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Biodiversität & Ökonomie Im Urwald ist kein Frosch mehr frei

02.02.2010 ·  Alles, was unter der Sonne gedeiht, wird heute von nationalen Institutionen in Besitz genommen. Wer in den Tropen forschen will, bekommt das zu spüren. Ob Darwin heute noch einmal zu einer Weltreise aufbräche?

Von Nike Heinen
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Vor nicht allzu langer Zeit reiste ein deutscher Doktorand in den Dschungel Mittelamerikas, im Gepäck eine gehörige Portion Enthusiasmus und ein paar leere Sammelgläser. Er hatte eine Idee, die ihn über Nacht hätte berühmt machen können. Es ging um eines der großen Rätsel der Amphibienkunde: Was macht Pfeilgiftfrösche eigentlich so giftig?

Die Substanzen Batrachotoxin und Pumiliotoxin gehören zu den tödlichsten Giften auf dieser Welt. Zu finden sind sie bei den Fröschen aber nur dann, wenn sie in ihrer Heimat in den tropischen Wäldern der Neuen Welt leben; in Gefangenschaft verlieren sie ihre Giftigkeit. Vermutlich nehmen sie das Toxin über eine bestimmte Nahrung auf. Aber welcher Froschleckerbissen könnte das sein? Ameisen, dachte der Doktorand, und zwar ihre giftdrüsenbewehrten tropischen Vertreter.

Gedacht, getan, auf in den Dschungel. Aber so einfach ist das nicht mehr in den Zeiten nationaler Biodiversitätsstrategien. Schon eine einzelne Ameise kann zu einem Verwaltungsakt ungewissen Ausgangs werden. Im Falle des deutschen Nachwuchswissenschaftlers fiel die Entscheidung nach einem Jahr hartnäckigen Antichambrierens in feuchtheißen Amtsstuben. Formal bekam er zwar eine Ameisen-Sammelgenehmigung. Tatsächlich aber war sie mit so vielen Einschränkungen verbunden, dass ein Forschungsverbot wohl gnädiger gewesen wäre. Von den Insekten - nicht gerade selten, sondern ein echter Massenorganismus, der täglich myriadenfachen Tod unter Autoreifen findet - durfte er nur ein Exemplar pro Art sammeln. Und das sei natürlich nicht außer Landes zu bringen, sondern ans Nationalmuseum zu überstellen. Den Alkohol, in dem die Ameisen den Tod gefunden hätten, dürfe er immerhin exportieren.

Kampf gegen Windmühlen

"Leider liegen die Giftdrüsen der Ameisen im Inneren des Körpers, und so ist es selbst bei den heutigen Analyseverfahren höchst unwahrscheinlich, die gesuchten Giftstoffe in der Konservierungslösung wiederzufinden", sagt Dietrich Mebs, Gifttierforscher an der Frankfurter Goethe-Universität. Und so war es dann ja auch. "Ein Jahr mit Anträgen verschleudert, ein halbes Jahr im Freiland, und am Ende im Labor nichts nachweisbar."

Es ist schon eine Weile her, dass Mebs von dem behördlich programmierten Scheitern des jungen Kollegen erfuhr. Geladen ist er immer noch. Denn ein solcher Kampf gegen Windmühlen ist heute die Regel.

Die Verfasser des "Übereinkommens über die biologische Vielfalt" (Convention on Biological Diversity) hatten klassische Grundlagenforscher wie Mebs eigentlich gar nicht im Sinn. Ihnen ging es 1992 in Rio um Grenzen für Biopiraterie und um die Frage, wie die Herkunftsländer wertvoller biologischer Ressourcen an eventuellen wirtschaftlichen Gewinnen beteiligt werden könnten.

"Die Interessen von Handel und Industrie sind heute ausreichend berücksichtigt", meint Monica Ribadeneira Sarmiento von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, "nur die Wissenschaft ist dabei mangels Lobby hinten runtergefallen." Ribadeneira Sarmiento saß früher selbst für Ecuador mit am Verhandlungstisch. Die DFG holte die Anwältin vor zwei Jahren nach Bonn. Jetzt hilft sie bei der Formulierung von Anträgen. "Nach meiner Erfahrung hat jeder, der für seine Forschungen Zugriff auf genetische Ressourcen braucht, im Moment massive Probleme", berichtet sie. "Manchmal fehlt es einfach an Wissen, zum Beispiel darüber, was DNA ist. Da kursieren viele Gerüchte in den Drittweltstaaten, die alle mit Millionengewinnen zu tun haben. Ein Wissenschaftler, der sagt, er braucht DNA, werde damit aber nichts verdienen, steht gleich als Lügner da."

Im Antragsdschungel

Für die Beteiligung an finanziellen Gewinnen aus der Urwaldforschung gibt es inzwischen gelungene Beispiele. Die nichtkommerzielle Feldforschung kann kein lukratives Gegengeschäft anbieten. "Ich kann meinen Studenten nicht mehr ernsthaft zu diesem Beruf raten", sagt Sigrid Liede-Schumann, Professorin für Pflanzensystematik an der Universität Bayreuth. Die Spezialistin für den Stammbaum der Lianen ist seit einem Vierteljahrhundert im Geschäft. "Früher sind wir quer durch Ostafrika gereist. Heute braucht man für jedes Land eine gesonderte Genehmigung, und nur eine zu beschaffen dauert Monate."

