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Kommentar Schach unsportlich

16.10.2004 ·  Kramnik und Leko können auch anders. Wartet nur ihren Titelkampf ab. Wenn sie erst um den Titel spielen, zeigen sie ihre besten Ideen und ihr attraktivstes Schach. Mit diesen Argumenten sind die Liebhaber des Brettspiels mindestens ...

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VON STEFAN LÖFFLER

Kramnik und Leko können auch anders. Wartet nur ihren Titelkampf ab. Wenn sie erst um den Titel spielen, zeigen sie ihre besten Ideen und ihr attraktivstes Schach. Mit diesen Argumenten sind die Liebhaber des Brettspiels mindestens seit dem blamablen Auftritt der beiden im Juli 2003 in Dortmund immer wieder vertröstet worden. Recht behalten haben indes die Skeptiker. Der Russe und der Ungar können nicht aus ihrer Haut. Zumindest nicht, wenn der angesehenere der beiden Weltmeistertitel im Schach auf dem Spiel steht.
Das Problem ist nicht, daß bei ihrem Zweikampf am Tessiner Ufer des Lago Maggiore die meisten Spiele remis ausgehen. Damit ist zu rechnen zwischen annähernd gleich starken Gegnern. Beschämend ist der mangelnde Kampfgeist. Bei der Hälfte ihrer Partien teilten Wladimir Kramnik und Peter Leko kurz vor oder nach dem 20. Zug den Punkt, und ausgekämpft war auch die nach 34 Zügen remis gegebene zwölfte Partie nicht. Die Funktionäre kennen mehr als zwanzig Kriterien, warum Schach ein Sport ist. Daß ein Resultat zwischen den Akteuren ausgehandelt werden kann, gehört sicher nicht dazu. Eine Regel, die gerade auf höchstem Niveau Remisabsprachen vor dem 30. oder gar 40. Zug untersagt, ist überfällig.
An das Niveau der Duelle, die sich Kasparow und Karpow zwischen 1985 und 1990 geliefert haben, reicht der Titelkampf von Brissago längst nicht heran. Der Unterschied besteht nicht so sehr darin, daß damals die beiden unbezweifelt Stärksten der Welt in einer Art Leistungsschau gegeneinander antraten, während Kramnik und Leko derzeit nur auf dem dritten und sechsten Rang der Weltrangliste stehen. Die Dichte im Spitzenschach ist heute größer denn je. Das ermöglicht jede Menge interessante Konstellationen für Zweikämpfe. Mit Kramnik und Leko sind ausgerechnet die zwei konservativsten Spieler aufeinandergetroffen.
Der 29 Jahre alte Kramnik hat sein Talent nicht ausgereizt. Mit seinem unübertroffenen Positionsverständnis hätte der Russe keinen Grund, die Risiken auf dem Brett zu minimieren. Seine positive Bilanz gegen fast alle Konkurrenten, einschließlich Kasparow und Anand, ist ein schaler Trost, wenn Leko sein schwierigster Gegner ist und bleibt.
Eine Werbung für das Schach ist der Wettkampf in Brissago nicht geworden. Etwas Wichtiges wurde aber doch erreicht: ein Beitrag zur Vereinigung der Schachtitel. Es war nämlich nur der erste von drei Zweikämpfen, bis das Schach erstmals seit 1993 wieder nur einen Weltmeister hat: Im Januar in Dubai trifft Kasparow auf den Fide-Champion Kasimdschanow. Anschließend spielt der Sieger dieses Matches gegen den Sieger von Brissago. Damit ist auch gewährleistet, daß die Enttäuschung über das aktuelle Match nicht allzu lange nachwirkt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.10.2004, Nr. 42 / Seite 20
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