31.10.2009 · Bei seinem ersten Auftritt staunt der Außenminister erst mal
Von Wulf Schmiese
Berlin/Brüssel. Guido Westerwelle ist in Brüssel, und Europa scheint gerettet. Mit Zuversicht endet am Freitag der EU-Gipfel in Europas Hauptstadt. Die 27 Staats- und Regierungschefs haben zügig die letzten Steine beiseitegeräumt auf dem Weg zum ersehnten Lissabon-Vertrag. Sie geben den Forderungen des tschechischen Präsidenten Klaus nach, dass auch sein Land eine Sonderrolle spielen darf. Nun, sagen sie, werde Klaus als Letzter gewiss den EU-Reformvertrag unterzeichnen. Der neue deutsche Außenminister gibt sich glücklich. "Wir können als Deutsche sehr zufrieden sein mit diesen Ergebnissen", sagt er auf der Abschlusspressekonferenz. Beitragen konnte er nicht zu dem Erfolg, aber immerhin dabei sein. Und er findet, für ihn sei es auch gut gelaufen.
Sein erster Arbeitstag beginnt am Donnerstag in Berlin. Ein schwarzer BMW rollt auf den Hof des Auswärtigen Amts. Auf dem Nummernschild steht "B-GW 2009". Guido Westerwelle steigt aus. Er blickt erwartungsvoll wie ein Gymnasiast, der sich vorgenommen hat, einen guten Eindruck zu machen in der Oberstufe. Um neun Uhr soll er bei Frank-Walter Steinmeier sein - in zwei Minuten. Elf Stunden später, abends um acht, wird der neue deutsche Außenminister bereits als wichtigster seiner 26 Kollegen der Europäischen Union in Brüssel zu Abend essen.
Am Mittwochabend hat Westerwelle schon sein erstes Telefonat von Amts wegen geführt. Er sprach mit einem, den viele hier im Außenministerium für ein ernstes Problem halten: Avigdor Liebermann, Israels Außenminister. Ein uneinsichtiger Siedler sei er, mit dem keine zwei Staaten zu machen seien, sagen sie über ihn. Als Steinmeier zuletzt in Israel war, gönnte er Liebermann kaum einen Blick und mied jedes Lächeln neben ihm vor den Kameras. Westerwelles Anruf war im Sinne der Bundeskanzlerin. Es gehöre zu Deutschlands Staatsräson, ohne Wenn und Aber an der Seite Israels zu stehen.
Am Mittwochabend hatte Westerwelle auch seine erste Unterrichtung als neuer Amtschef, Einführungskurs Europa-Politik. Reinhard Silberberg, als Staatssekretär im Auswärtigen Amt Fachmann auf diesem Gebiet, Sozialdemokrat und bald Botschafter in Madrid, bereitete ihn auf den EU-Gipfel vor. Das Amt hat ihm auch Mappen zusammengestellt mit biographischen Hintergründen zu den 26 EU-Außenministern, die er erkennen muss. "Das ist Lernen wie für eine Prüfung", sagt Westerwelle.
Um neun Uhr am Donnerstagmorgen wird Westerwelle von Steinmeier empfangen. Steinmeier hat bereits gepackt. Das Ministerbüro ist besenrein, bloß eine Skulptur und ein Bild sind noch drin neben Schreibtisch und Ledersesseln. Fünfzehn Minuten sollen der Scheidende und der Kommende laut Protokoll miteinander reden. Doch sie verdoppeln die Zeit, obgleich Westerwelle anders als der gesellige Steinmeier Unpünktlichkeit hasst. Sie plaudern über ihr Haus, die Loyalität der Mitarbeiter, über die Krisen der Welt, auch über die fast überwundene der EU, den Lissabon-Vertrag.
Steinmeier weist Westerwelle den Weg; erst vor die blaue Fotowand, dann die Marmortreppe zwei Stockwerke hinunter in den Weltsaal, wo sich die über tausend Mitarbeiter des Auswärtigen Amts zur Amtsübergabe versammelt haben. Da erinnert sich Steinmeier, wie er selbst an seinem ersten Tag von Fischer hier hinuntergeführt wurde: "Mein Gott, das war doch erst gestern und nicht vor vier Jahren", sagt er.
