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Deutschland Es herrscht Bildungspanik

13.11.2011 ·  Noch nie investierten Eltern so viel Geld in die Bildung ihrer Kinder wie derzeit. Und doch glauben sie nicht, dass ihre Kinder es schaffen. Irgendetwas ist hier krank.

Von Bettina Weiguny
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© Seuffert, Felix Vorschul-Englisch ist längst Standard. Geigenunterricht, Malkurse und Experimentier-Workshops sind es auch.

Zafer ist so ein Junge. Einer mit Migrationshintergrund, der so gar nicht ins Muster der Bildungsfatalisten passen will. Eigentlich müsste der 17 Jahre alte Türke gerade so die Hauptschule geschafft haben, in einer Weiterbildungsmaßnahme stecken und die Hoffnung auf eine Lehrstelle längst begraben haben. So die gängige Vorstellung.

Stattdessen aber geht Zafer auf ein Frankfurter Gymnasium. Die 10. Klasse wollte er unbedingt in Amerika machen. Dort haben sie ihn gleich in die 11. Klasse geschickt, dann in die 12.: Er war einfach zu weit im Stoff. Nach einem Jahr kam er zurück - mit dem Highschool-Abschluss in der Tasche. Das Abitur macht er trotzdem. Weil er "einen richtigen Abschluss" haben will. Vielleicht ist Zafer außergewöhnlich schlau - eine Ausnahme im Heer der chancenlosen Migranten. Vielleicht ist er aber ein Beispiel dafür, dass im Bildungsland Deutschland nicht alles so verhunzt ist, wie ständig behauptet wird. Dass auch türkischstämmige Kinder hier durchaus vorankommen. Dass die öffentlichen Schulen sich international sehen lassen können. Und dass der Abschluss etwas wert ist - zumindest mehr als ein Highschool-Zeugnis.

Solche Sachen mag nur keiner so recht hören. Deutschland hat sich nach dem Pisa-Schock im Jahr 2000 auf zwei Dinge verständigt: Unser Bildungssystem ist unterstes Mittelmaß, ganz übel also. Die "Rütlischule" ist fast überall. Leicht überspitzt: Kaum jemand kann noch lesen. Alle sind Bildungsverlierer oder kurz davor, welche zu werden. Zudem ist der Aufstieg nirgendwo so schwer wie in Deutschland. Besonders für Migrantenkinder. Und schuld an der Misere, so die vorherrschende Meinung, ist das dreigliedrige Schulsystem.

Stimmt das wirklich? Zweifel sind angebracht. Entgegen allen Unkenrufen ist unsere Gesellschaft durchlässig: Der nächste Chef der Deutschen Bank stammt aus einem Dorf-Gasthof, bei Thyssen-Krupp regiert ein Bauernjunge. Gewiss, Jürgen Fitschen und Heinrich Hiesinger sind keine 18, ihre Muttersprache ist Deutsch. Und doch: Das Bildungsproblem ist nicht mal vornehmlich ein Migrationsproblem. Denn zu der bildungsfernen Unterschicht, dem Sprengstoff in den Schulen, gehören auch viele Deutsche, vornehmlich Ostdeutsche. Genauso achtet unter Ausländern ein großer Teil auf schulische Bildung. Das bestätigt eine aktuelle Studie des Allensbach-Instituts im Auftrag der Vodafone-Stiftung.

„Der soziale Aufstieg gelingt, nur nicht in dem Maße wie früher“

Die Studie hat auch die Aufstiegschancen geprüft, und siehe da: 29 Prozent der Kinder von Eltern mit einfachem Schulabschluss besuchen heute ein Gymnasium. Fast ein Drittel ist also unterwegs auf ein höheres Bildungsniveau als die Eltern. Das ist doch mal eine gute Neuigkeit!

Die Autoren der Studie deuten das jedoch ganz anders: Die Zahl belegt für die Verfasser nur, wie benachteiligt die Kinder aus bildungsfernen Familien sind im Vergleich zu denen, deren Eltern Abitur haben: Davon besuchen nämlich 77 Prozent ein Gymnasium. Und 29 gegen 77 - das sieht fies aus, ist es aber nicht: Unten steigt knapp ein Drittel auf, oben schafft knapp ein Viertel nicht den gleichen Abschluss wie die Eltern, steigt also ab. Daraus leitet sich kein Beleg für die Chancenlosigkeit ab. "Ganz im Gegenteil", sagt Heinz Bude. Der Soziologe von der Universität Kassel spricht von einer Erfolgsgeschichte: "Der soziale Aufstieg gelingt, nur nicht in dem Maße wie früher."

Aber wie auch? Machten in den 50er Jahren fünf Prozent eines Jahrganges Abitur, sind es heute 40 Prozent. Dass sich der Trend in dem Maße nicht fortsetzen kann, liegt auf der Hand. "Trotzdem tun alle so, als wäre das möglich", poltert Bude. Für die gestörte Wahrnehmung der Deutschen von Aufstiegschancen und Bildungssystem hat der Soziologe eine einfache Erklärung: "Es herrscht Bildungspanik."

