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Der Tischler

08.11.2003 ·  Ikea steht für billig und pfiffig. Den Firmengründer hat die Idee zum Milliardär gemacht. Jetzt ist er dabei, Rußland zu erobern.

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Von Robert von Lucius
Die Assoziationen sind naheliegend und klar: Elche, das Bücherregal Billy, der Wahlspruch "Wohnst du noch, oder lebst du schon?", die schwedische Duz-Kultur. Die Lobpreisungen ebenso: Keiner in Nordeuropa ist reicher, kaum einer wird mehr bewundert. Die vielbeschworene schwedische Wallenberg-Dynastie verblaßt gegen ihn als mittelständisch. Ikea und sein öffentlichkeitsscheuer Gründer Ingvar Kamprad scheinen eines zu sein - sparsam, unprätentiös, klar.
Und sie springen von Erfolg zu Erfolg, wie die Nachrichten der vergangenen Tage belegen. Im kommenden Jahr will Ikea 16 bis 20 neue Warenhäuser in Asien, Europa und Nordamerika eröffnen, mehr denn je in 60 Jahren Firmengeschichte. Und in Moskau wird das mit 230000 Quadratmetern Verkaufsfläche bisher größte russische Warenhaus gebaut. Doch ganz so klar wie die Linien seiner Möbel ist denn doch nicht alles. Das reicht von seinem "Schwedentum" über seine politische Vergangenheit bis zur Lage des Unternehmens und seine Anlageentscheidungen.
Die erste nur teilweise wahre Mär: Er und sein Unternehmen hätten ihre unverrückbaren Wurzeln in Smaland im ländlichen Südschweden. Die Ikea-Website berichtet in vielen Sprachen inhaltsgleich, wie der kleine Junge mit einem Kleinkredit seines Vaters Nachbarn Streichholzschachteln verkaufte, dann Weihnachtsbaumschmuck, Fisch, Saatgut, Kugelschreiber, Nylonstrümpfe. Schließlich: Möbel. Da hatte er im Alter von 17 das Unternehmen gegründet mit der Abkürzung seines Namens Ingvar Kamprad und des elterlichen Hofs Elmtaryd beim Dorf Agunnaryd: Ikea. Überall hängen bei Ikea die schwedischen Farben Blau-Gelb, traditionelle schwedische Fleischbällchen werden in allen Häusern angeboten. Das Fichtenholz der Möbel: Gibt es Schwedischeres, auch wenn sie aus Rußland oder anderswo herkommen?
Kamprad, dessen Großeltern 1897 aus Sachsen kamen - dort gibt es noch Kamprads, auch einen Verlag mit diesem Namen -, wohnt aber nahe dem schweizerischen Lausanne. Das begründet er in der ihm eigenen skurrilen und wohl auch berechnenden Art: Wenn er nahe der Firmenzentrale, dem kleinen Ort Älmhult, lebte, werde es ihm nicht möglich sein zu erkennen, wann er sich zurückziehen müsse, wenn er "in zehn, 15 Jahren gaga" werde - schon jetzt lasse sein Gedächtnis nach. Steuerrechtlich ist Ikea nicht in Schweden daheim, sondern wird verstreut und verschachtelt durch ausländische Stiftungen aus den Niederlanden, Dänemark, Luxemburg und letztendlich den Niederländischen Antillen kontrolliert. Wieviel dort gehortet wird, welchen Gewinn Ikea bringt, bleibt geheim. Schon 1986 hatte Kamprad den Vorstandsvorsitz abgegeben. Er kontrolliert aber über eine Stiftung, die bei allem Wichtigen das letzte Wort hat, weiterhin den täglichen Ablauf im Großen wie im Kleinen, läßt sich auch mal in Warenhäusern von Verkäufern, die ihn nicht erkennen, beraten.
Ob, wie und wann seine drei Söhne beteiligt werden, ist sein Geheimnis. Als er "ohne Beratung mit seiner Ikea-Familie", also seinen 76 000 Angestellten, Aspekte seiner Nachfolgeregelung vorstellte und das zu erheblicher Unruhe im Betrieb führte, nahm er das rasch zurück und entschuldigte sich handschriftlich in einem Brief an die Belegschaft. Er wählte dafür die Überschrift "Nun habe ich mich selber wieder als dumm hingestellt", sie müßten es noch eine ganze Weile mit ihm aushalten. Aufhören könne man nur, sagte er einmal, wenn man dann etwas anderes als die Arbeit habe, sonst sterbe man "in ein oder zwei Jahren". Gibt es für ihn also nichts als Arbeit? Kamprads Briefe an seine "Großfamilie" sind legendär, auch als er 1999 ihnen danken wollte für ihre erfolgreiche Arbeit. Dabei teilte er den gesamten Umsatz eines verlängerten Samstags an die Belegschaft aus, jedem das gleiche, und für die meisten mehr als ein Monatslohn.
