20.02.2012 · Diesmal wurde es nichts mit dem Schönwetterfenster. Ein Guru aus Österreich sorgt für den Abbruch bei der Winterbesteigung des Nanga Parbat. Schließlich geht es um Leben und Tod.
Von Bernd SteinleAm Ende gab wieder mal Karl Gabl den Ausschlag. Genauer gesagt: Karl Gabls Prognose. Gabl ist Meteorologe in Innsbruck, er ist der Mann, auf den sich Extrembergsteiger wie Gerlinde Kaltenbrunner in Wetterfragen verlassen, wenn sie an den hohen Bergen unterwegs sind.
Für viele von ihnen ist Gabl über die Jahre zu einer Art fernem Seilpartner geworden, zur maßgeblichen Entscheidungshilfe in Sachen Auf- oder Abstieg. Wetterfragen werden bei Expeditionen im Grenzbereich schließlich schnell zu existentiellen Fragen - zu Fragen von Leben und Tod.
Vor einem Jahr hatte Gabl auch die Alpinisten Simone Moro und Denis Urubko beraten, als sie zusammen mit dem Amerikaner Cory Richards die erste Winterbesteigung des Gasherbrum II (8034 Meter) schafften - nicht zuletzt, weil Gabl ihnen zur rechten Zeit das richtige Schönwetterfenster vorhergesagt hatte. So war für das italienisch-kasachische Duo klar, dass sie auch bei ihrem nächsten Projekt auf Gabls Rat bauen würden - beim Versuch der ersten Winterbesteigung des Nanga Parbat (8125 Meter).
Doch diesmal wurde es nichts mit dem Schönwetterfenster. Im Gegenteil. Als Gabl ihnen in der vergangenen Woche in Aussicht stellte, dass der starke Schneefall, der sie seit 27. Januar schon ans Basislager gefesselt hatte, in den nächsten zwei Wochen kaum nachlassen werde, da trafen Moro und Urubko nach 51 Expeditionstagen die Entscheidung: genug. Sie brachen ab.
Der Nanga Parbat wird auch in diesem Winter unbestiegen bleiben. Auch ein polnisches Team, das an dem Achttausender unterwegs war, entschloss sich zum Rückzug. „Die Natur ist stärker als wir“, begründete Simone Moro in einem Videobeitrag die Entscheidung. „Es war ein großes Abenteuer, aber die Natur hat gewonnen.“
Zu viel Schnee war im Karakorum gefallen, zu stark waren die Winde, die schon im Basislager bis zu 100 Kilometer in der Stunde erreichten, zu schlecht die Wetteraussichten. „Karl Gabl irrt sich nie“, sagte Moro, „dass wir auf ihn gehört haben, hat uns in der Vergangenheit das Leben gerettet. Also werden wir auch diesmal auf ihn hören.“ Am 26. Dezember 2011 waren Moro und Urubko mit dem Fotografen Matteo Zanga aufgebrochen. Bestens gestimmt, bestens vorbereitet, bestens ausgerüstet.
Gut eine Woche später erreichten sie das Basislager auf 4200 Metern. In den Wochen danach bauten sie drei weitere Lager am Berg auf, erreichten eine Höhe von 6600 Metern. Dann trieb sie der schier endlose Schneefall zurück ins Basislager. „Wir haben einige zusätzliche Risiken in Kauf genommen, mehr als normalerweise“, sagte Moro. „Aber die Situation änderte sich nicht mehr.“
So blieb ihnen nur die Erfahrung, ein außergewöhnlich intensives Bergerlebnis unbeschadet überstanden zu haben. Und die Erkenntnis, dass Training, Vorbereitung, Logistik und Technik wichtige Dinge sein mögen für eine erfolgreiche Winterbesteigung - am Ende aber „kommt es auf die Beziehung von Mensch und Berg an“, so Moro. „Manchmal“, sagte der Italiener, „überlässt uns die Natur einen kleinen Erfolg. Diesmal nicht.“