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„Ich sage nur: Sigi, mach mal“

Reinhard Bütikofer über den Wahlkampf der SPD und der Grünen, bebende Marktplätze und Risiko-Vermeider

FRAGE: Herr Bütikofer, für wen haben Sie bei der Urwahl der grünen Spitzenkandidaten gestimmt?

ANTWORT: Das habe ich nur meiner Frau erzählt.

FRAGE: Die Parteivorsitzende Claudia Roth hat bei dieser Wahl nur 26 Prozent der Stimmen bekommen. Sie war enttäuscht. Verstehen Sie das?

ANTWORT: Ja, das kann ich nachempfinden. Als ich Parteivorsitzender in Baden-Württemberg war, wollte ich 1999 für das Europäische Parlament kandidieren. Ich habe darauf bestanden, dass die baden-württembergischen Grünen als Einzige bundesweit super basisdemokratisch eine Vorwahl durchführen. Und habe die glatt verloren.

FRAGE: Was bedeutet es, dass eine Parteibasis so mit ihrer grünen Urmutter umgeht?

ANTWORT: Es wäre falsch, das als Abwertung ihrer Leistung als Bundesvorsitzende zu werten. Bei der Wahl der Spitzenkandidaten haben andere Gesichtspunkte eine Rolle gespielt als bei der Wahl einer Parteivorsitzenden. Das ist nicht neu in der Geschichte der Grünen. Wir haben keine Parteiführung, wie sie in der CDU oder in der SPD existiert. Wir haben eher Vorsitzende im Sinn der amerikanischen Parteien. Sie haben die Aufgabe, die Partei zusammenzuhalten, sie programmatisch voranzubringen, Initiativen der Basis aufzunehmen oder gegebenenfalls auch die Selbständigkeit der Partei gegenüber jenen zu sichern, die Regierungsämter bekleiden. Vorsitzende bei uns können übrigens nach wie vor nicht einer Regierung angehören. Anders wäre Joschka Fischer nie der „heimliche“ Vorsitzende geworden.

FRAGE: Dann wäre es wohl schlauer von Claudia Roth gewesen, wenn sie dieses riskante Experiment nicht eingegangen wäre.

ANTWORT: Im Nachhinein ist jeder schlau. Claudia wusste, dass sie ein Risiko eingeht. Sie hatte Lust, als Spitzenkandidatin zu wirken, und hat es gewagt. Das sollte man respektieren. Eher sind doch die Aussitzer und Risiko-Vermeider die Seuche in der Politik. Immerhin hat uns Claudia Roth die Urabstimmung beschert, die im Nachhinein sogar Realo-“Vordenker“ loben.

FRAGE: Sie haben jahrelang mit Claudia Roth die Partei geführt. Wie ist sie denn so?

ANTWORT: Sie ist herzlich, energisch, intensiv und widerspenstig. Und sie kann zuhören. Man kann mit ihr prima vertrauensvoll arbeitsteilig zusammenarbeiten. Man kann sich mit ihr auch sehr gründlich streiten, aber wir beide haben es nie geschafft, uns zu zerstreiten.

FRAGE: Das klingt eigentlich nach einer idealen Spitzenkandidatin. Die Partei geht aber lieber mit einer braven Theologin in den Wahlkampf als mit der emotionsgeladenen grünen Power-Frau?

ANTWORT: Katrin Göring-Eckardt ist, glaube ich, Fast-Theologin, so wie ich Fast-Philosoph bin. Aber schon die Anfänge ihrer politischen Tätigkeit in der DDR-Opposition deuten darauf hin, dass sie nicht brav ist, denn da war sie rebellisch. Auch als Fraktionsvorsitzende zu rot-grünen Zeiten hatte sie ihre Ecken und Kanten, war gewiss nicht stromlinienförmig.

FRAGE: Haben Sie schon mal einen Wahlkampfauftritt von Katrin Göring-Eckardt erlebt? Bebt da der Marktplatz?

ANTWORT: Dass ein Grüner Marktplätze zum Beben gebracht hat, das habe ich zuletzt 2005 erlebt. Das war Joschka Fischer. An ihn reicht da keiner seither heran. Möglicherweise kann man dem Ergebnis der Urwahl auch ablauschen, dass unsere Leute einen ruhigen Stil zu würdigen wissen, der mit einer zurückgenommenen Entschiedenheit seine Ziele verfolgt. Da ist Katrin Göring-Eckardt eher Winfried Kretschmann vergleichbar. Jegliches, auch der politische Stil, hat seine Zeit. Nachdem in den rot-grünen Jahren eine Riege von Alpha-Politikern alles bestimmt hat, machte danach der ganz andere Stil von Frau Merkel Furore. Gerade in einer Situation der Unsicherheit und großer Orientierungsnot kommt es vielen Menschen auf ruhige Stärke an, die ja sehr selbstbewusst sein kann. Oft gibt es sogar ein Misstrauen gegen laute Töne.

FRAGE: Was bedeutet es denn für die Ausrichtung der Grünen, dass Katrin Göring-Eckardt sich so klar gegen Claudia Roth und die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Renate Künast, durchgesetzt hat?

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