"Sie können sich auf uns verlassen. Herr Minister Westerwelle, wir freuen uns auf Sie", verspricht Silberberg im Namen aller Botschafter, Legationsräte, Abteilungs- und Referatsleiter, Fahrer und Gepäckmeister. Dann schiebt der arglos wirkende Westfale Silberberg noch zwei Sätze nach, die Stoibers Bild vom Leichtmatrosen wachrufen: "Wir wünschen Ihnen glückliche Hand, wenn Sie nun das Ruder übernehmen. Wie Sie sehen, die Mannschaft ist bereits an Deck." Westerwelle schmeichelt seinen künftigen Helfern: "Ich habe in den achtziger Jahren, als ich selbst noch gelernt habe, immer die bewundert, die sich beim Auswärtigen Amt beworben haben und die auch genommen wurden. Es ist mir eine Ehre, dass ich nun mit den besten Frauen und Männern Deutschlands zusammenarbeiten darf." Und begleiten darf er gleich im Anschluss die mächtigste Frau der Welt, zu der Angela Merkel vom amerikanischen Magazin "Time" immer wieder gekürt wurde. "Institutionen" steht für den Abend auf dem Programm des Europäischen Rats in Brüssel, ein heikler Punkt, weil es Streit geben könnte wegen der Forderungen des tschechischen Präsidenten.
Der deutsche Außenminister flüchtet sich in Allgemeinplätze, wenn er nach seiner Meinung zum Ausgang des Treffens gefragt wird: "Wir sind zuversichtlich, dass wir gemeinsam für Europa viel erreichen können." Die Kameraleute vor dem EU-Ratsgebäude nehmen seine Phrase geduldig auf, denn es ist die erste des Neuen, der da mit der Bundeskanzlerin dem vorgefahrenen Wagen entstiegen ist. Kanzlerin Merkel sagt noch Konkretes zur Klimapolitik. Westerwelle blickt staatsmännisch freundlich und bleibt bei sich: "Es ist für mich eine gute Gelegenheit, gleich zu Beginn meiner Amtszeit einige Kolleginnen und Kollegen kennenzulernen." Dabei hilft ihm die Kanzlerin. Sie stellt ihn den Polen vor, die er auf seiner ersten eigenen Auslandsreise besuchen wird. Sie führt zu den Franzosen, wo er am Montag zum Antrittsbesuch in Paris erwartet wird. Überall herzliches "Bonjour", "Hello", "Nice to meet you". Westerwelle gibt sich erstaunt, wie mächtig sein Land wahrgenommen wird. Spreche die Kanzlerin, hörten alle genau zu. Ja, Deutschlands Wort habe Gewicht, bestätigen ihm beim Abendessen die Außenminister. Er sitzt zwischen Luís Amado aus Portugal und Alexander Stubb aus Finnland. Mit Stubb kann er deutsch sprechen, mit Amado englisch, "und zwar ganz und gar nicht schlecht", wie einer versichert, der zuhört.
Inhaltlich hält sich Westerwelle zurück. Auf der Pressekonferenz wiederholt er bloß, was schon die Kanzlerin neben ihm zum Lissabon-Vertrag wie zu den Klimaverhandlungen gesagt hat. Wo sie in die Tiefe ging, bleibt es bei ihm flach. Er halte sich bewusst zurück an seinen ersten Tagen, erklärt Westerwelle im kleinen Kreis. Er wolle nicht der neue Deutsche sein, der anderen gleich die Welt erklärt. "Hallo, ich bin heute Morgen ins Amt gekommen und wollte euch sagen, wie es hier so läuft. Wie würde denn das wirken?"
Als "erfrischend unverbraucht" lobt ihn einer der alten Fahrensmänner in Brüssel. Ein anderer sagt: "Der lernt gewiss schnell. Aber noch ist es der Außenminister Welpe."
Am Samstag bricht er allein auf - nach Polen. Kein deutscher Außenminister vor ihm war dorthin gereist zum Start. "Die Freundschaft zwischen unseren Ländern ist gut für Europa", sagt Westerwelle in Warschau und wird empfangen wie ein Großer: im Präsidentenpalast.