http://www.faz.net/-gmv-yvr0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Veröffentlicht: 24.04.2011, 14:31 Uhr

Cornwall Die Beziehungsküste

Schroffe Felsküsten, mysteriöse Kornkreise sowie irrlichternde Moorgeister und Magier: Cornwall in Englands Südwesten ist der ideale Schauplatz für Liebeslegenden und Königsdramen. Ein Streifzug durch das Land und seine Literatur.

von Stefanie Lehnart
© Stefanie Lehnart / F.A.Z. Umweht: Eine Landschaft, die seit Jahrhunderten die Dichter inspiriert

In glitzerndes Sonnenlicht getaucht und von schwarz-gelbem Ginster umrahmt, strömt der Fluss Tamar der Bucht von Plymouth entgegen. Diese Szenerie hat so gar nichts Mystisch-Unheimliches, wie man vielleicht erwarten könnte. Den Übergang zu einem überzeitlichen Reich, bevölkert von keltischen Helden und mystischen Gestalten, hatte man sich in nebulöserem Gewand erhofft.

Doch auf Cornwalls unberechenbare Wetterverhältnisse ist Verlass. Gleich die erste Station auf der Landstraße gen Stratton, das Gasthaus „Jamaica Inn“, präsentiert sich in phantastische Nebelschwaden gehüllt, dazu bläht der Atlantikwind die schwarz-weiße Landesfahne. Es ist die Welt der Schriftstellerin Daphne du Maurier, Ikone der morbiden Romantik - ihre Heldin Mary Yellan wurde in dieser Schmuggler-Kaschemme im Bodmin Moor Zeugin der Raubzüge ihres Stiefvaters. Während Marys berühmterer „Schwester“, der frisch angeheirateten Mrs. de Winter in Daphne du Mauriers ebenfalls in Cornwall angesiedeltem Roman „Rebecca“ in feudalem Umfeld das Fürchten gelehrt wird, findet sich die Heldin aus „Jamaica Inn“ in der derbsten Gesellschaft wieder; ein Pferdedieb soll am Ende ihr Auserwählter werden. In Gestalt von mannshohen Piratenpuppen grüßt die Roman-Entourage am 1750 errichteten „Jamaica Inn“, heute ein Schnellrestaurant mit Hotel, aus ihren Schaukästen heraus. Nebenan erzählt ein kleines Daphne-du-Maurier-Museum von der Tradition des Landstrichs als Piraten- und Schmugglernest.

Inspirierende Landschaft

Daphne du Maurier quälte ihre Heldinnen, und sie liebte ihre Wahlheimat. Im Jahr 1926, sie war noch ein Teenager, blieb die gebürtige Londonerin nach einem Cornwall-Urlaub für immer und setzte Englands südwestlichster Region in unzähligen Geschichten ein Denkmal.

Cornwall 2 © Stefanie Lehnart / F.A.Z. Vergrößern Umspült: Cornwall ist auf drei Seiten vom Meer umgeben - perfekt für Piraten und Schmuggler

Lange vor ihr und bis heute inspiriert Cornwalls wilde Landschaft die Dichter. Zu eher leichteren Stückchen wie jenen von Rosamunde Pilcher erst in jüngerer Zeit. Pilcher gebührt immerhin ein 2002 verliehener nationaler Tourismuspreis, da sie nicht zuletzt dank zahlreicher deutscher Fernsehverfilmungen Zuschauer und Leser zu Romanschauplätzen wie dem Küstenort St. Ives führt, bekannt aus den „Muschelsuchern“. Für Cornwall, das seit dem Ende des Zinnabbaus und der Porzellanherstellung zu den ärmsten Gegenden des Landes gehört, sind die Literaturtouristen eine willkommene Einnahmequelle. Dennoch, die düstere du Maurier ist den Einwohnern Cornwalls selbst die bedeutsamere Botschafterin. Im Mai ist ihr ein Festival in Fowey in Süd-Cornwall gewidmet, aber ihre Werke finden sich ganzjährig in der Grafschaft.

