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Magierin der Gegensätze

26.06.2010 ·  Die Künstlerin Shirin Neshat hat einen Spielfilm über iranische Frauen und Freiheit gedreht. Sie selbst balanciert zwischen West und Ost

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Von Julia Schaaf

Manchmal holt die Gegenwart die Geschichte ein und die Wirklichkeit die Fiktion.

Shirin Neshat war erschöpft. Sechs Jahre schon hatte sie an ihrem ersten Spielfilm gearbeitet. So lange war die iranisch-amerikanische Künstlerin zwischen Weltstädten gependelt; schließlich hatte sie mit deutschem, französischem und österreichischem Geld und internationaler Besetzung in Marokko gedreht. Jetzt saß sie daheim in New York im Schneideraum und zweifelte, ob ihr Projekt jemals fertig würde. Da brachen die Bilder über sie herein. Teheran im Juni 2009: Aufgebrachte, selbstbewusste Menschen zogen protestierend durch die Straßen, Männer und Frauen, durcheinandergemischt. So wie in ihrem Film. Die Mode hatte sich verändert, die Gesichter waren andere. Aber sogar Parolen glichen einander. Dann wurde Neda erschossen, die Studentin, die zur Symbolfigur der Grünen Bewegung wurde, weil jemand gefilmt hatte, wie sie sterbend auf der Straße lag, die Hände rechts und links neben dem von schwarzem Haar umrahmten Gesicht erhoben. So liegt auch Munis auf dem Pflaster, die Aktivistin im Film. "Die Ähnlichkeiten waren unglaublich", sagt Shirin Neshat. Ihre Überraschung ist noch immer spürbar.

"Women without Men" wurde beim Filmfestival von Venedig vergangenen Herbst mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet; nächste Woche kommt der Film in die deutschen Kinos. Deshalb sitzt Shirin Neshat, Star der internationalen Kunstszene und Mittlerin zwischen den Welten, in einem kleinen chinesischen Restaurant in Berlin-Charlottenburg vor einem unberührten Teller Reis und Gemüse. Erst wollte sie gar nichts bestellen. Jetzt weigert sie sich anzufangen, bevor nicht das Essen der anderen kommt. "Ich mag es gern kalt", behauptet sie und lächelt sehr freundlich. Zwanzig Minuten später klemmt sie die erste Möhre zwischen die Stäbchen. Eine kleine Frau mit großem Willen. Ihr Blick ist so klar wie alles, was sie sagt. Neshat wirkt zeitlos. 53 Jahre alt und mädchenhaft schmal. Klassische Eleganz zu Ethno-Accessoires. Als sie sich fürs Foto die Lippen nachschminkt, sagt sie: "Das ist das Ding mit den Frauen: Sie müssen nicht nur intelligent klingen und gute Arbeit leisten. Sie müssen auch noch toll aussehen."

Frauen waren schon immer ihr Thema. Auch wenn es die politischen Parallelen sind, die "Women without Men" Aktualität verleihen, ist das nur eine Dimension des nach einer Romanvorlage entstandenen Films. Einerseits geht es zwar um einen wenig bekannten Schlüsselmoment in der Geschichte Irans: 1953 wurde der erste demokratisch gewählte Premierminister des Landes in einem Putsch gestürzt, der maßgeblich von Amerikanern und Briten organisiert war, die ihren Zugriff auf iranische Ölreserven sichern wollten. Den Demonstrationen zum Trotz gelangte der Schah zurück an die Macht, was das bis heute angespannte Verhältnis zwischen Iran und dem Westen zu erklären hilft. Andererseits verknüpft der bildgewaltige, mitunter stark allegorische und surreale Film die Schicksale von vier sehr unterschiedlichen Frauen, die alle aus einer Lebenskrise heraus einen Aufbruch wagen. Shirin Ne-shat sagt: "Mir gefällt die Poesie dieser Wechselbeziehung: dass ein ganzes Land und einzelne Frauen die gleichen Ziele verfolgen - nämlich Freiheit und Demokratie."

