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Staatliche Großprojekte Immer schön unten bleiben!

Stuttgart 21, Flughafen Berlin, Elbphilharmonie Hamburg, U-Bahn Köln: Kein staatliches Großprojekt, das derzeit nicht irgendwie wankt. Wer kriegt es da eigentlich nicht hin?

© Matthias Lüdecke Vergrößern Südwestliches Ende der geplanten Startbahn, Willy-Brandt-Flughafen, Berlin

Frage: Im Pointenfeuerwerk von Billy Wilders Klassiker „Eins, zwei, drei“ strahlt eine Szene besonders hell: Hanns Lothar als hackenschlagender Prokurist Schlemmer antwortet 1961 seinem amerikanischen Chef MacNamara auf die Frage, was er nach 1933 gemacht habe: „Ich war im Untergrund!“ „Was, im Widerstand?“ „Nein, Schaffner in der Untergrund-Bahn. Ich war so tief unter der Erde, ich wusste gar nicht, was oben los war. Niemand hat mir was erzählt.“

So lachhaft wie diese Groteske ist, was derzeit zuständige Politiker behaupten, wenn sie nach dem Desaster von Stuttgart 21 oder dem Berliner Flughafen gefragt werden. Verkehrs- und Bauminister Ramsauer beispielsweise konterte die Nachricht, in seinem Ministerium würden Fachleute empfehlen, nach einer Alternative zum unterirdischen Stuttgarter Bahnhof zu suchen, mit der Bemerkung, das hätten nur irgendwelche unteren Kreise erörtert; das Schlemmer-Wort, ihm als Minister „da oben“ habe niemand davon erzählt, fiel zwar nicht, lag aber in der Luft. Wenige Tage zuvor hatte Ramsauers Parteichef Seehofer, befragt, ob er mit der Arbeit Ramsauers im Aufsichtsrat des Berliner Flughafens zufrieden sei, mit einem forschen „Ja“ geantwortet. Für die haarsträubenden Pannen seien das Land Brandenburg und Berlin verantwortlich.

Auch das Geld ist ein Unsicherheitsfaktor

Dem Steuerzahler als dem eigentlichen Geldgeber ist das Lachen über dergleichen absurde Pointen vergangen. Wäre dem nicht so - ein Blick auf die Liste der jüngeren Fehlschläge würde es schlagartig verstummen lassen: Im Gnadennebel des kollektiven Vergessens verschwand, dass am 18. Januar 2007 der Orkan „Kyrill“ am neuen Berliner Hauptbahnhof eine 1,35 Tonnen schwere Strebe aus vierzig Metern Höhe abstürzen ließ und eine weitere aus der Verankerung riss; Schnellreparatur. 2011 wurde wegen beschädigter Verbindungsstücke die zulässige Geschwindigkeit auf den oberirdischen Fern- und Regionalbahngleisen auf vierzig Stundenkilometer herabgesetzt. Im Dezember desselben Jahres undichte Stellen in der Glasdachkonstruktion; Schnellreparatur, Generalüberholung 2015.

Immerhin: Der Bahnhof brachte es bis zur Eröffnung. Die der Hamburger Elbphilharmonie, ursprünglich für 2010 geplant, ist nach dreimaliger Verschiebung vorläufig auf 2017 terminiert. Einigermaßen sicher ist nur, dass die Baukosten, zunächst auf 77 Millionen Euro, dann auf 323,5 Millionen beziffert, nun etwa 575 Millionen betragen werden.

Bahn verdient nach Kostensteigerung kaum noch an "Stuttgart 21" © dapd Vergrößern Modell des neuen Stuttgarter Bahnhofs

Geld ist, neben Dutzenden anderen Schwierigkeiten, auch bei Stuttgart 21 ein gravierender Unsicherheitsfaktor. Hieß es noch Ende 2012, man rechne mit 5,7 Milliarden Euro Baukosten (ursprünglich waren 2,45 Milliarden genannt worden), kursiert derzeit die Zahl 6,4 Milliarden, andere raunen bereits von bis zu zehn Milliarden. Was Wunder, dass im Verkehrsministerium, das neben dem Land und der Deutschen Bahn Bauherr ist, über Alternativen wie das Beibehalten des oberirdischen Bahnhofs geredet wird? (Würden dann die 2011 um vollendeter Tatsachen willen abgerissenen Seitenflügel des genialen Bonatz-Baus rekonstruiert?) Zumal, da immer noch unklar ist, wie viele zusätzliche Sicherheitsarbeiten im durchlöcherten Stuttgarter Untergrund noch notwendig werden könnten.

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