch-orthodoxen Vorort von New York. Dort kreuzen sich die Wege von Kohn und Bernard Madoff. Daraus entwickelt sich eine Geschichte, die zeigt, wie mit großmundigen Versprechen selbst Profis um Milliarden erleichtert werden können, wie in einer komplexen Finanzwelt Vertrauen Kompetenz ersetzt - und den Weg bereitet für Größenwahn, Enttäuschung und Untergang. Es ist ein Drama mit der Opernstadt Wien als Zentrum. Große Vorstellung auf einer Nebenbühne der Finanzwelt.
Schräg gegenüber von Wiens 140 Jahre altem Opernhaus residiert eine der Hauptfiguren. Türschilder und Geländer in goldener Farbe, ein Wappen aus zwei Löwen und einer Krone, darunter der Schriftzug: "Medici". So sieht der Sitz einer kleinen Bank aus, die mit dem Namen der im 15. Jahrhundert untergegangenen Florentiner spielt. Es ist die Schaltzentrale von Sonja Kohn, jener Frau, die dem piefigen Finanzplatz Wien etwas Grandezza versprach.
Schon ihr Auftritt prägt sich ein. Schwerer Schmuck, durchdringende Stimme, bereit zur Entgegennahme eines Handkusses. "Sie hat eine Aura, wie sie nur Mitgliedern jahrhundertealter Bankerdynastien gegeben ist", schildert ein Luxemburger Banker diese Mischung aus feudalem Habitus und gepflegtem Understatement.
Dabei stammt Kohn aus einer ganz anderen Welt. Sie wird 1948 in die einfachen Verhältnisse einer aus Osteuropa nach Wien geflohenen jüdischen Familie geboren. In den 70er Jahren verlässt sie - mittlerweile mit einem Banker verheiratet - Wien und zieht nach Mailand, später in die Schweiz. In den 80ern geht es nach New York. An der Wall Street wird Kohn eine der wenigen weiblichen Fondsmanager. Die polyglotte Österreicherin lernt Bernard Madoff kennen. Neben der Neigung zu ausgefallenen Finanzprodukten verbindet die beiden eine ähnliche persönliche Geschichte: auch Madoff stammt aus bescheidenen Verhältnissen und hat sich in der Finanzaristokratie nach oben gearbeitet.
1990 gründet Kohn die Firma Eurovaleur und etabliert sich als Fondsverwalterin. Die New Yorker nennen sie "Österreichs Frau an der Wall Street". Mit besten Verbindungen kehrt Kohn nach Wien zurück und eröffnet 1994 die "Medici Finanzservice GmbH". "Sie wusste, dass der Name nicht geschützt ist", erzählt ein Ex-Banker.
So spielt die 60-Jährige mit dem Namen der Florentiner. "Das war für uns immer eine kleine Bank, die sich marketingtechnisch sehr geschickt positioniert hat", sagt ein Berater. Kohn kreiert ein Wappen, das nach Tradition aussieht, aber frei erfunden ist. Auf ihrer Internetseite prangen Bilder von Mozart und Thomas Edison, obwohl beide nie Kunde waren. In der Kommunikation der Bank, die sich selbst auch als Investment-Boutique bezeichnet, ist viel von "Tradition", "Sicherheit", "Vertrauen" und "Diskretion" die Rede. Kohn hat damit Erfolg. Kaum einer in Österreichs Finanzszene ist besser verdrahtet.
Neben dem Aufbau ihrer Bank kümmert sich Kohn während der 90er um ihre gesellschaftliche Stellung. Bis dahin tauchte sie, die in einem ihrer raren Interviews einer österreichischen Zeitung mal anvertraute, sie arbeite lieber im Verborgenen, kaum öffentlich auf. Das ändert sich. Kohn dringt in die entscheidenden Kreise der Alpenrepublik vor. "Ihr Mann hatte aus seiner Bankerzeit viele Beziehungen", erinnert sich ein Kenner der Wiener Verhältnisse. "Und sie ist eine Person, der man sich nicht entziehen kann, wenn sie einmal den Kontakt sucht." Mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit und Charme setzt Kohn sich in Wiens besseren Kreisen fest. Dort schätzt man ihr finanztechnisches Wissen ebenso wie ihre internationalen Kontakte.
Von 1996 bis 2000 berät Kohn Wirtschaftsminister Johannes Farnleitner, der heute genau wie der ehemalige Finanzminister Ferdinand Lacina im Aufsichtsrat der Bank Medici sitzt. Auf Bitten des damaligen Wiener Börsenvorstands Stephan Zapotocky, mit dem sie in den 80er Jahren bereits Fondsmodelle ausgeklügelt haben soll, vermittelt Kohn Projekte der Wiener Börse in Schanghai. 1999 erhält sie das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Die österreichische Presse huldigt ihr als "bedeutende Entrepreneurin", in Russland wird sie gar als Regierungsvertreterin Österreichs hofiert.