Und alle vier Frauen sind ein bisschen Shirin Neshat.

Fakhri zum Beispiel, die Generalsgattin, die wie Ava Gardner aussieht, die singt und raucht und von ihrem Ehemann beschimpft wird, während sie sich abschminkt. Ne-shat sagt: "Frauen in einem gewissen Alter wollen gut aussehen und sich neu erfinden, obwohl man ihnen bedeutet, dass sie ihren Höhepunkt überschritten hätten - sowohl sexuell als auch künstlerisch und geistig. Auch ich mit meinem Wechsel von der Kunst zum Film versuche noch, mich weiterzuentwickeln. Und ich pflege mich, weil ich mir ein gewisses Aussehen bewahren möchte."

Oder Munis, die politische Aktivistin, die sich nicht fürs Heiraten interessiert, sondern Nachrichten hörend vor dem Radio klebt und verbotene Flugblätter verteilt: "Sie ist diese Sorte Frau, die an etwas glaubt, das größer ist als ihre persönlichen Interessen. Die für soziale Gerechtigkeit kämpft und für ihren Aktivismus lebt. Ein Teil von mir war immer politisch aktiv."

Zarin, die Prostituierte, flüchtet aus dem Bordell in ein Waschhaus, wo sie sich den magersüchtigen Körper blutig schrubbt. Neshat sagt: "Dem Körper Schmerz zuzufügen, sobald etwas im Umfeld nicht stimmt: Ich selbst und viele Frauen, die ich kenne, tun das, ohne dass wir darüber sprechen würden. Ich werde physisch krank, wenn mich etwas emotional aufwühlt. Mein Körper reagiert direkt darauf, wie ich mich fühle. Das ist ein weibliches Muster."

Faezeh unterdessen (Pegah Ferydoni, Interview auf Seite 25) himmelt einen Frauen missachtenden, streng religiösen Mann an. "Ihre schlichte Sehnsucht nach einem traditionellen Leben mit Familie und Kindern erinnert mich an mich, weil ich das nie hatte", sagt Shirin Neshat. "Ein Teil von mir hätte sich immer so ein ganz normales Leben gewünscht."

Shirin Neshat ist eine moderne, westliche Frau. Sie hat inzwischen mehr als zwei Drittel ihres Lebens in Amerika verbracht. Sie liebt gutes Design, Mode und ihre Unabhängigkeit, sie tanzt Flamenco und lebt mit Mann, Hund und Katze in einem minimalistisch eingerichteten Loft in Soho. "Aber gefühlsmäßig habe ich mich nie verändert", sagt sie. "Emotional bin ich sehr iranisch."

Wie viele Kinder liberaler Iraner aus der Oberschicht kam die Arzttochter in den siebziger Jahren zum Studieren nach Kalifornien. Wegen der Islamischen Revolution sollte sie ihre Familie erst 1990 wieder besuchen. Sie war schockiert von der totalen Kontrolle, die das Regime über die Menschen ausübte. In Interviews zeigte sie sich entsetzt über die plötzliche Religiosität von Mutter und Schwestern. Heute sagt sie: "Ich versuche, in der Öffentlichkeit nicht über meine Familie zu sprechen. Es ist nicht gut für sie." Lieber beschreibt sie, wie die Begegnung mit der leidgeprüften Heimat auch eine merkwürdige Mischung aus Faszination und Neid in ihr auslöste, die fortan prägend wurde: Ihr komfortables New Yorker Leben an der Seite ihres damaligen Mannes, mit dem sie eine Galerie für Kunst und Architektur führte, kam ihr plötzlich oberflächlich vor. Sie begriff, dass ein schweres Schicksal Menschen tiefgründiger machen kann - und stärker. Sie wollte nicht leiden. Aber sie wusste, sie hatte viel verpasst.

