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Krieg im Scan : Software sagt Eskalation in der Westukraine voraus

  • -Aktualisiert am

Steht ihnen die nächste Eskalation dicht bevor? Ukrainische Soldaten in der Ostukraine Bild: AP

Der Verlauf geopolitischer Konflikte ist unberechenbar. Doch eine Software prognostiziert nun eine deutliche Zuspitzung der Ukraine-Krise ab dem 28. April. Wie sie das herausgefunden haben will, bleibt Geschäftsgeheimnis.

          Sind geopolitische Entwicklungen vorhersagbar wie das Wetter? Genau daran arbeitet das amerikanisch-schwedische Software-Unternehmen Recorded Future. Mit Hilfe speziell entwickelter Algorithmen wertet die Firma 484.968 öffentlich zugängliche Internetquellen aus, um politische Ereignisse, aber auch Markt- und Modetrends in Echtzeit zu analysieren oder sogar vorherzusagen. Neu ist diese Methode nicht. Im Geheimdienstjargon nennt sich das „Open Source Intelligence“, kurz „Osint“. Dabei werden aus den Massen öffentlicher Daten spezifische Informationsmuster erstellt, die zum Beispiel Aufschluss über potentielle Terroranschläge geben sollen. Als privater Dienstleister verspricht Recorded Future seinen Kunden, bisher „unsichtbare“ Zusammenhänge aufzuschlüsseln und so verlässliche Prognosen über die Zukunft zu liefern.

          Am Donnerstag veröffentlichte das Unternehmen einen Bericht, in dem es eine deutliche Zuspitzung der politischen Krise in der Ukraine ab dem 28. April prognostiziert. Recorded Future führt dafür folgenden Grund an: Russland sei dabei, Gedenkmärsche von Neonazi-Verbänden in Lemberg und anderen Städten in der West-Ukraine zu orchestrieren. Der 28. April markiert den historischen Gründungstag der ukrainischen SS-Freiwilligen-Division „Galizien“, die ab 1943 von den nationalsozialistischen Besatzern an der deutschen Ostfront eingesetzt wurde. Das Ziel der angeblich vom russischen Geheimdienst initiierten Neonazi-Demonstration sei es, einen militärischen Einmarsch Russlands in die Ukraine zu legitimieren. Die russische Regierung wolle letztlich ihre bisherige Behauptung stärken, die ukrainische Revolution sei das Machwerk faschistischer Kräfte im Land.

          Schweigen über die Quellen

          Es steht in dem Bericht allerdings nichts darüber, wie Recorded Future zu diesem Ergebnis kommt. Als einzige Informationsquelle wird die Aussage des Ukrainischen Abgeordneten Gennadij Moskal genannt. Der hatte bereits letzte Woche über Facebook verkündet, eintausend vom russischen Geheimdienst ausgebildete Personen seien auf dem Weg in die Ukraine, um die Neonazi-Proteste und weitere „groß angelegte Gewaltaktionen im ganzen Land“ zu koordinieren. Moskal beruft sich wiederum vage auf „zuverlässige Quellen, die volles Vertrauen verdienen und direkte Verbindung zu dieser Spezialoperation haben“.

          Wie die algorithmische Nachrichtenauswertung von Recorded Future genau funktioniert, bleibt Geschäftsgeheimnis. Gerade hier liegt aber das Problem. Denn solange ein technisches Verfahren, wie Recorded Future es anwendet, im Dunkeln bleibt, sind die dadurch gewonnenen Informationen nicht nachprüfbar und deshalb wenig beweiskräftig.

          Außerdem braucht es wirklich keinen Algorithmus, um Neonazi-Demonstrationen in einer Stadt wie Lemberg zu prophezeien, die bekanntermaßen ein rechtsextremistisches Problem hat. Unklar ist auch, welche Interessen das Unternehmen mit seinen hochbrisanten Aussagen über ein russisches Geheimdienstkomplott verfolgt. Diese Frage drängt sich umso mehr auf, wenn man beachtet, wer Recorded Future maßgeblich finanziert hat: Zum einen der Suchmaschinenkonzern Google und zum anderen die Venture-Capital-Gesellschaft In-Q-Tel, hinter der sich der amerikanische Geheimdienst CIA verbirgt.

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