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Der einsame Tänzer

27.06.2009 ·  Frédéric Mitterrands Berufung zum französischen Kulturminister wird noch für Wirbel sorgen

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Der Unfall ereignete sich an einem schönen Maiabend des Jahres 2000 in Paris. Ein älterer Herr mit Hund spazierte die leeren Boulevards seines Viertels entlang, leicht deprimiert wie immer, als ein Wagen die rote Ampel überfuhr und einen Motorradfahrer erfasste, der zu Boden geschleudert wurde. Das Motorrad fuhr führerlos mit hoher Geschwindigkeit auf den Spaziergänger zu und bohrte sich nur wenige Zentimeter vor ihm in die Hauswand. Unversehrt, aber zitternd näherte sich der Spaziergänger dem Mann am Boden, einigermaßen ratlos, was hier zu tun sei. Dann hielt ein Audi, dem zwei sehr berühmte Damen, Mutter und Tochter, entstiegen, die sofort die richtigen Maßnahmen zu ergreifen wussten, die die Gendarmen riefen und den Krankenwagen, dem Kofferraum eine Decke entnahmen und eine Thermoskanne, aus welcher der immer noch zitternde Spaziergänger dem Motorradfahrer warmen Tee einflößen sollte. "Nun machen Sie schon, Frédéric", sagte die Mutter, und die ganze Episode wäre nie aufgeschrieben worden, wenn sie nicht seinen Vornamen gesagt hätte, damit also anzeigend, das sie, Catherine Deneuve, ihn tatsächlich erkennt, nach all den Jahren seiner einseitigen, grenzenlosen, vor allem grenzenlos peinlichen Verehrung.

Frédéric Mitterrand, der in der vergangenen Woche zum französischen Kulturminister ernannt wurde, hat diese Episode in seinem wunderbaren, erschütternd düsteren Erinnerungsbuch "La Mauvaise Vie" aufgeschrieben. Catherine Deneuve nennt er dort Tenerézza Tenderness, seine Faszination für sie, die seit den sechziger Jahren anhält, füllt viele Seiten der Beobachtung und Reflexion, wobei die Sache nichts Romantisches hat. Mitterrand liebt und begehrt nur Männer. Es wird aus dem Buch auch völlig klar, dass er die berühmte Schauspielerin, die er hin und wieder in Paris trifft, einfach nur nervt, und kein Wunder: Seitenlang denkt er darüber nach, wie er wohl ihren Butler dazu bringen könnte, ihm mal eines ihrer Abendkleider auszuleihen, fest davon überzeugt dass der Angestellte sich ebenfalls in den Yves-Saint-Laurent-Fummeln vergnügt, wenn sie mal nicht guckt. Lächerlich, traurig, endet die Szene im Mai: Während Mutter und Tochter sich kümmern, wird Mitterrand von einem Lachanfall erfasst, der von der Vorstellung herrührt, die beiden kreuzten vielleicht Tag und Nacht durch Paris, auf der Suche nach Unfallopfern, zwei wunderschöne Florence Nightingales im Audi. Catherine Deneuve erkennt nun oder wieder einmal seine völlige Nutzlosigkeit und braust, sobald die Rettungskräfte eintreffen, wieder ab, ohne auch nur wahrzunehmen, dass Frédéric selbst fast getötet worden wäre. Wenig später sitzen Herr und Hund völlig fertig in ihrer stillen Wohnung, ganz erschüttert von dem Gedanken, dass es nur einen von beiden erwischt haben könnte, und was aus ihm ohne Hund, was aus dem Hund ohne ihn hätte werden sollen.

Es ist völlig verkehrt, Frédéric Mitterrand zuerst als den Neffen des ehemaligen Staatspräsidenten zu sehen oder gar als Linken, der den Sirenenklängen des nominell konservativen Staatspräsidenten folgen würde, abgesehen davon, dass fraglich ist, inwieweit François Mitterrand ein Linker war. Seine Familie war es jedenfalls nie.