Ebenso verhüllt wie die Unternehmensstruktur oder das Familienvermögen - Schätzungen reichen von zwölf (schon damit wäre er der viertreichste lebende Nichtamerikaner) bis 20 Milliarden Euro - sind sonstige Familienbeteiligungen von Versicherungsbeteiligungen bis zu Leasingfirmen. Ikea - festgelegt in einer Stiftung, an der seine Söhne keinen Anteil halten - ist der Kern seines Vermögens, es reicht aber weit darüber hinaus. Einige schwedische Anlagen blühten in den vergangenen Monaten auf, so eine mittelständische Bank und eine Beratungsgruppe für Immobilienverkäufe an Ausländer, andere bereut er. Bisher nur Verluste brachte die vor elf Jahren erworbene Möbelkette Habitat. Größter Rivale, der den Gewinn wegfrißt, ist Ikea - beide richten sich an ein ähnliches Marktsegment. Auch Kamprads Aktienbeteiligungen in Schweden, darunter gut zehn Prozent am Bauunternehmen Skanska, brachten ihrem Besitzer wenig Freude. Schließlich hatte sich ihr Wert innerhalb eines Jahres fast halbiert.
Solche Rückschläge gab es bei Ikea selten. Der unaufhaltsame Aufschwung war verbunden mit Grundideen, die sich kaum änderten. Als andere über "Corporate Identity" zu beraten begannen, hatte Ikea sie längst. Kamprads Erfolg beruht auf ständiger Anpassung in Sortiment, Standortwahl und Kundenanalyse. Und auf knappem Kalkulieren: Ikea ist als harter Verhandler, als Kostendrücker beim Einkauf, als sparsam auch gegenüber dem Personal bekannt. Seinen Erfolg kann Ingvar Kamprad nur halten, indem er ständig wirkt und mahnt. Und indem er selbst glaubt - vielleicht stimmt das auch -, er sei unentbehrlich. So gibt er sich, wie er oft aussieht: bekümmert, sorgenvoll, zerknittert - sichtbar an traurigen Augen, am verkniffenen Mund, an der leicht verrückten Brille. Sein neuer Grund zur Sorge ist der ewige: Die Kosten, mahnt er, uferten aus. So hatte im Oktober eine Vorstandssitzung nur den Tagesordnungspunkt: mit den wachsenden Kosten umzugehen. Seine Sorge über die Seele seines Unternehmens vertraute der sonst gegenüber Journalisten zurückhaltende Kamprad einer Zeitung an - nicht einer großen internationalen, sondern der Smalandsposten, seiner Heimatpostille. Wir werden, klagte er dort ebenso plastisch wie drastisch, zu bürokratisch, wir haben zu viel "Revierpinkelei", jeder arbeite nur für seine Abteilung. Die Sparsamkeit, die er von Ikea fordert, lebt er selber vor, schon mit seinen ausgebeulten Hosen und Jacketts. Der meist schlipslose Multimilliardär fahre, heißt es, mit dem Bus statt mit dem Taxi und fliege in der Touristenklasse.
Mit seiner Art - kauzig, zupackend, vermeintlich offen, bereit zur Entschuldigung - überwand er auch seine wohl größte Krise: 1994 wurde bekannt, daß er nicht nur während des Zweiten Weltkrieges wie viele andere junge Schweden aktiv für Hitler und dessen Ziele warb, sondern noch bis in die Fünfziger die dem Nationalsozialismus nahestehende "neuschwedische Bewegung" und deren Führer unterstützte. Das nannte er die "größte Dummheit meines Lebens". Er sei zu feige gewesen, auch gegenüber einer beherrschenden Großmutter aus dem Sudetenland.
Als ein Buch mit neuen Enthüllungen kam, hielt er eine "autorisierte Biographie" dagegen, in der alles drei Spuren kleiner klang. Die Schweden akzeptierten seine Entschuldigung. So steht er jetzt an der Spitze fast aller Umfragelisten, wer denn der am stärksten bewunderte Schwede sei; und eine schwedische Wirtschaftszeitung machte Ingvar Kamprad zum "Unternehmer des Jahrhunderts".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.11.2003, Nr. 45 / Seite 44
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