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Veröffentlicht: 10.09.2012, 12:16 Uhr

Große Schinkel-Ausstellung in Berlin Die Verbesserung der Welt

Er war der Baumeister Preußens. Aber er wollte noch mehr sein: Ein Erzieher der Menschheit mit den Mitteln der Kunst. Eine große Ausstellung in Berlin zeigt die Visionen Klar Friedrich Schinkels.

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Das Kind ist blond, ungekämmt, mit wehenden Haaren, großen, neugierigen Augen, Stupsnase und halb geöffnetem Mund. Ein Mädchen, eine Göre im blauen Kleid. Die rechte Hand patscht im Sand, lässt ihn durch die Finger rinnen, die linke zeigt auf etwas, das außerhalb des Bildausschnitts liegt, eine der vielen Muscheln vielleicht, die über den Strand verteilt sind.

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Ein Ferienbild, entstanden am Strand von Scheveningen im Herbst 1816, ein gezeichneter Schnappschuss. Und ein perfektes Kinderporträt, nicht puppig, nicht ältlich, nicht gestellt, ein kleiner Mensch in fließender Bewegung, mit weichen und doch klaren Zügen, wach und nah im Spiel des Lichts. Es ist die sechsjährige Marie Schinkel, und ihr Vater, der Schöpfer der Kreidezeichnung, ist der Geheime Oberbaurat und spätere preußische Oberlandesbaudirektor und königliche Hofarchitekt Karl Friedrich Schinkel.

21319240 © Staatliche Museen zu Berlin/Kupferstichkabinett Vergrößern Kinderspiele: Schinkels Tochter Marie im Alter von sechs Jahren am Strand von Scheveningen.

Schinkel? Der Architekt der Neuen Wache und der Bauakademie, der Backsteinklassizist, der Zuchtmeister des preußischen Stils? Ja, er ist es, und das ist nicht sein einziges Kinderbild. Ein Jahr später, um 1817 herum, malt er neben Marie auch seine beiden jüngeren Kinder Susanne und Karl, in Ölfarbe und vor antikischem Hintergrund, aber mit demselben sicheren Pinselstrich und denselben frischen, lebendigen Gesichtern. Das Werk bleibt unvollendet, die Arme, Hände, Beine über der Vorzeichnung unausgemalt; später wird das Bild in drei Stücke zerschnitten und gelangt zuletzt über den Kunsthandel ins Saint Louis Art Museum, von wo es jetzt für die Schinkel-Ausstellung nach Berlin ausgeliehen wurde.

Von der „Zauberflöte“ zu den Befreiungskriegen

Es ist etwas Seltsames mit dem klassischen Preußentum: Je strenger und kritischer man es anschaut, desto gemütlicher, verträumter schaut es zurück. Zur selben Zeit, da er die Neue Wache und eine Gedenkmünze auf den Feldherrn Blücher entwirft und seinen König, den alten Zauderer und Gemütsreaktionär Friedrich Wilhelm III., in Metall gießt, malt Schinkel neben den Kinderporträts auch die Sternenhalle der Königin der Nacht aus der „Zauberflöte“ und den Palast des Wassergeists Kühleborn aus E. T. A. Hoffmanns Oper „Undine“, ein in symmetrischen Bahnen schimmerndes Sternengewölbe hier, ein böcklinsches Gewoge und Gewalle mit tanzenden Nixen und Nöcken dort. Er zeichnet den (realen) Innenraum der Klosterkirche Chorin und einen gewaltigen (fiktiven) Dom als Denkmal für die Befreiungskriege, er entwirft ein Potsdamer Prunkschloss für den Kronprinzen Friedrich Wilhelm und einen Teesalon für seinen Bruder August, und er sucht dabei nach immer neuen Kombinationen von antiken und mittelalterlichen Elementen, natürlichen und abstrakten, phantastischen Formen.

21319234 © Staatliche Museen zu Berlin Vergrößern So muss ein Aztekentempel aussehen: Bühnenbildentwurf für Gaspare Spontinis Oper „Ferndinand Cortez, oder: Die Eroberung Mexikos“ von 1818.

Das Einzige, was Schinkel, auch in seinen Bühnendekorationen, um jeden Preis vermeiden will, ist das Dekorative, das Hübsche und bloß Gefällige. Wie sein Vorbild Dürer, von dem er die „Madonna der Mondsichel“ kopiert, um sie zu Mozarts Nachtkönigin umzuwidmen, will er mit jeder Figur, mit jedem Strich beispielgebend sein. „Das ist Indien!“, sagen die Entwürfe, die er für eine Oper von Gaspare Spontini malt, und „So muss Luxus aussehen!“ die Silberschale, die er für seinen Freund, den Volksökonomen Christian Peter Wilhelm Beuth, entwirft.

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