Der damalige Generaldirektor der Bank Austria, Gerhard Randa, ist so begeistert von Kohns Kontakten zu Vermögenden in aller Welt, dass er die Großbank, heute eine Unicredit-Tochter, mit 25 Prozent an Kohns Klitsche beteiligt. Fortan verlaufen die Geschäfte der Möchtegern-Medici wie eine Spirale: Kohn bekommt Kunden, weil sie immer vernetzter ist, und bekommt immer mehr Kontakte, weil sie immer mehr Kunden hat. "Wer hier reiche Anleger ansprechen möchte, kommt an Kohn kaum vorbei", sagt ein Insider. Ein anderer ergänzt: "Sie arbeitet mit der Creme de la Creme."
Als sich im Jahr 2006 der Investmentfonds Cerberus für die ehemalige Gewerkschaftsbank Bawag interessiert, soll Kohn als Türöffnerin geholfen haben. Großbanken wie BNP Paribas, HSBC oder Commerzbank suchen die Nähe. Eine Zeitschrift der Raiffeisenbank lobt: "Sonja Kohn nutzt ihr weltweites Netzwerk dazu, um Ultra-High-Networths nach Wien zu bringen." Kohn selbst sagte mal: "Ich versuche, die wunderbare Geschichte von Österreich möglichen Investoren zu vermitteln."
Dabei scheinen es eher die Produkte des Bernard Madoff gewesen zu sein, die Kohn vermitteln wollte. Bis zu 3,6 Milliarden Dollar soll Medicis zweifelhafte Erbin im System Madoff versenkt haben. Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg rechnet ihr Engagement bei Madoff auf 3,2 Milliarden Dollar. Nach Medici-Angaben sind 2,1 Milliarden Dollar über die Fonds Herald USA und Herald Luxemburg betroffen. Unklar ist, inwieweit Fonds wie der ebenfalls von Kohn mitentwickelte Primeo, der von der Bank Austria vertrieben wird, auch ausschließlich in Madoff-Produkte investierten.
Demnach stellt sich die Frage, ob Medici überhaupt mehr gemacht hat, als Madoff Kunden zu vermitteln. Zwar warb die Bank auf der mittlerweile leeren Internetseite damit, Kontakte zu 2000 Fonds zu haben. Ein Großteil der Geschäfte aber, so heißt es aus Kreisen der Bank, sei mit den Madoff-Produkten verbunden. Nach Ansicht Wiener Experten entwickelte Kohn dazu ein verschachteltes System aus miteinander verwobenen Fonds, die am Ende alle bei Madoff landeten. Ob es darüber hinaus Geschäfte gab? An deren Entwicklung müsse man derzeit wohl mal arbeiten, räumt eine Sprecherin ein.
Demnach wäre Medici eine Art Nobelvertrieb für Madoffs Schein-Fonds gewesen. Das würde ins Bild passen. Auch die Geschichten anderer Madoff-Opfer weisen darauf hin, dass der Amerikaner seine Anleger über "Türöffner" beschaffte; Vermögensverwalter wie Kohn, die großes Vertrauen genossen, ihre Kunden aber nicht übertrieben detailliert aufklärten, wohin das Geld floss. Viele Medici-Kunden beklagen jetzt, nie gewusst zu haben, dass die Gelder zu Madoff fließen. "Sie hat ihren Kunden das Gefühl gegeben, über sie Teil eines exklusiven Netzes zu werden", schildert ein Ex-Banker. Ihren Freund Madoff soll Kohn gegenüber Kunden und Mitarbeitern als Invest-Guru inszeniert haben, zu dem allein sie Zugang habe. Ihren Mitarbeitern soll es verboten gewesen sein, Madoff zu kontaktieren.
Angesichts satter Renditen - selbst für 2008 weist der Herald USA Fonds noch 6,5 Prozent aus - glaubten die Anleger die Geschichte gerne. "Die Charts der Fonds kannten immer nur eine Richtung: Von links unten nach rechts oben", sagt ein deutscher Berater. Noch im Herbst zeichnete die deutsche IBC-Consulting die Bank Medici für ihre Fonds-Performance aus.
Offenbar haben alle Beteiligten, und vielleicht auch Kohn, ihre Engagement auf Vertrauen in Madoff gegründet. "In diesen Kreisen durchschaut niemand die Struktur seines Vermögens", sagt ein Ex-Banker. "Da gründen Anlageentscheidungen auf Vertrauen. Und davon hat Frau Kohn genug genossen." Ob zu Recht oder zu Unrecht, ist offen. Kohn lässt sich als Opfer darstellen, das nichts von Madoffs Machenschaften wusste. Bisher hat niemand das Gegenteil bewiesen
Kohn kooperiert derweil mit den Ermittlern. Sie will mit einem neuen Geschäftsmodell weiterarbeiten. Dazu hat sie den ehemaligen Barclays-Banker John Holliwell am Freitag in den Vorstand berufen. Eigenständig kann der aber nichts entscheiden. Die Finanzmarktaufsicht hat die Bank einem Regierungskommissär unterstellt, der alle Entscheidungen absegnen muss.
Ob Sonja Kohn wieder in der Finanzwelt Fuß fasst? "Ihre Klientel schätzt eines gar nicht", sagt ein Insider. "Öffentlichkeit." Und daran mangelte es Medici in den vergangenen Tagen nicht. Die historische Parallele ist jedenfalls nicht sehr beruhigend. Die echte Banco Medici ging 1494 pleite - nachdem mit dem Herzogtum Burgund einer der wichtigsten Geschäftspartner zusammengebrochen war.