Frédéric Mitterrand erinnert sich an eine bürgerliche Kindheit, die er zum Teil mit einer vollendet sadistischen Kinderfrau verbrachte, deren hemmungslose Schläge er jedoch nie verriet, sondern auf perverse Weise genoss. In diesem Leben, wie wir es in diesem quälenden Buch kennenlernen, ist eigentlich nichts, wie es sein sollte. Die schönsten Passagen gelten thailändischen Strichjungen, deren Persönlichkeit er mit literarischer Hingabe beschreibt. Auf dem Flug nach Bangkok wurde er, der seit Jahrzehnten Kinosendungen im französischen Fernsehen moderiert, immer wieder erkannt und log etwas vor von einer Arte-Dokumentation über Angkor Wat, die er zu drehen habe - das klang langweilig genug, so dass niemand weiterfragte.

Mitterrand verstand sich als Fernsehmacher wie kein zweiter darauf, halbvergessene Filmstars oder untergegangene Königshäuser in ergreifenden, ungemein textlastigen und literarisch ambitionierte Elogen zu würdigen. Über Schwarzweißmaterial legte sich seine näselnde Stimme mit einer seltenen Intensität und erklärte dann, als Mischung aus "Bunte"-Psychologin Eva Kohlrusch und Alexander Kluge, das traurige Leben einer Ava Gardner, einer Lana Turner oder Farah Diba. Der tragische Hang strahlender Diven zu vierschrötigen und brutalen Typen, das ist das quasi fassbindereske zentrale Thema in Mitterrands Werken. Es ist schon außergewöhnlich, dass ein Mann, der unter fragwürdigen Umständen Jungs aus dem Maghreb adoptiert hat, der den Umgang mit Strichern als die große emotionale Konstante seines Lebens beschreibt, zum Minister ernannt wird. Es will etwas heißen. Der Staat, aber auch die Kultur verzichten nun darauf, sich eine sittliche Vorbildfunktion anzumaßen. Kultur ist, so wird es in Mitterrands Büchern klar, ein Medium der Auseinandersetzung mit einer gnadenlosen und unüberschaubaren Gegenwart, heimgesucht von Peinlichkeiten, Lügen, unerfüllter Sehnsucht und brennendem Bedauern. Die Liebe zum Kino drückt sich nicht nur in Texten aus, sondern bisweilen eben auch in dem verbrecherischen Versuch, die Unterwäsche eines verstorbenen B-Movie-Stars zu klauen, um sich darin selbst zu befriedigen.

Diese Ernennung prägt schon jetzt die Ära Sarkozy, wird zum Symbol einer postideologischen, tentativen, anthropologisch forschenden Politik: So krumm ist das Holz der Humanität, wir können da nicht immer nur so tun, als sei die Welt ein herrliches Parkett. Mal sehen, wohin diese Aufrichtigkeit führt. Diese Haltung passt zu den von Sarkozy immer wieder beschworenen Momenten, in denen ihn "l'étrangeté de la vie", das Fremdartige des Lebens, anfasst, eine existentielle Verunsicherung, gegen die die traditionelle Politik wenig anzubieten hat, außer dem einen oder anderen Mantra.

Wie zu erwarten war, hat Frédéric Mitterrand auch den Moment seiner Ernennung, die Krönung seines Lebenswegs, die Anerkennung für jahrelange harte Arbeit in der französischen Kulturszene, völlig verpatzt. Noch bevor der Präsident die Regierungsumbildung bekanntgeben konnte, lud er schon zu einer großen Abschiedsparty an seinem bisherigen Wirkungsort, der Villa Medici, dem französischen Pendant zur Villa Massimo, ein und bestätigte gutgelaunt seine Ernennung, was die immer noch ihren Amtsgeschäften nachgehende Amtsinhaberin Christine Albanel dumm dastehen ließ. Sarkozy soll getobt haben, aber er wusste ja, wen er sich da holt. Eine Gala aus Bordeaux hat Mitterrand mal spontan im rosa Tutu moderiert. Wenn es Sarkozy zu viel wird, kann man ja mal Ministertausch spielen: Er darf sich einen Monat mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann beruhigen lassen, Merkel holt sich Frédéric Mitterrand ins Amt, die ganze Nacht hört man die Klänge von "Madame Butterfly" und erkennt noch von der Straße aus in den großen Fenstern die schwebende Silhouette eines einsamen Tänzers von einundsechzig Jahren.

NILS MINKMAR

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