27.10.2007 · Deutsche Bank und Commerzbank unter Generalverdacht
Von Catherine Hoffmann
Die Kreditkrise hat die amerikanische Investmentbank Merrill Lynch tief in die roten Zahlen gedrückt. Das schadete nicht nur der Reputation des Bankchefs Stan O'Neal, es zog auch die Kurse vieler Bankaktien in die Tiefe. In den Strudel gerieten die Aktien von Deutscher Bank und Commerzbank, die in der vergangenen Woche abermals kräftig nachgaben.
Nun rätseln deutsche Anleger, wie tief die Spuren sein werden, die die Kreditkrise in den Quartalszahlen der deutschen Institute hinterlassen wird. Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller gestand bereits zu Beginn der vergangenen Woche ein, dass die veranschlagten Abschreibungen von 80 Millionen Euro nicht ausreichen werden. Die Commerzbank ist mit 1,2 Milliarden Euro im Subprime-Sektor investiert; verglichen mit dem Engagement der Deutschen Bank, ist das allerdings nicht gerade viel.
Die Deutsche Bank hatte sich Anfang Oktober zu den Auswirkungen der Krise an den Finanzmärkten geäußert und die Belastung im dritten Quartal auf netto 2,2 Milliarden Euro beziffert. Dennoch werde die Bank mit gut 1,4 Milliarden Euro netto rund 200 Millionen Euro mehr verdienen als im Vorjahreszeitraum, ließ Vorstandschef Josef Ackermann wissen. Es handelt sich um vorläufiges Zahlenwerk. Die Stunde der Wahrheit kommt erst noch. Die Deutsche Bank legt ihre Zahlen für das dritte Quartal am kommenden Mittwoch vor, die Commerzbank am 7. November.
Bisher haben Banken aus aller Welt eingestanden, dass sie wegen fauler Kredite für amerikanische Immobilienkäufer rund 20 Milliarden Dollar abschreiben müssen. Die Ungewissheit über das tatsächliche Ausmaß der Verluste ist auch vier Monate nach Ausbruch der Krise groß. Nur eines ist klar: "Die Krise ist noch lange nicht ausgestanden", sagt Konrad Becker, Bankenanalyst der Merck Finck Privatbankiers. Sie wird Bankmanager und -aktionäre noch bis ins Jahr 2008 hinein beschäftigen.
Commerzbank-Chef Müller rechnet erst im Frühjahr mit einer Normalisierung der Märkte, wenn die Banken ihre Abschlüsse des Jahres 2007 vorgelegt haben. Aber auch das könnte eine optimistische Prognose sein, denn das Gros der Ausfälle aus den wenig besicherten Hypothekendarlehen, den sogenannten Subprime Loans, kommt erst noch. Derzeit stehen Subprime-Darlehen in Höhe von schätzungsweise 1,5 Billionen Dollar aus. Experten erwarten, dass bis zu 20 Prozent davon ausfallen werden, mindestens aber 200 Milliarden Dollar. Viele Kunden sind in den ersten ein oder zwei Jahren Laufzeit mit extrem niedrigen Zinsen geködert worden, einige mussten zunächst gar keine zahlen, erst dann setzte der höhere Marktzins ein. Der Höhepunkt der Kreditausfälle wird voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte 2008 erreicht. Gut möglich, dass die Banken noch mehr Investitionen abschreiben müssen.
Aber es ist nicht allein das Engagement im Subprime-Bereich, das die Ertragssituation der Banken trübt. Auch das Neugeschäft läuft zäh, vor allem im Investmentbanking. Die Kreditvergabe an Beteiligungsgesellschaften (Private Equity) ist praktisch zum Erliegen gekommen. Nichts deutet auf eine Erholung im vierten Quartal hin. Das trifft vor allem die Deutsche Bank, weniger die Commerzbank, die viel stärker im Hypotheken- und Kreditgeschäft tätig ist.
Anleger, die davon ausgehen, dass mit dem dritten Quartal alles ausgestanden ist, finden in den deutschen Bankaktien ganz erstaunlich billige Papiere. Das gilt freilich nur, wenn sich die Gewinne so einstellen wie prognostiziert. Der optimistische Ackermann rechnet 2008 "unter der Annahme normal funktionierender Märkte" weiter mit einem Vorsteuergewinn von 8,4 Milliarden Euro.
Die meisten Analysten sind da vorsichtiger. Die Stimmung gegen Bankaktien ist derzeit sehr negativ. Jede noch so kleine schlechte Nachricht löst Kursverluste aus. Auch Becker bleibt zurückhaltend: "Die Ertragsentwicklung der Banken ist schwer abzuschätzen. Wenn ich kein Ergebnis prognostizieren kann, kann ich eine Aktie auch nicht bewerten. Und wenn ich nicht weiß, was ein Papier wert ist, kaufe ich die Katze im Sack."