Verdichtung der Exzentrik Großbritanniens

Wie eine Klaue stößt Cornwall in die Meere hervor, auf drei Seiten von Wellen umspült. Die dank des milden Golfstroms früh im Jahr erblühenden, schroffen Klippen und die unberechenbaren Strömungen bildeten über Jahrhunderte hinweg ideale Konditionen für Schiffsraubzüge, sind aber auch eine faszinierende Kulisse für Königsdramen und Liebeslegenden. Der Tamar bildet im Osten Cornwalls die Grenze zur Nachbargrafschaft Devon. Fast durchgängig von der Keltischen See bis in den Ärmelkanal fließend, trennt er Cornwall gleichsam als Halbinsel vom Königreich ab - fast scheint es ein wenig, als würden sich hierdurch die Schrulligkeit und Exzentrik Großbritanniens nochmals verdichten. Mysteriöse Stein- und Kornkreise sind in Cornwall ebenso präsent wie irrlichternde Moorgeister und Magier.

Der große Manipulator der König-Artus-Sage, Merlin, haust in einer gischtumtosten Felsgrotte am Fuße der Steilklippen, auf denen Tintagel Castle, einer der großartigsten Schauplätze Cornwalls, emporragt. Mit dem Talent begabt, das Alltägliche und Offensichtliche zu wandeln, sorgte Merlin dafür, dass ihm der laut Legende hier gezeugte König Artus noch als Säugling in die Hände fiel.

Schönheit und Geheimnis

Eines der unglücklichsten Liebespaare der Weltliteratur gehört in diesen Kontext: Tristan und Isolde, auch für sie war Tintagel Schicksalsort. Tristan, Ritter der Tafelrunde und Neffe von König Mark (einige Legenden siedeln seinen Hof ebenfalls auf Tintagel an), erhielt bekanntlich den Auftrag, seinem Onkel die schöne Isolde aus Irland als Braut zu überbringen. Ein falscher Schluck an falschem Ort zur falschen Zeit - fortan bestimmte unendliches Sehnen das Schicksal der Liebenden. Auf Tintagel sollen sie begraben sein. Aus ihren Gräbern wachsend, schlangen sich zwei Weidenbäume, heißt es, trotz stetiger Stutzung wieder und wieder umeinander; irgendwann beließ man es dabei.

Auch du Maurier liebte die schroffe Schönheit dieses Felsens, wo sie „manchen verschlammten Graben und manche Brombeerhecke durchstöberte und geglaubt habe, erst in Artus', dann in Tristans Spuren zu wandeln“, so schrieb sie in „Mein Cornwall - Schönheit und Geheimnis“. Dass die mühsam zu besteigenden Burgruinen von Tintagel nachweislich erst aus der Normannenzeit stammen, stört nicht weiter. In einem Land, in dem die Möwen am Abendstrand so übernatürlich bedrohlich wirken können wie in Mauriers Geschichte „Die Vögel“, die Alfred Hitchcock später verfilmt und berühmt gemacht hat, und in dem auch eine Rückkehr Artus' aus Avalon jederzeit möglich scheint, ist alles vorstellbar. „Kein Fieber ist stärker als das Suchen in der Vergangenheit, wärmt das Blut so sehr wie das Graben nach verborgenen Schätzen, und wer daran teilhat, ist für die Sorgen der Gegenwart verloren.“

Der Weg nach Cornwall

Anreise Die Lufthansa (www.lufthansa.de) fliegt aus Düsseldorf direkt nach Newquay, Flybe (www.flybe.com) von London aus. Mit dem Auto fährt man von dort in etwa fünf Stunden nach Cornwall.

Veranstalter Eine achttägige Studienrundreise durch Südwestengland bietet zum Beispiel Dr. Tigges an. Zu den Stationen gehören Glastonbury, König Artus' letzte Ruhestätte und Drehorte von Jane-Austen- und Harry-Potter-Verfilmungen. Ab 1395 Euro, mehr unter www.drtigges.de. Reisen durch Cornwall bieten zum Beispiel auch die British Travel Company (www.btco.de), Wikinger Reisen (www.wikinger.de) oder Studiosus (www.studiosus.de) an.

Literatur Daphne du Maurier: „Mein Cornwall. Schönheit und Geheimnis“, Insel-Verlag, 190 Seiten, 6 Euro

Weitere Informationen unter www.visitcornwall.com und www.visitbritain.com

Zur Homepage