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Jungfrau mit 30 : Über diese Grenze musst du gehn

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„Es ist immer das Gleiche“, stöht Wolfram. „Ab einem bestimmten Punkt entwickelt sich das Ganze in die falsche Richtung.“ Bild: Wolfram Huke

Wolfram Huke ist 31 und hatte noch nie eine Freundin. Nun hat er einen Film über sich und seinen Schmerz gemacht.

          Seit fast drei Jahrzehnten analysiert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Einstellung der Vierzehn- bis Siebzehnjährigen zur Sexualität, und mit leichten Schwankungen sind die Zahlen immer die gleichen. Mit 14 Jahren hatten vier Prozent aller Jungs Geschlechtsverkehr, mit 15 Jahren sind es schon 17 Prozent, mit 16 dann 34 Prozent, und mit 17 sind es 66 Prozent. Und verlängert man diese Zahlenreihe - die eindrucksvoll belegt, mit welcher Macht ein Naturtrieb seinen Tribut einfordert - gedanklich weiter, dann sollten es, so meint man, irgendwann so um die zwanzig alle gewesen sein.

          Meint man. Ein kleiner, unbekannter Teil bleibt indes übrig, für den das, was vielen bald so selbstverständlich ist wie Atmen, Essen und die tägliche Körperpflege, zur unlösbaren Aufgabe wird. Man nennt diese Menschen „Absolute Beginners“, Menschen, die auch bis ins fortgeschrittene Alter nicht die Erfahrung gemacht haben, wie das ist, sich mit einem anderen Menschen zu vereinen, obwohl sie sich nichts sehnlicher wünschen.

          Zu ihnen gehört Wolfram Huke, 31. Ein Muttersöhnchen, ein hoffnungsloser Romantiker, ein Eigenbrötler und verschüchterter Traumtänzer? Nein, alles Quatsch. Ein blondlockiger, kräftiger Mann mit blauen Augen und warmer Stimme. Er steht mit beiden Beinen im Leben, und wer mit ihm spricht, merkt schnell, gängige Klischees greifen bei ihm nicht. Trotzdem war Wolfram, der nach einem Philosophiestudium an der Ordenshochschule der Jesuiten in München ein zweites Studium an der Filmhochschule begann, irgendwann so weit, dass er beschloss, das Leben, das ein solcher Liebesfremdling führt, der Öffentlichkeit zu zeigen.

          Seht, ich bin 30 und hatte noch nie Sex

          Also nahm er eine kleine Handkamera und beobachtete sich ein Jahr lang - von seinem 29. bis zu seinem 30. Geburtstag. Er filmte seine Depressionen, seine Versuche, sich Frauen zu nähern, seinen Gang zur Therapeutin und zur Stilberaterin, seine Anstrengungen, ein ganz normales Leben zu führen, obwohl etwas ganz Entscheidendes darin fehlt. Sein Dokumentarfilm, der seit einigen Wochen auf Festivals gezeigt wird (ein Kinoverleiher ist noch nicht gefunden), trägt den Titel „Love Alien“. So, als wären Menschen ohne Liebesglück eine andere Spezies.



          Doch, manchmal fühle er sich schon so, meint Wolfram. Und seit der Veröffentlichung des Films bekommt er viele E-Mails von Menschen, denen es genauso ergeht und die sich noch nie getraut haben, das zu sagen. Denn Wolfram ist unter den „Absolute Beginners“ eine Ausnahme. Was sie wie einen Makel empfinden beziehungsweise, was ihnen eine hoch sexualisierte Gesellschaft als Makel einreden mag, das verbergen sie entsprechend sorgsam. Wolfram hat einen Tabubruch begangen, als er sich öffentlich bekannte: Seht, ich bin 30 und hatte noch nie Sex.

          Die Journalistin Maja Roedenbeck, die unter dem Titel „Und wer küsst mich?“ dem Gesellschaftsphänomen des unfreiwilligen Zölibats jüngst ein Buch gewidmet hat, schätzt die Zahl der unfreiwillig zölibatär lebenden Menschen auf ein bis zwei Millionen in Deutschland. Das ist nicht überprüfbar, wohl aber, was sie schreibt: „Auch wer selbst kein Betroffener ist, kennt garantiert jemanden, der es ist: die Cousine, die noch nie einen Freund zu einer Familienfeier mitgebracht hat, doch die Gerüchte, sie sei lesbisch, glaubwürdig dementiert. Den Kumpel aus Schulzeiten, der immer noch ein super Kumpel ist, es aber mit den Frauen nicht so hat.“

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