04.10.2003 · "Nazi und Grapscher": Ein Doppelschlag bringt den Kandidaten ins Wanken
Von Matthias Rüb
Washington. Drei Tage nach der Detonation und kurz vor der Wahl am kommenden Dienstag, die über sein politisches Schicksal entscheidet, betrachtet Arnold Schwarzenegger die Trümmer. Der Sprengstoff bestand aus der Feststellung, Arnold sei ein heimlicher Nazi und ein Grapscher. Beide Vorwürfe sind für sich genommen schon tödlich, kombiniert sind sie ein Overkill. Nach den Regeln der "politischen Korrektheit" müßte die politische Karriere Schwarzeneggers beendet sein, noch ehe sie begonnen hätte.
Am Dienstag wird sein Schicksal klar sein. Dann entscheiden die gut 15 Millionen Wahlberechtigten im bevölkerungsreichsten amerikanischen Bundesstaat Kalifornien darüber, ob der erst im vergangenen November für eine zweite Amtsperiode bestätigte, aber unpopuläre demokratische Gouverneur Gray Davis abberufen wird und wer ihm gegebenenfalls nachfolgt. Die Abstimmung hatten 1,3 Millionen Wahlberechtigte mit ihren Unterschriften für das von einem republikanischen Kongreßabgeordneten initiierte Volksbegehren erzwungen. Es ist zum ersten Mal in der Geschichte Kaliforniens, daß sich ein Gouverneur der Gefahr seiner Abwahl ausgesetzt sieht.
Vor der Explosion der politischen "Atombusenbombe" am Donnerstag schien es so, als könnte in Kalifornien wieder einmal das Unerhörte geschehen: die Wahl eines zum Hollywood-Star aufgestiegenen Muskelmannes aus der Steiermark zum republikanischen Gouverneur in einem von den Demokraten beherrschten Bundesstaat.
In Kalifornien sind gut 1,5 Millionen mehr Demokraten als Republikaner in die Wählerregister eingetragen. Und von den rund 2,7 Millionen als Unabhängige registrierten Wählern stimmten in den vergangenen Jahren die meisten für die Demokraten und nicht für die in Kalifornien meist erzkonservativen Kandidaten der Republikaner. Rein rechnerisch deutete also alles auf ein weiteres Heimspiel der Demokraten hin: Wenn schon der Langweiler Davis, ein Parteibürokrat und Schuldenmacher, der zuletzt ein Budgetdefizit von 38 Milliarden Dollar unter anderem mit einer Erhöhung der Autosteuer auszugleichen versuchte, sein Amt würde abgeben müssen, dann sollte wenigstens sein bisheriger Stellvertreter Cruz Bustamante, ein Langweiler und Parteibürokrat, sein Nachfolger werden.
Tatsächlich legten bis etwa drei Wochen vor der Wahl alle Umfragen diesen Wahlverlauf nahe: Bustamante lag vor Schwarzenegger, der wiederum vor dem erzkonservativen republikanischen Parteisoldaten Tom McClintock lag. Die Schar der weiteren Außenseiter - vom Kandidaten der Grünen Peter Camejo über die Publizistin Arianna Huffington bis zu allerlei Spinnern - vervollständigten das Feld der 135 Kandidaten.
Doch mit einem Mal, vor etwa zwei Wochen, war Schwarzenegger an Bustamante vorbeigezogen und lag in allen Umfragen mit etwa zehn Prozentpunkten vor seinem Konkurrenten. Und die Zahl derer, die Davis loswerden wollten, lag klar über 50 Prozent. Gründe für Schwarzeneggers Erfolg waren sein professionell geführter Wahlkampf sowie die von seinem Beraterteam angerührte Mischung aus linken Ansichten bei Abtreibung und positiver Diskriminierung von Minderheiten und einem unternehmerfreundlichen Konservatismus. Zudem kultivierte Schwarzenegger sein Bild vom "Selfmademan" und politischen Außenseiter.
Bis dann - wie zufällig - wenige Tage vor der Wahl die politische Doppelbombe platzte. Die Tageszeitung "Los Angeles Times" ließ sechs Frauen - vier von ihnen anonym - zu Wort kommen, die übereinstimmend von Übergriffen Schwarzeneggers zwischen 1975 und 2000 berichteten: Er habe sie an Busen und Hintern begrapscht, im Fahrstuhl bedrängt und anzügliche Bemerkungen gemacht. Schwarzenegger entschuldigte sich für sein "mitunter schlechtes Benehmen", das er als etwas groben Spaß verstanden wissen wollte. Der Fernsehsender "ABC" und die Tageszeitung "New York Times" berichteten zudem von der Mitschrift eines Gesprächs mit dem Schauspieler aus dem Jahre 1975, in dem Schwarzenegger Bewunderung für Adolf Hitler gezeigt habe, weil dieser aus einfachen Verhältnissen zur Macht aufgestiegen und zudem ein begabter Redner gewesen sei. Schwarzenegger verteidigte sich mit den Worten, er könne sich "an keine dieser Äußerungen entsinnen" und habe stets "alles verachtet, wofür Hitler und die Nazis standen".
Die Empörung seiner Widersacher konnte er damit nicht dämpfen. Seine Anhänger aber sehen in den Enthüllungen den Versuch der Demokraten, eine Wahlniederlage zu verhindern. Ob Schwarzenegger den Doppelschlag übersteht, wird sich in zwei Tagen zeigen.