Venezuela und Costa Rica, Indien, Papua-Neuginea, die Philippinen oder Indonesien: gerade die artenreichsten Länder, in denen die Biodiversität sozusagen zu Hause ist, verhalten sich besonders abweisend. Kaum noch entscheidet der Forschungsgegenstand, wohin die Reise geht. Expeditionen werden nicht mehr in die Region unternommen, in der eine Frage am besten zu beantworten wäre, sondern dorthin, wo die Genehmigungslage das Forschen noch möglich macht. Ein Charles Darwin würde heutzutage wohl nicht mehr Richtung Galapagos aufbrechen, sondern vielleicht zur Isle of Man. Und wenn er dabei mangels Anschauung auch nicht auf die Evolutionstheorie käme - für eine Veröffentlichung über Heidekrautpflanzen reicht es noch.

Viele tropische Länder stellen inzwischen Bedingungen, die die Forscher gar nicht erfüllen können. Wenn etwa verlangt wird, den Gegenstand der Besuchung mit Artnamen und Eigenschaften auszuweisen, vor allem solchen, die pharmakologischen Nutzen haben könnten, dann sind alle Vorhaben, die nach etwas bisher Unbekanntem suchen - in der Grundlagenforschung eher die Regel denn die Ausnahme -, von vornherein nicht genehmigungsfähig.

Die Forschung leidet

Häufig fehlen auch ganz einfach Ansprechpartner. Unter den 190 Unterzeichnerstaaten des Biodiversitätsabkommens zählt Ribadeneira Sarmiento gerade einmal 22, in denen es überhaupt Spezialisten in Sachen Biodiversität gibt. "E-Mails, Briefe, Telefon - da kam nie etwas zurück", sagt Uwe Fritz, Professor für Taxonomie und Spezialist für Reptilien am Dresdner Senckenberg-Museum. Bei einer Reptiliengruppe, die in besonders großen Stückzahlen im Tierhandel zu finden ist, waren ihm Hinweise auf eine neue Art aufgefallen. "Bestätigen kann man so etwas nur durch genetische Untersuchungen im Herkunftsland", sagt er. "Aber dazu kam es nie. Wahrscheinlich ist die neue Art durch den blühenden Handel inzwischen längst verschwunden."

Für eine DNA-Analyse reichen kleinste Mengen biologischen Materials. Leichter macht das die Sache nicht: Jede dieser winzigen Proben gehört heute als genetische Ressource zum Besitz des Staates, auf dessen Territorium die dazugehörigen Tiere oder Pflanzen leben. Noch nie verschwanden so viele Urwälder wie heute, doch ausgerechnet jetzt behindert eine neue weltweite Naturschutz-Bürokratie die Erforschung der bedrohten Lebensgemeinschaften.

Dabei war der Schutz der biologischen Vielfalt einmal das wichtigste Ziel der Biodiversitätskonvention. "Gerade die Forscher, die Basisdaten für den Artenschutz liefern, werden durch die neuen Gesetze behindert", sagt Michael Balke, Entomologe an der Zoologischen Sammlung in München. Balke ist Spezialist für Wasserkäfer, er sucht vor allem in Südostasien nach neuen Arten. Seit den neunziger Jahren unternimmt er Expeditionen nach Neuguinea, schon immer hat er mit den Dörflern Nutzungsentgelte ausgehandelt. Inzwischen passiert es immer häufiger, dass nicht fünfzig, sondern fünfzigtausend Euro gefordert werden. Geld, das er weder hat noch je mit der Entdeckung neuer Käferarten verdienen wird. "Das ist vielleicht das größte Problem: Die Rio-Konvention weist die Regierungen in den armen Ländern explizit darauf hin, dass in ihren Wäldern viel Geld zu holen ist. Dass es aber auch Forscher gibt, die kein Geld, sondern nur Wissen mit nach Hause bringen wollen, dieser entscheidende Hinweis fehlt."

Im Moment noch überreguliert

Wo sollte er auch herkommen: Forscher wie Balke haben sogar in der deutschen Politik einen schweren Stand. "Dass Artenschutz nicht ohne Taxonomie auskommt, ist die eingeschränkte Sicht der Taxonomen", sagt einer der Zuständigen im Bundesforschungsministerium, der namentlich nicht genannt werden will. "Wir fördern vor allem anwendungsorientierte Naturschutzprojekte. Monitoring von Arten ist keine Forschungsaufgabe."

Im Bundesamt für Naturschutz schätzt man die Lage anders ein. "Wir nehmen die Schwierigkeiten der Grundlagenforschung sehr ernst", sagt Ute Feit, Rechtsreferentin für biologische Vielfalt. Von einer Konferenz im März in Kolumbien erhofft sie sich ein klares Regelwerk mit einheitlichen Standards für Forschungsgenehmigungen. Nutzerländer wie Deutschland würden dann anbieten, selbst zu kontrollieren, ob ihre Wissenschaftler sich daran halten.

"Im Moment ist das alles überreguliert, jedes Land kocht sein eigenes Süppchen", sagt Ribadeneira Sarmiento. Manchmal hat es den Anschein, als ob der Bock zum Gärtner würde. Hinter mancher bürokratischen Entscheidung steckt durchaus Kalkül. So erzählt ein deutscher Biologe, der nicht genannt werden möchte, weil er zurzeit eine Professur in Asien innehat, von Minenbesitzern mit ausgezeichneten Verbindungen in Regierungskreise, die auf den Philippinen freie Hand bei der Auswahl ihrer Schürfgebiete hätten. "Wenn dann für just dieses Gebiet ein Artenforscher eine Sammelgenehmigung beantragt, ist doch klar, dass die in den Tiefen der Amtsstuben verschwindet", sagt er. In Indonesien sei es dasselbe, nur dass dort die Besitzer der Palmölplantagen den Ton angeben.

Der Professor hat allerdings noch etwas beobachtet: "Etliche meiner Kollegen sammeln inzwischen einfach ohne Genehmigung. So werden irgendwann nur noch mehr Türen vor uns zufallen."

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