http://www.faz.net/-gmg-74xhb

: Neuen Impfstoff braucht das Land

  • Aktualisiert am

Von Ulrike GebhardtSo intensiv hat sich vorher noch niemand mit dem Thema Grippeimpfung beschäftigt. In monatelanger Detektivarbeit haben Michael Osterholm und ...

          Von Ulrike Gebhardt

          So intensiv hat sich vorher noch niemand mit dem Thema Grippeimpfung beschäftigt. In monatelanger Detektivarbeit haben Michael Osterholm und ein 14-köpfiges Team vom Center for Disease Research and Policy (CIDRAP) der University of Minnesota mehr als zwölftausend wissenschaftliche Veröffentlichungen durchforstet und mit knapp hundert Experten gesprochen. Das Fazit ihres jetzt veröffentlichten Berichts ist, gelinde gesagt, ernüchternd: Grippeimpfstoffe bieten einen weitaus geringeren Schutz vor Influenzaviren, als allgemein berichtet und angenommen wird.

          Konkret fanden die Wissenschaftler Folgendes heraus: Herkömmliche inaktivierte Impfstoffe, die Bestandteile der drei jeweils am häufigsten kursierenden Influenzastämme enthalten, bieten eine Schutzwirkung von durchschnittlich 59 Prozent. Dieser Wert gilt für gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 64 Jahren. Widersprüchlich ist die Datenlage zur Wirkung dieser Impfstoffe bei Kindern. Und für alte Menschen gibt es generell zu wenig aussagekräftige Studien, um überhaupt einen Wert angeben zu können - eine paradoxe Situation, da gerade ab 65 Jahren das Risiko für Komplikationen bei einer Ansteckung erheblich steigt.

          Etwas anders fallen die Ergebnisse für einen moderneren Lebendimpfstoff aus, der als Nasenspray gegeben wird. In den Vereinigten Staaten wird er seit 2003 verabreicht, bei uns wurde er erstmals in dieser Saison für die Impfung von Kindern zugelassen. Er schützt zwischen dem sechsten Monat und dem siebten Lebensjahr zu durchschnittlich 83 Prozent. Weniger eindeutige Studienergebnisse gibt es zur Wirksamkeit bei Erwachsenen, die das sechzigste Lebensjahr überschritten haben. Und ob dieser Impfstoff den übrigen Personenkreis zwischen 8 und 59 Jahren überhaupt schütze, sei noch gar nicht bewiesen, berichtet das Team aus Minnesota.

          Die Ergebnisse der Amerikaner decken sich halbwegs mit den Zahlen, die das Robert-Koch-Institut Mitte Oktober für Deutschland veröffentlicht hat. Die Effektivität der Grippeimpfung betrug demnach in der vergangenen Saison 2011/2012 im Durchschnitt 49 Prozent. Was das statistisch bedeutet, rechnet der Epidemiologe Gerhard Falkenhorst vom RKI vor: „Wenn beispielsweise im Laufe einer Grippesaison von tausend Ungeimpften hundert an der Grippe erkranken, dann erkranken von tausend Geimpften nur 51, also 49 Personen weniger.“

          Das individuelle Risiko, eine Influenza zu bekommen, ließe sich also durch die Impfung halbieren. Doch wird damit bei weitem nicht die Wirksamkeit von 70 bis 90 Prozent erreicht, von der ältere Studien ausgegangen sind. Michael Osterholm sagt, diese Werte stammten häufig aus methodisch zweifelhaften Untersuchungen. „Doch gerade die Studien, die für eine höhere Schutzwirkung sprechen, sind in der Vergangenheit gern zitiert worden“, sagt Falkenhorst. Dass die Grippeimpfung nicht optimal wirkt, zeigen dagegen auch die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Trotz ansteigender Impfraten bei nordamerikanischen Erwachsenen über 65 Jahren hat sie beispielsweise zwischen 1980 und 2001 keine Abnahme der durch Influenzaviren verursachten Sterblichkeit beobachtet.

          Warum fällt die Wirkung der Grippeimpfung im Vergleich zu anderen Routineimpfungen so bescheiden aus? Bei Masern immerhin besteht nach der zweiten Impfung eine Schutzrate von 97 bis 99 Prozent. Eine Ursache liegt in der Wandlungsfreude der Influenzaviren: Jedes Jahr muss neu festgelegt werden, welche Varianten im Impfstoff enthalten sein sollen. Herstellung und Vertrieb brauchen anschließend sechs bis acht Monate Zeit. Das heißt, bereits im Februar muss über die Zusammensetzung des Impfstoffes der nächsten Saison entschieden werden.

          Diese weit im Voraus getroffene Vorhersage muss nicht immer zutreffen. Das zeigte sich in der vergangenen Saison, als das Virus rasch mutierte und teilweise nicht mehr mit dem Impfvirus übereinstimmte, berichtet Gerhard Falkenhorst. Außerdem begann die Saison sehr spät; viele Patienten steckten sich erst im Februar oder März an und damit bis zu sechs Monaten nach der Impfung. Also zu einem Zeitpunkt, an dem die Schutzwirkung durch die Impfung womöglich schon wieder nachgelassen habe, vermutet Gerhard Falkenhorst.

          Topmeldungen

          Nationales Punktesystem : China plant die totale Überwachung

          Mit einem gigantischen Punktesystem wollen Chinas Kommunisten jeden einzelnen Bürger zu sozialistisch-tugendhafter Folgsamkeit zwingen. Regierungskritiker werden bestraft.