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Das S.O.36 in der Galerie Brennecke : Bitte nie nach Hause schicken

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Nebenan der Laden für Warmluftheizungen: So sah es am 16. September 1978 vor dem Eingang aus. Bild: Galerie Brennecke

Die Begegnung von Kunst und Punk vor dreißig Jahren hatte ein Herz: Das Berliner Lokal S.O.36 in Kreuzberg. In der Charlottenburger Galerie Brennecke sind jetzt dessen Anfänge zu erleben.

          Manchmal kann auch ein etwas holpriger Eintritt zu einem angenehmen Gespräch führen. Kaum hatte man die Galerie Brennecke in der Mommsenstraße in Berlin Charlottenburg betreten, waren einem auch schon die Worte „S.O.36“ und „Martin Kippenberger“ entwichen. Der Galerist Klaus-Dieter Brennecke schaute etwas irritiert und meinte darauf wie selbstverständlich freundlich: „Ja, der Martin Kippenberger hat 1979 meine Anteile am S.O.36 übernommen. Gegründet haben aber Thomas Rohe, Achim Schächtele und ich den Laden ein Jahr vorher.“

          Brennecke, 1955 geboren und im Düsseldorfer Raum aufgewachsen, war im Sommer 1977 auf Besuch nach West-Berlin gekommen und sofort unheilbar von der Atmosphäre der Stadt angesteckt. Was in West-Berlin allerdings fehlte, war ein Treffpunkt, an dem Künstler, Musiker oder auch nur Tagediebe zusammenkommen konnten, um aus der Energie, die durch die in England begründete Punkbewegung in die deutsche „Post-68-RAF-Generation“ wehte, etwas entstehen zu lassen, das mehr war als nur ein Gefühl.

          Ein Hort der friedlichen Koexistenz sollte es sein

          In Düsseldorf gab es mit dem „Ratinger Hof“ ein solches Lokal. Und einen solchen Ort wollten Brennecke und seine Freunde in West-Berlin schaffen. Es war irgendwie klar, dass dieser Ort nur in Kreuzberg, im alten Postbezirk Süd-Ost 36 liegen konnte. Kreuzberg war damals schon eine der größten türkischen Städte außerhalb der Türkei. Dort sollten die verschiedensten Subkulturen friedlich zusammenleben.

          So mieteten die drei einen ehemaligen Supermarkt in der Oranienstraße, räumten die Regale raus, stellten ein paar Hocker und einen Tresen hinein. Ansonsten ließen sie den rechteckigen, flachen Raum leer, nannten ihn S.O. 36 und starteten in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1978 mit einem „Mauerbaufestival“, auf dem unter anderem Bands wie The Wall, S.Y.P.H., Mittagspause, Male, PVC und Din A Testbild auftraten. Das S.O., wie es alle nur nannten, wurde schnell zu einem Treffpunkt von Musikern, Künstlern und jungen Popintellektuellen, die ihm einen mythischen Namen verschafften.

          Ausschnitt eines Zeitdokuments: Dieses Flugblatt ruft zur Zerstörung des S.O.36 auf.
          Ausschnitt eines Zeitdokuments: Dieses Flugblatt ruft zur Zerstörung des S.O.36 auf. : Bild: Galerie Brennecke

          Wobei der Mythos bis heute nicht steril geworden ist, sondern sich immer wieder erneuerte. Zuletzt konnte man es daran sehen, dass der seit fast acht Jahren samstags im aktuellen S.O. 36 stattfindende HomoOriental Dancefloor „Gayhane“, mit türkischer, arabischer, aber auch griechischer und hebräischer Popmusik gestaltet, bis zu den Demonstrationen auf dem Istanbuler Taksim-Platz seine Wirkung entfaltete. Aber so weit war es 1978 noch nicht. Es war zum Beispiel überhaupt nicht einfach, englische Bands in die Mauerstadt zu locken. Nicht selten mussten Brennecke und seine Freunde einen Transporter mieten, nach London fahren, die Bands einladen und sie nach West-Berlin durch die DDR begleiten.

          Hinzu kam, dass Kreuzberg eben doch kein friedlicher Ort der Koexistenz der Subkulturen war. Viele Claims schienen bereits abgesteckt zwischen den aufkeimenden, militanten Hausbesetzern, Drogen- und Rockermafiosi und den radikalen Staßenpunks, die vor allem mit Avantgarden, seien sie künstlerisch oder musikalisch, nichts anfangen konnten. Und die meisten der Musiker und Maler, die im S.O. auftraten oder ausstellten, waren in den Augen der Punks Avantgarde oder Kulturschickeria. Die unterschiedlichen Auffassungen von Kultur führten zu Spannungen, die nicht selten handgreiflich ausgetragen wurden. Die „Punx gegen Konsumscheisse“ riefen mit einem Flugblatt zur Zerstörung des S.O. auf.

          Nicht ohne meine Sonnebrille: Helmut Middendorf malte sich und Rainer Fetting 1981 in Kreide und Dispersion auf Papier (10 000 Euro).
          Nicht ohne meine Sonnebrille: Helmut Middendorf malte sich und Rainer Fetting 1981 in Kreide und Dispersion auf Papier (10 000 Euro). : Bild: Galerie Brennecke

          Martin Kippenberger hat auf seinem Triptychon „Berlin bei Nacht“ (entstanden 1981/82) sein persönliches Erlebnis des Abschiedsabends „die letzte Nacht im S.O. 36“ am 30. Juni 1980, mit Valie Export und einem lebenden Lama im Programm, unter dem Titel „Dialog mit der Jugend“ als Mittelbild verewigt. Es zeigt den von den Folgen einer Schlägerei verunstalteten und bandagierten Kopf des Malers. Der Anlass für die Prügelei im SO sollen überhöhte Bierpreise gewesen sein. Ein Grund, der die ganzen achtziger Jahre Kreuzberger Gastwirte, mit anderen Ambitionen als denen einer Besetzer-oder Eckkneipe, begleiten sollte.

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