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Literatur Das Schwimmbad-Archiv

29.08.2009 ·  Letzte Woche tauchte das dritte Tagebuch auf. Was verbirgt sich noch im Max-Frisch-Archiv?

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Zürich. Er konnte sein Glück nicht fassen: "Es erscheint mir als ein dermassen voluminöses Schwein, dass ich es in der Wohnung meines Alltags kaum unterbringe", schreibt Max Frisch am 15. August 1943 an seinen Freund Werner Coninx. Es war der erste Architektur-Wettbewerb, an dem er teilgenommen hatte, gerade mal drei Jahre nach Abschluss seines Studiums, zwischendurch war er immer wieder im Armeedienst und jetzt also - dieser Sieg: "Die Aufgabe ist sehr reizvoll, stark landschaftlich und gärtnerisch, unmonumental, fröhlich." Der junge Architekt Max Frisch bekam von der Stadt Zürich den Großauftrag, das Freibad am Letzigraben zu bauen. Der Krieg verzögerte das Bauvorhaben über Jahre, aber im Sommer 1949 schrieb Frisch: "Sie schwimmen, springen von den Türmen. Die Rasen sind voll von Menschen, halb nackt und halb bunt, und es ist wie ein wirkliches Fest." Ein Schriftsteller steht stolz inmitten seines Werks und strahlt. Es hat in der Welt wohl kein zweiter Autor je ein so lebendiges, weltoffenes, sportfreudiges, lichtes Kunstwerk geschaffen wie Frisch mit diesem Bad.

Die Sonne scheint in Zürich, das Bad am Letzigraben ist voller Menschen. Alles sieht aus wie auf den Bildern von damals. Drei große Becken, an den Rändern flache weiße Bungalows für Umkleiden, Schränke. In der Mitte von allem, leicht erhöht, ein heller, karussellartiger Pavillon mit blau-weißen Markisen. Es gibt Rivella und Bier in Dosen. Erst vor zwei Jahren wurde es komplett renoviert. Seitdem gibt es auch vorne in einem der ersten Bungalows eine Ausstellung des Max-Frisch-Archivs über die Bauphase, Frischs Entwürfe, Frischs Sätze: "Das aufregende Gefühl: das ist dein Werk, von außen gesehen, dein Gesicht." Sogar die Bäume hat er ausgesucht damals. Und beschreibt die Allmachtsphantasien eines stolzen Schriftstellers, als die Bauarbeiter auf antike Ausgrabungen gestoßen waren: "Zurzeit bin ich es, der seinen Willen einträgt, in dieses Flecklein Erde, Feldherr über fünfunddreissigtausend Quadratmeter."

Doch heute ist die Ausstellung geschlossen. Ein Paar mit grauen Haaren und großen Badetaschen drückt die Nasen platt an den Scheiben. Er sagt, er war hier, damals, in der Woche nach der festlichen Eröffnung. "15 Rappen kostete der Eintritt. Mit der Schulklasse nur 10. Es war herrlich!" Beinahe nichts habe sich verändert seitdem, sagen beide. Sie waren all die Jahre nicht mehr hier, die beiden Gründungsschwimmer, haben in Hamburg gelebt und in München. Sie reden, als wären sie über einen Zeitgraben gesprungen, zurück in die Zeit, in der Max Frisch noch baute.

Kein Körper lockt

Er hat das Bauen kurz danach wieder aufgegeben, um sich nur noch dem Schreiben zu widmen, seinen Theaterstücken zunächst vor allem und seinem Tagebuch. Dem ersten von, wie wir neuerdings wissen, drei geplanten Tagebüchern. Die ersten zwei sind Höhepunkte seines Werkes, das dritte hat er nicht fertiggestellt. Erst vor zwei Wochen gab der Suhrkamp-Verlag diesen Fund bekannt. Es wurde dort drüben, in der Max-Frisch-Nachlass-Zentrale, gefunden, auf dem Hügel, in der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH). Hier ist das Max-Frisch-Archiv untergebracht, bei den Spezialsammlungen, ein Arbeitsraum für die Benutzer, ein Büro für die Leiterin Margit Unser und dann: ein langer Gang mit Metallschränken. In diesen Schränken lagern die gesammelten Spuren des Lebens und Schreibens von Max Frisch. Alles fein ordentlich in weißen Schubfächern, Beschriftungen hinter bunter Plastikfolie. Vor allem Briefe: ungefähr 10 000 Briefe von und an Max Frisch lagern in den Schränken des Archivs. 1000 Fotografien, 500 Videoaufnahmen und Tonbänder, Typoskripte, Reden, Interviews. Außerdem seine blauen Notizhefte, 140 Stück, in die er Mitschriften des Lebens, Dialoge, Romanentwürfe, Theaterstücke, Telefonnummern, Einkaufslisten, Abfahrtszeiten, Liebesszenen schrieb. Hier, im Notizheft 7, März 51, die Telefonnummer von Hermann Hesse mit Bleistift. Dann, unter der Überschrift "Situation", der erleichterte Satz einer Frau: "Ich war froh im Letzigraben, dass eigentlich kein Mann mich (als Körper) mehr gelockt hätte." Dazu der selbstquälerische Kommentar des männlichen Gegenparts: "(Also: sie sucht. Sie ist nicht ,da', nicht erfüllt, nur auf Zuwarten.)"

