16.11.2011 · Einmal nur zu zweit: Aus der gemeinsamen Schaffenszeit des heimlichen Paars Kandinsky und Münter werden in Berlin zwei Werke versteigert.
Von Lisa ZeitzGabriele Münter saß mit Wassily Kandinsky in einem Boot, genauer gesagt in einem Ruderboot an der Küste von Rapallo. Sie hätte nur die Hand ausstrecken müssen, um seine zu berühren, die fest das Ruder umgreift. Kandinsky blickt auf dem Bild kritisch durch die randlose Brille, aber um seinen im Bart versteckten Mund deutet sich ein Lächeln an. Sein Kopf neigt sich gegenläufig zum schrägen Horizont. Es sieht fast so aus, als ob er sagt, sie solle doch die Kamera gerade halten.
Es war ein milder Wintertag, wohl Anfang des Jahres 1906. Die achtundzwanzigjährige Künstlerin und der rund zehn Jahre ältere Russe waren Ende Dezember 1905 nach Rapallo gereist, hatten nicht weit vom Strand ein kleines Haus in der Via Montebello Nr. 24 gemietet und sogar eine Köchin angestellt. Platz für zwei Ateliers gab es auch. Bis Ende April blieben die beiden hier an der italienischen Riviera. Gabriele Münter besaß eine Kamera, mit der sie schon eine ausgedehnte Reise gemeinsam mit ihrer Schwester nach Missouri, Arkansas und Texas dokumentiert hatte. Jetzt hielt sie ihre Eindrücke am Mittelmeer fest und fotografierte auch ihre große Liebe aus nächster Nähe.
Kandinsky war in Russland längst verheiratet, als er Gabriele Münter rund fünf Jahre zuvor in München kennengelernt hatte. Er war einer der Gründer der Künstlergruppe Phalanx, die damals eine fortschrittliche Kunstschule unterhielt. Dort unterrichtete er, und sie war Kunststudentin. Die beiden verliebten sich während eines Aufenthalts in Kochel am See, als sie zusammen mit anderen Studenten in der bayerischen Landschaft von ihm die Freilichtmalerei lernte. Sie wurden ein Paar, obwohl er noch bis 1911 mit einer anderen Frau verheiratet war. Zuerst musste die Beziehung ganz geheim bleiben; später wollte er verhindern, dass die beiden Frauen sich über den Weg liefen. So war ihre Liaison von Unruhe geprägt, aber sie ließ sich seine Vertröstungen gefallen und reiste mit ihm nach Holland, Tunesien, Dresden, Mailand und Paris.
Die vier ganzen Monate in Rapallo, mit Ateliers und Köchin, müssen nicht nur ein Traum von mediterranem Leben und ungestörter Malerei gewesen sein, sondern auch von häuslicher Zweisamkeit fern von gesellschaftlichen Zwängen: Es soll die unbeschwerteste Zeit ihres gemeinsamen Lebens gewesen sein. Im zarten Licht des Mittelmeers malten sie Dutzende von kleinen Bildern direkt am steinigen Strand. Wie bei Picasso und Braque oder anderen Künstlern, die für eine Weile eng zusammengearbeitet haben, lässt sich in dieser Zeit manchmal kaum entscheiden, ob ein Bild von Kandinsky oder von Münter stammt. Noch sind die Werke der beiden dem Impressionismus verhaftet - doch es brodelte schon, und nur kurze Zeit später sollten sich in Murnau und München zusammen mit Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin - besonders im Zusammenspiel von Kandinsky und Franz Marc - die Neuerungen des Expressionismus ihre Bahn brechen.
Kandinskys rund 24 mal 33 Zentimeter große Ölstudie „Rapallo - Boot im Meer“ aus dem Jahr 1906 war schon vor Monaten zur Jubiläumsauktion mit ausgewählten Werken bei der Villa Grisebach in Berlin eingeliefert worden, als erst kürzlich noch die kleine Küstenlandschaft „Bei Rapallo“ von Gabriele Münter dazukam, aus einer anderen deutschen Privatsammlung. Es ist ein Glücksfall, dass die beiden Bilder, die innerhalb weniger Wochen, vielleicht sogar am selben Tag, entstanden sind, nach mehr als hundert Jahren wieder vereint sind - und sei es nur für kurze Zeit.