Anschließend begann ihre steile Karriere als Künstlerin. Gleich Neshats erste Fotoserie "Women of Allah" wurde bejubelt und verdammt. Die Nahaufnahmen einer verschleierten Frau - der Künstlerin selbst -, deren Hände und Füße mit persischer Kalligraphie überzogen sind, während die Mündung einer Pistole auf den Betrachter gerichtet ist, galten wahlweise als Provokation, als Gewaltverherrlichung, als Kitsch. "Meine Arbeit ist komplex und will mit so vielen Dingen spielen, natürlich führt das zu unterschiedlichsten Reaktionen. Aber auf jeden Fall führt es zum Dialog", sagt Shirin Neshat. Auch als sie sich der Arbeit mit VideoInstallationen zuwandte, blieb der Gegensatz ihr Markenzeichen: Eine Optik in Schwarz und Weiß. Männer und Frauen. Politik und Religion. Innen und Außen. Erotik und Verhüllung. Kultur und Natur. Selbst mit ihrem ersten Spielfilm, sagt Neshat, trotz der verschiedenen Handlungsstränge und bisweilen satter Farben, führe sie dieses Prinzip fort: Magie und Realität. Einzelschicksale und ein Land als Ganzes. Die Vergänglichkeit eines Gartens und die gemauerte Stadt Teheran. "Meine ganze Arbeit dreht sich darum, diesen Sinn für Dualität einzufangen. Denn alles, was ich tue, ist eine Art Konversation zwischen meiner persönlichen Innenwelt und der Außenwelt, die so viel größer ist als ich selbst."

Weil Shirin Neshat die vielleicht wichtigsten Antagonismen der globalisierten Welt in sich trägt - das Zusammenspiel zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Individualität und Gemeinschaft -, ist sie zur Vorkämpferin einer kulturrelativistischen Weltsicht geworden. In Europa hat man sich daran gewöhnt, den Schleier muslimischer Frauen als Symbol der Unterdrückung zu geißeln und den Individualismus des Westens als einzigen Weg der Emanzipation zu feiern. Shirin Neshat betrachtet den Schleier zunächst als Kleidungsstück, das sie ästhetisiert. Sie wertet nicht. Aber sie sagt: "Wir dürfen andere Kulturen nicht anhand westlicher Logik beurteilen. Andere Länder funktionieren innerhalb ihres eigenen traditionellen Systems. Der Westen glaubt immer, es gebe diese eine, alles umfassende Rationalität. Aber das stimmt nicht. Die einzige Chance ist ein Dialog, der Verschiedenheit toleriert." Und: "Der Feminismus in diesem Teil der Welt kämpft dafür, dass Frauen so behandelt werden wollen wie Männer. In unserer Kultur geht es eher darum, eine Balance zwischen Männern und Frauen zu finden. Viele Frauen schätzen einen Teil ihrer traditionellen Werte und wollen nicht völlig individualistisch sein. Die Gemeinschaft bedeutet ihnen viel."

Das gilt auch für die Künstlerin selbst. Iran hat sie 1996 zuletzt betreten. Aber bis heute ist Neshat fest in der Community der Exil-Iraner verwurzelt und via Internet und Facebook mit den Menschen in der Islamischen Republik verknüpft. Und auch deshalb, sagt sie, liebe sie den Aktivismus: "Es geht nicht um dich. Es geht um die Gemeinschaft. Das ist ein Konzept, das im Westen verlorenzugehen droht." Grundsätzlich steht Shirin Neshat auf dem Standpunkt: Frauen sollten wählen dürfen, wie sie leben wollen, überall auf der Welt. Mit Schleier oder ohne oder wie auch immer sonst - Hauptsache, jede entscheidet selbst, was gut für sie ist. Dann erzählt sie von einer ihrer Schwestern, die sie als Vorbild empfindet: eine verheiratete Frau in Iran, Mutter von vier Kindern, die nie auch nur einen einzigen Tag berufstätig gewesen ist - und trotzdem geistig so rege, dass sich jedes Gespräch über Kino, Literatur und Politik lohnt. Neshat ist überzeugt: Gemeinschaft und Tradition müssen nicht rückständig sein.

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