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Die west-östliche Diva Prophylaktika

13.08.2011 ·  von katja petrowskaja

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Ah, lange war ich nicht hier! "Moskau! Wie viel ist in diesem Klang für ein russisches Herz zusammengeflossen" - so rief Alexander Puschkin im siebten Kapitel seines Poems "Eugen Onegin" aus. Auch ich fragte mich, Puschkin folgend: "Wie viel eigentlich?" Ich meine, wie viel ist zusammengeflossen? Und wohin? Es gab nämlich kein warmes Wasser in den zentralen Bezirken der Stadt, wo ich zu verweilen gedachte. "Wie konntest du das bloß vergessen?", empörte sich Natascha. "Es ist doch Prophylaktika! Bis zum 25. August kein warmes Wasser."

Millionen Einwohner der Hauptstadt wuschen sich kalt, ohne dabei gesünder zu werden. Andere Millionen mochten es lieber heiß und besuchten Freunde in anderen Bezirken, wo die Prophylaktika schon beendet war. Die Stadt glich einer Kriegszone, voll mit Kompanien schmutziger Menschen: Die virtuellen Pfeile zeigten offensiv vom Zentrum nach Westen und Norden. Ich überlegte, ob meine Nostalgie mich so abgehärtet hatte, dass ich zwei Wochen bei Natascha kalt duschen konnte.

Wir fuhren dann doch zu Marina, dem Popstar meiner Moskauer Bekanntschaft: Sie hatte einen Wasserboiler, ja, warmes Wasser zu jeder Zeit, und gleichen Erfolg bei Männern wie bei Frauen.

Vor Marinas Haus stieg gerade Sascha, der im "Import-Export" arbeitet, aus seinem Jeep, mit Frotteetuch über der Schulter: "Ihr auch zu Marina?" "Nee, in die Lenin-Bibliothek!" Im Treppenhaus trafen wir die junge Tanja mit Sergej, einem Liedermacher, der Tanja zu überreden versuchte, ihm gegen ein Lied den Rücken zu schruppen. Marina öffnete die Tür: "Tee ist fertig, ihr seid in circa zwei Stunden dran." In ihrer Küche sind schon alle zusammengeflossen, wie vor Jahren: Kostja, mein alter Kumpel, Altphilologe, zehn Sänger des Bolschoi-Theaters, die gerade den Gefangenen-Chor aus Nabucco probten, Jurij, der an die Sänger Lastminute-Tickets verkaufen wollte. Die wollten sich aber in Moskau und nicht erst in den Flüssen von Babylon waschen. Dann tröstete mich Kostja, der sich bei Marina und in der Antike gleich zu Hause fühlte: "Katja, Katherina - das bedeutet ,sauber, rein'. Vergiss die warme Dusche, komm zu mir, ich bin dein Poseidon!" Ich wollte in Moskau aber nur prophylaktisch flirten und lernte in der Warteschlange lieber eine andere Arie. Aus dem Badezimmer hörte man Tanja und Sergej. Gleichzeitig wurden in der Hauptstadt die Rohre repariert. Angeblich. Und auch rein prophylaktisch, so dass sie im Winter nicht platzen. Sie platzen aber trotzdem immer, und das ist Grund genug, um im nächsten Sommer erneut die Prophylaktika durchzuführen. Liebe Leser, wenn Ihr wüsstet, was Euch entgeht. Ab nächsten Sommer aber bietet Jurij Reisen aus Berlin und Frankfurt zur Prophylaktika an. Ich als Führerin und ein gestreiftes Handtuch inklusive. Ah, Moskau, dieser Klang!

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