Die Spontaneität der Malerei spricht dafür, dass beide Bilder en plein air gemalt wurden. Auf beiden sorgt der italienische Vorfrühling für optimistische Farbklänge. Bei Münter changiert der Himmel von starkem Helltürkis zu ätherischen Lavendeltönen. Während Kandinsky sich zum Licht strebend auf die weite Ferne konzentriert, freut sich Münter an den Schätzen der Küste, an den Silhouetten der stolzen Gebäude, an der üppigen Flora eines ummauerten Parks auf einer Landzunge im Mittelmeer. Kandinsky dagegen schwelgt in der Darstellung des Wassers, dessen kleine schwappende und glucksende Wellen man geradezu zu hören glaubt.
Man könnte meinen, die beiden Künstler haben nicht nur dieselben Farbtuben direkt auf ihre Leinwände und Malpappen gedrückt, sondern auch ihre Pinsel auf dieselbe Palette getupft. Das Sandsteinrot einiger Gebäude auf Münters Bild findet sich in Kandinskys Bergen und in deren Spiegelung im Wasser, so wie der Lavendelton aus Münters Himmel an Kandinskys Küstenhorizont über seinem einsamen Ruderer auftaucht.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs flohen Münter und Kandinsky in die Schweiz, doch er musste als „feindlicher Ausländer“ nach Russland zurückkehren. Sie fanden nicht mehr zusammen: Das letzte Treffen fand 1916 in Stockholm statt, und im nächsten Jahr heiratete er eine Andere. Bald gingen auch die beiden Bilder aus Rapallo getrennte Wege. Kandinskys Ruderer im Abendlicht trägt auf der Rückseite der Malpappe Etiketten der Modernen Galerie Otto Stangl, München, sowie von den New Yorker Galeristen A. Samuels und Leonard Hutton. Das Bild wurde in den fünfziger Jahren in München ausgestellt und war dann erst wieder 1994/95 im Brücke-Museum in Berlin und in der Kunsthalle Tübingen zu sehen, als eine Ausstellung den frühen Kandinsky beleuchtete. Münters Bild dagegen wurde 1965 in Zürich in der Galerie Daniel Keel präsentiert und dann erst wieder 1988 in einer der Künstlerin gewidmeten Ausstellung im Hamburger Kunstverein, im Hessischen Landesmuseum Darmstadt und in der Sammlung Eisenmann in Aichtal-Aich.
Jetzt dürfen sie für kurze Zeit wieder nebeneinander hängen: Nach Stationen in München, Hamburg, Dortmund und Zürich ist am 15. November Vorbesichtigung der Villa Grisebach in Düsseldorf und schließlich vom 18. bis 22. November in Berlin. Die Auktion findet am 24. November statt: Kandinskys „Rapallo - Boot im Meer“ ist auf 300.000 bis 400.000 Euro taxiert, Münters halb so großes Bild „Bei Rapallo“ auf 60.000 bis 80.000 Euro.
Während Wassily Kandinskys Name für immer mit der Erfindung der Abstraktion verbunden sein wird, ist Gabriele Münter als Künstlerin und als Gralshüterin in die Geschichte eingegangen: Als sie achtzig Jahre alt wurde, machte sie der Stadt München ein Geschenk von unschätzbarem Wert, indem sie dem Lenbachhaus ihre Sammlung vermachte - mit allein achtzig Werken von Kandinsky, aber auch mit anderen Künstlern des Blauen Reiters und mit eigenen Bildern. Wer weiß, was passiert wäre, wenn sie ein anderes Temperament gehabt hätte? Man hat schon von Menschen gehört, die jede Erinnerung an einen verflossenen Geliebten aus dem Fenster geworfen oder im Garten verbrannt haben. Dann wäre die Kunstgeschichte um einige Kapitel ärmer.