„Sie machen alles und fürchten sich doch“

Die Mittelschicht, besonders die Aufsteiger der Vorgänger-Generation, ist in Aufruhr. Die Kinder sollen den gleichen sozialen Status erreichen wie sie oder ihn übertreffen. "Die Eltern aber wissen nicht, was am Ende wirklich zählt", erklärt Bude. Zu viele junge Menschen haben Abitur, zu viele haben tolle Praktika, waren im Ausland, haben sich angestrengt. "Sie machen alles und fürchten doch, es könnte für ihre Kinder nicht reichen, die eine entscheidende Qualifikation könne am Ende fehlen."

Im Ergebnis steigert sich eine Nation in den Bildungswahn. Noch nie wurde von Eltern so viel in die Bildung des Nachwuchses investiert wie derzeit. Kein Pekip-Kurs für den Säugling ist zu teuer. Vorschul-Englisch längst Standard, genau wie Geigenunterricht, Malkurse und Experimentier-Workshops. Von den vielen Millionen für Nachhilfe gar nicht zu reden.

Die Panik ist unbegründet

So ruckelt die Nation sich hoch in Richtung Abitur. Denn auf dem Gymnasium, so das Kalkül der breiten Mittelschicht, retten sich die Kinder vor der Unterschicht. Um auf Nummer Sicher zu gehen, wählen sie zunehmend Privatschulen. Oder ein Internat in England oder der Schweiz. Tut sich das Kind schwer mit Deklinationen und Integralen, quälen sie es mit allen Mitteln bis zum Abitur - der letzten Bastion des akademischen Bildungsbürgertums vor dem Untergang.

Dabei ist die Panik unbegründet: Der Mittelschicht geht es gut. Entgegen der landläufigen Meinung rutscht sie nicht nach unten ab. Seit bald zwanzig Jahren sei die Lage "konstant", heißt es am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Wir haben keine Bildungskatastrophe. Wir haben nur die verfahrene Situation, dass Eltern alle Hoffnungen auf das Abitur als einzig akzeptierten Schulabschluss setzen. Alles wird auf eine Schulform hin verengt. Dass Kinder sich über Umwege wie Lehre, Fachabitur, Fachhochschule weiterentwickeln, gerät in Vergessenheit.

Verlierer ist die Vielfalt des Bildungssystems. Kaum noch jemand wechselt auf die Hauptschule, obwohl viele Schüler dort gut aufgehoben wären. Aber wer will schon auf die verpönte "Restschule". Dabei zählt Pisa-Forscher Jürgen Baumert nur 16,4 Prozent aller Hauptschulen zu "Problemschulen". Mehr als ein Drittel dagegen sind laut seinen OECD-Studien "Optimalschulen", wie die in Bayern und Baden-Württemberg, wo keine Problemschulen zu finden sind. Die konzentrieren sich auf Hessen, Nordrhein-Westfalen, das Saarland und die Stadtstaaten. In den sozialen Brennpunktvierteln schlägt der Nebeneffekt des Mittelschichts-Protektionismus voll zu Buche - in Form einer Gettoisierung der Unterschicht. Hier kämpft die Hauptschule tatsächlich mit einem großen Problem: den Elternhäusern.

Deshalb fordern Bildungsforscher, die Kinder so früh wie möglich aus dem schwierigen Umfeld herauszunehmen. Nun kann man die Kinder nicht - wie in der DDR - den Eltern, die man für nicht erziehungsfähig hält, einfach entziehen. Aber man kann den Druck oder die Anreize erhöhen, sie in Krippen und Kindergärten zu geben, um die Ungleichheiten der Elternhäuser früh auszugleichen. Danach ist es zu spät, warnt der Nobelpreisträger James Heckman. Der amerikanische Ökonom fordert gezielte Vorschulprogramme für die benachteiligten Kinder mit Einbindung der Eltern: "Frühkindliche Förderung zahlt sich mehr aus als alles andere."

Mit solchen Empfehlungen tut man sich hierzulande schwer. Es regiert die Gießkanne: mehr Krippen für alle Kinder und überall. Und als Erstes wird die Hauptschule geopfert, um die Milieus zu entschärfen. Deren Ruf ist eh ruiniert. Nur zwei Prozent aller Eltern akzeptieren die Hauptschule noch für ihre Kinder. Auch im intakten Süden der Republik sinken die Anmeldezahlen. So machen sich nun selbst Konservative stark für die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule.

Gelöst wird das Problem damit nicht. In Folge werden noch mehr Eltern die Kinder aufs Gymnasium schicken. Nur damit hinter dem "Abi light" dann neue Hürden aufgebaut werden in Form von Numerus clausus oder neuen Studiengängen für Berufe, die gut in einer Ausbildung zu erlernen sind.

Der Bildungswahn verkennt eine Tatsache: Verlierer wird es immer geben, weil andere pfiffiger sind und die guten Jobs ergattern. "Sechs bis acht Prozent eines Jahrgangs bleiben auf der Strecke", weiß der Soziologe Bude. Und zwar diejenigen, die bis Mitte 20 keine Berufsausbildung schaffen. "Die sind abgehängt." Bis dahin aber ist alles möglich, auch ohne Abitur. Denn das Leben ist bunt. Und vielfältig. Der Weg ins Berufsleben auch.

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Jahrgang 1970, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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