http://www.faz.net/-gmy-12m6i

Nachkriegsarchitektur : Der Charme der Betonstelzen

  • Aktualisiert am

Wegweisender Betonbau: Das George C. Marshall-Haus Bild: Mila Hacke

Junge Baudenkmale haben es schwer. Vor allem solche, die in den 50er und 60er Jahren entstanden sind. Sie gelten als hässlich, seelenlos und veraltet. Ein Gespräch mit dem Kunsthistoriker Adrian von Buttlar über Nachkriegsarchitektur.

          Junge Baudenkmale haben es schwer. Vor allem solche, die in den 50er und 60er Jahren entstanden sind. Sie gelten als hässlich, seelenlos und längst veraltet. Als Anschlag auf das ästhetische Empfinden. Doch die Architektur der Wiederaufbaujahre hat auch Fürsprecher. Erste Wohn- und Geschäftsbauten werden mustergültig saniert. Marode Kästen verwandeln sich dann in glänzende, schwebende Bauten. Und mit einem Mal erkennen viele den Charme von Betonstelzen, Vorhangfassaden und gläsernen Luftgeschossen. Seit langem kümmert sich der Berliner Kunsthistoriker Adrian von Buttlar um das Image dieser Bauten. Von Buttlar ist Professor an der Technischen Universität Berlin und seit 1997 Vorsitzender des Landesdenkmalsrats Berlin.

          Herr Professor von Buttlar, viele Bauten der unmittelbaren Nachkriegszeit sind heute Abrisskandidaten. Warum hat die Nachkriegsmoderne so wenig Freunde?

          Das hat zum einen mit der Sehnsucht nach dem guten Alten zu tun. Zum anderen aber gibt es viele Vorbehalte gegen die Nachkriegsarchitektur, weil sie mit immer wiederkehrenden Mustern arbeitete. Diese wurden schnell als monoton empfunden und erzeugten Überdruss. Schon seit den achtziger Jahren wurde dieser Stil abgekanzelt als Bauwirtschaftsfunktionalismus. Seither haben es auch die guten Bauten schwer. Aber die Vorurteile sind sehr pauschal.

          Adrian von Buttlar ist Professor für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Berlin
          Adrian von Buttlar ist Professor für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Berlin : Bild: Privat

          Sie finden, die Qualität der Gebäude wird zu wenig gewürdigt?

          Ja. Wir brauchen einen gerechte-ren Umgang mit diesem Erbe. Es gibt bei näherem Hinsehen viele individuelle, progressive und schöne Einzelbauten und auch spannende Ensembles und Stadträume.

          Inwiefern waren sie fortschrittlich?

          Die Grundidee war, mit neuen Materialien, neuen Konstruktionsmethoden und adäquaten Formen für die veränderten Bedürfnisse einer neuen Gesellschaft zu bauen. Die später oft verteufelte funktionalistische Idee, die ja nicht nur die materielle, sondern auch die ideelle Funktion meint, ist das Rückgrat dieser Architektur. Auf diese Weise sind Baukörper und Fassaden, Räume und Stadtlandschaften entstanden, die einem völlig anderen Lebensgefühl Ausdruck geben.

          Dennoch gilt diese Ästhetik vielen als fad, etwa wenn es sich um überbreite Gebäuderiegel handelt mit schier endlos wirkenden Rasterfassaden. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

          Nein, prinzipiell stimmt das so ja auch nicht. Wir müssen genauer hinsehen und einen Sinn für die formalen Qualitäten entwickeln. Dann entdeckt man wunderbare Beispiele von rationaler, ja poetischer Ordnung. Die Rasterfassaden sind oft Varianten einer mathematischen Typologie, von mehr oder minder robust oder elegant differenzierten Rhythmen, mit viel Glas und filigranen Stahlprofilen. Mit sparsamen Mitteln und elementaren Formen sollten homogene Baukörper entstehen, die als Großformen im Stadtraum wirken. Die beliebte Vorhangfassade, die in Deutschland erfunden und nach dem Krieg aus den Vereinigten Staaten reimportiert wurde, steht für diesen neuen Minimalismus. Natürlich gibt es auch viel Schrott, schnell und lieblos hingezaubert, das will niemand bestreiten. Ich bin für eine Auslese guter Beispiele.

          Was zeichnet diese aus?

          Eine befreiende Transparenz, Leichtigkeit und spannungsvolle Raumbildung. Genauso die Lichtführung und Komposition. Gerade Letztere sollte man unbedingt respektieren. Gute Architektur hat seit der Renaissance den künstlerischen Anspruch, eine in sich abgeschlossene Komposition zu bilden. Man darf auch die Bauten des späten 20. Jahrhunderts nicht durch Teilabrisse, Zubauten oder Aufstockung und Auswechslung der Details so verändern, dass sie ihr Gesicht verlieren.

          Heute wirken viele dieser Gebäude übermäßig abgenutzt. Hat das mit ursprünglich schlechter Bauqualität zu tun?

          Nicht unbedingt. Vielmehr war die Bauunterhaltung oft schlecht oder nicht existent. Daher sehen viele Nachkriegsbauten marode aus, wie ein altes Auto auch, wenn man es nicht pflegt. Gar nicht selten ist die Substanz sogar bewusst vernachlässigt worden. Oft ist das die Taktik, um den Abriss zu erzwingen.

          Topmeldungen

          Überbewertete Aktie : Was ist Tesla wirklich wert?

          Der Hype um den Autobauer Tesla ist riesig. Kleinste Nachrichten bewegen die Öffentlichkeit wie sonst bei kaum einem Unternehmen. Doch was ist Tesla eigentlich wirklich wert? Nichts, sagt jetzt ein bekannter Leerverkäufer.