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Streit um Kunstsammlung Die Erben des Dr. Dr. Gustav Paul Ludwig Rau

Unicef Deutschland, eine Schweizer Stiftung und Verwandte streiten über die Gemälde des Kunstsammlers. Es geht um Millionenwerte.

Vom Eugensplatz in Stuttgart hat man einen wunderbaren Blick auf die Stadt. An einem Tag im Jahr 1958 nahm in diesem Viertel die faszinierende Geschichte des Kunstsammlers Gustav Rau ihren Anfang. Im "Kunsthaus Bühler" kaufte er das Bild "Die Köchin" des niederländischen Malers Gerard Dou. Rau, geboren 1922, war in der Geschäftsführung der elterlichen Scheibenwischerfabrik in Bietigheim-Bissingen. Das Bild hängte er in das Zimmer, in dem er für sein Medizinstudium lernte, um als Arzt nach Afrika zu gehen.

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Die Sammlung Rau hat heute einen Wert von 600 Millionen Euro. Gründe, die Lebensgeschichte des Dr. Dr. Gustav Paul Ludwig Rau zu erzählen, gibt es viele: Sein Leben sagt viel über den Geist pietistischer Unternehmer aus Württemberg aus. Nicht minder interessant sind Raus Bemühungen, eine Art zweiter Albert Schweitzer zu werden. Um sich diesen Lebenstraum zu erfüllen, verkaufte er seine Firma SWF, baute im kongolesischen Ciri ein Krankenhaus auf und arbeitete viele Jahre als Arzt in Afrika.

Derzeit wird das Leben Raus, der 2002 starb, vor allem durch die Exegese seiner Krankenakte aufgerollt. Das hat mit seinem Erbe und denen zu tun, die es gerne hätten: Die deutsche Unicef-Stiftung, die Schweizer Rau-Stiftung sowie eine Familie aus der weiteren Verwandtschaft streiten vor der 6. Zivilkammer des Konstanzer Landgerichts darüber, ob der im hohen Alter schwer erkrankte Rau bei der Unterzeichnung des Erbvertrages 1999 überhaupt noch geschäftstüchtig war. Die Schweizer Stiftung und Raus entfernte Verwandten haben Einspruch gegen die Absicht des Gerichts eingelegt, den Erbschein auszustellen. Von ausländischen Gutachtern ist die Frage nach Raus Geschäftsfähigkeit mehrfach verneint worden, in Deutschland haben das Amtsgericht Baden-Baden und zahlreiche medizinische Gutachter dagegen nie Zweifel an seiner geistigen Präsenz gehabt.

Der Hintergrund für diesen Streit ist einigermaßen bizarr: Rau verlegte seinen Wohnsitz 1997 wieder nach Deutschland. Um Steuern zu sparen, hatte er zuvor Wohnsitze in Monaco, Israel und Irland. Die Kunstsammlung hatte er - ebenfalls aus steuerlichen Gründen - einige Zeit in der Schweiz untergebracht. Nachdem die monegassischen Behörden im Jahr 1998 die Handlungsfähigkeit des Sechsundsiebzigjährigen angezweifelt hatten, stellte die Schweiz die Bilder unter "Beistandschaft".

Rau war ein typischer Schwabe: fleißig und zugleich knauserig. Er lehnte es vehement ab, ungefähr die Hälfte seines Kunstvermögens als Erbschaftsteuer dem deutschen Staat zu geben. Deshalb musste die Sammlung in die Hände einer gemeinnützigen Stiftung in Deutschland gelangen. Weil der kinderlose Arzt den Grundsatz ernst nahm, dass jedes Kind ein Recht auf Bildung haben müsse, fiel seine Wahl auf Unicef. Zur Schweiz hatte er kein Vertrauen mehr, mit seinem Schweizer Anwalt hatte er sich überworfen. Im Oktober 1999 versah er in Stuttgart die Urkundenrolle 551/1999 mit seiner Unterschrift, um die deutsche Unicef-Stiftung "vertraglich bindend" zu seinem "alleinigen und unbeschränkten Erben" zu machen. Die Sammlung umfasst 743 Kunstgegenstände, 621 davon schenkte Rau im Jahr 2001 Unicef. Diese Schenkung ist unstrittig. In dem Testamentsstreit geht es jetzt noch um die restlichen 122 Bilder. Acht Bilder sind vom Nachlasspfleger vor ein paar Tagen versteigert worden, um die Nachlasspflege und das Krankenhaus in Kongo zu finanzieren. "Wir schätzen, dass die Bilder einen Wert von mehreren hundert Millionen Euro haben", sagt Helga Kuhn, die Sprecherin von Unicef Deutschland. Das Konstanzer Gericht muss nun entscheiden, ob Rau geschäftstüchtig war und der Erbschein zugunsten von Unicef ausgestellt werden kann: Seit April liegt dem Konstanzer Landgericht das von ihm in Auftrag gegebene Gutachten des Psychiaters Clemens Cording vor. Auf Seite 260 kommt der Mediziner zu der abschließenden Beurteilung, dass an jenem Oktobertag 1999 Raus "Fähigkeit zur freien Willensbestimmung im zivilrechtlichen Sinne" durch die "nachgewiesenen psychopathologischen Beeinträchtigungen" nicht beeinträchtigt gewesen sei. Anhaltspunkte für eine eingeschränkte Geschäftsfähigkeit in dieser Zeit, so Cording, habe er nicht gefunden.

Der deutsch-schweizerische Testamentsstreit zog in den vergangenen Wochen das öffentliche Interesse auch auf sich, weil der frühere Unicef-Geschäftsführer Dieter Garlich 1999 für die Abwicklung von Raus Erbe verantwortlich war. Garlich ist vor kurzem zurückgetreten, infolge eines Streits mit der gleichfalls zurückgetretenen Unicef-Vorstandsvorsitzenden Heide Simonis. Die Affäre gab vielfachen Konspirationstheorien Nahrung: Es habe eine politische Einflussnahme der Regierungen in Bern und Berlin auf den Fall gegeben, hieß es etwa. Sogar über einen möglicherweise unnatürlichen Tod Raus durch eine Überdosierung von Medikamenten wurde wieder spekuliert, obwohl die Staatsanwaltschaft Stuttgart ihre Ermittlungen wegen des Verdachts des Totschlags 2005 eingestellt hat.

In dieser Woche läuft die Frist ab, in der zu dem neuen medizinischen Gutachten von Professor Cording Stellung genommen werden kann. "So, wie wir das neue Gutachten einschätzen, müssten wir den Erbschein bekommen", sagt Helga Kuhn von Unicef. Gegen den Beschluss könnten die Vertreter der Schweizer Stiftung allerdings noch Beschwerde beim Oberlandesgericht Karlsruhe einlegen. Es kann also noch einige Zeit dauern, bis gewiss ist, wer die 122 Bilder erhält. Sollte Unicef recht bekommen, muss es die Kernsammlung bis 2026 zusammenhalten, die restlichen Bilder dürfen früher verkauft werden. Mit dem Erlös sollen das Krankenhaus in Kongo und Unicef-Hilfsprojekte finanziert werden. Bekommt die Schweizer Stiftung recht, müsste eine erhebliche Summe an Erbschaftsteuer nachgezahlt werden. Ob das in Raus Sinn gewesen wäre? Der hatte sich von seiner Verlobten getrennt, weil sie einen Pelzmantel kaufen wollte.

Quelle: F.A.S.

 
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