Man kann wohl beinahe ein Leben lang lesend zwischen diesen Manuskripten verbringen. Vor dreißig Jahren, noch zu Lebzeiten Max Frischs, wurde das Archiv gegründet, zwölf Kisten waren das Gründungsmaterial, das er am Anfang zur Verfügung stellte, später kam Kiste für Kiste hinzu. Seit einem Jahr wird das Frisch-Reich von Margit Unser geleitet, die fieberhaft daran arbeitet, ein Verzeichnis der Bestände und die Präsenzbibliothek des Archivs online zugänglich zu machen. Denn eine größere Max-Frisch-Welle baut sich langsam auf. Im Mai 2011 wäre Frisch hundert geworden, in diesem Herbst erscheint der vom Autor selbst aus der Werkausgabe verbannte zweite Roman "Antwort aus der Stille", nächstes Frühjahr das Fragment des dritten Tagebuchs und 2011 vielleicht der erste Band einer kommentierten Werkausgabe.

Unbekannte Werke werden wohl nie mehr auftauchen, auch in den Tiefen des Archivs nicht. Aber allein in den Briefen zu lesen, den Notizheften, den Entwürfen für Bäder und für Bücher, ist ein Traum. Was für Kämpfe um kleinste Details in großen Texten, um Freundschaften, Romane, Zerwürfnisse. Der umfangreiche Briefwechsel mit seinem Lebensfreund, dem reichen Werner Coninx aus der Familie der "Tagesanzeiger"-Verleger, zum Beispiel, der ihm sein Architektur-Studium finanzierte. In "Montauk" wird Frisch später die Freundschaft mit ihm, mit "W.", ein "fundamentales Unglück" nennen. Schon früh, in den Briefen beteuert Frisch so nachdrücklich, dass seine große Dankbarkeit, seine Abhängigkeit von ihm die Freundschaft nie belasten werde, dass man das Gegenteil schon herausliest. Am Ende der Freundschaft steht ein Telegramm von Ingeborg Bachmann und Max Frisch zu Coninx' 50. Geburtstag. Zum 60. schrieb er noch eins, hat Frisch in "Montauk" bekannt, aber nicht mehr abgeschickt. Diese Luftpost fehlt auch hier.

Kein Tod im Jaguar

Aber am interessantesten sind die Briefe, in denen um die Werke gestritten wird. Martin Walsers Einwände gegen den Roman "Gantenbein", in dem ihn die These der Kollektivschuld der Deutschen, die er gefunden zu haben glaubt, aufregt. Gleichzeitig beharrt er auf dem Titel, den Frisch lieber ändern möchte. Die beiden sind in ihren Briefen von einer schonungslosen Bewunderung für den jeweils anderen durchdrungen. Die Kritik ist immer scharf und unzweideutig, aber präzise und von einer Grundsympathie getragen. Am 23. April 1964 schreibt Walser an Frisch: "Wenn ich zehn Jahre jünger wären, würde ich mich gern bewerben, Ihr Sekretär zu werden, um aus der Nähe zu beobachten, wie Sie jeden Tag überleben." Die Korrespondenz bricht im Juni 1972 ab, nachdem Walser den kritischen UdSSR-Bericht von Frisch aus dem zweiten Tagebuch gelesen hat und ihm vorwirft, das sei ja "fast wie bei Hagelstange". Frisch wehrt die Vorwürfe etwas zaghaft ab. Danach: kein Schreiben mehr.

Schließlich findet sich in einer kleinen Schublade mit der Aufschrift "Notizen" ein kleiner, unscheinbarer Zettel. "FD. - T" steht darüber. Es heißt: Friedrich Dürrenmatt: tot. Ein Leben lang waren die beiden das Castor-und-Pollux-Paar der Schweizer Literatur. Früh schon hatten sie sich geschworen, sich nie auseinanderdividieren zu lassen, von den Neidern, Spöttern und Entzweiern. Es ist ihnen nicht gelungen. Ihr längst veröffentlichter Briefwechsel ist das dramatische Dokument eines großen Missverstehens, eines Ringens um- und gegeneinander. Dieser Zettel ist der Schlussstein dieses Ringens. Er war bislang unbekannt. Max Frisch erinnert darauf an einen Pakt, den sie beide einst miteinander geschlossen haben. Bei der Totenfeier für Kurt Hirschfeld, keine Totenrede aufeinander zu halten. Humoristisch schränkt er ein, sie hätten ja damit gerechnet, dass der eine vor dem anderen stirbt, "ausgenommen in den wenigen Stunden, da wir im gleichen Flugzeug sassen oder zusammen im Jaguar". Nein, sterben wollten sie nun wirklich nicht auch noch zusammen. Und jetzt also: Frischs Erinnerung an den frühen Vertrag. Es war der Dezember 1990. Dürrenmatt ist tot. In seinem letzten Brief an Frisch hatte der zehn Jahre jüngere geschrieben, die Rutschbahn ihres Lebens sei für beide noch gleich lang. Er hatte beinahe recht. Frisch starb nur vier Monate nach ihm. Mit diesem Zettelchen ging eine große Feind-Freundschaft zu Ende.

Volker Weidermann

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