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Das enttarnte Doping-Netzwerk

04.12.2004 ·  Nach der sensationellen Beichte des zwielichtigen Victor Conte steht Marion Jones vor dem Ende ihrer Karriere Von Jürgen Kalwa

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An die Szene in einem Hotelzimmer in der kalifornischen Stadt Covina erinnert sich der Labor-Unternehmer noch genau, denn er saß nur einen halben Meter weit weg: Seine Kundin schob das rechte Hosenbein ihrer Shorts hoch, "zog eine Spritze mit viereinhalb Einheiten an Wachstumshormon auf und injizierte die in ihren Oberschenkel". Und er weiß noch, wie schwierig es war, ihr Disziplin im Umgang mit illegalen Substanzen beizubringen: Sie "wurde unvorsichtig", vergaß die Schachtel mit dem Injektionsgerät "auf einem Kühlschrank in einem Hotelzimmer in Edmonton" und mußte zurück, um ihn zu holen. Das gleiche passierte in Eugene ein paar Tage später. "Also verstaute sie die Schachtel in einem Schuh und stellte den gegen die Kühlschranktür. Aber dann vergaß sie den Schuh."
Der Mann, der in diesen Tagen freimütig zum erstenmal über das Leben hinter den Kulissen des Hochleistungssports plaudert, heißt Victor Conte und ist der wichtigste Angeklagte im größten Dopingprozeß der amerikanischen Rechtsgeschichte. Zu seinen Kunden gehörten rund hundert Spitzenathleten, darunter die Frau im Mittelpunkt seiner Erzählungen: die amerikanische Leichtathletin Marion Jones, dreifache Goldmedaillengewinnerin von Sydney, mit einer Bestzeit von 10,65 Sekunden über 100 Meter die zweitschnellste Frau in den Annalen des Sports. Die Enthüllungen sind eine Sensation, denn in den fünfzehn Monaten, seitdem Steuer- und Drogenfahnder in einem Vorort von San Francisco die Büros der Conte-Firma Balco durchsuchten und Akten und illegale Substanzen beschlagnahmten, bestand das Bild der Öffentlichkeit über die Affäre aus durchgesickerten Vernehmungsprotokollen, Unschuldsbeteuerungen und gegenseitigen Attacken. Und zwar im Stil jener Stellungnahme, die Marion Jones verlauten ließ: Die detaillierten Anschuldigungen seien "nicht wahr", erklärte sie routiniert. Immerhin versprach sie erstmals, sich zu wehren. Ihre Anwälte sollen herauszufinden, ob sie ihren Widersacher wegen Diffamierung verklagen kann. Was bleibt einer Athletin, die in ihrer Karriere rund 160mal zur Dopingprobe gebeten und nie erwischt wurde, auch anderes übrig? Sie hatte sich einem Lügendetektortest unterzogen und ihn bestanden. Aber nach ihren Aussagen vor der Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr droht ihr nun eine Anklage wegen Meineids.
Wie sich die Zeiten ändern. Als sie vor vier Jahren vor den Olympischen Spielen von Sydney ihre hochfliegenden Ansprüche auf fünf Goldmedaillen anmeldete, landete sie denn auch äußerst komfortabel - auf den Titelseiten auflagenstarker amerikanischer Wochenmagazine: Die muskulöse Schönheit mit dem unbekümmerten Jungmädchenlächeln schien die ideale Identifikationsfigur einer Gesellschaft zu sein, die nichts so sehr verehrt wie einen Siegertyp mit Ausstrahlung. Vor ein paar Monaten in Athen war von der alten Zuversicht nichts mehr zu spüren. Marion Jones ging nicht nur im Weitsprung leer aus, der einzigen Disziplin, für die sie sich qualifiziert hatte. Sie verpatzte zusammen mit Lauryn Williams den Wechsel im Halbfinale der Sprintstaffel. Für den Leistungsabbau schien es eine Erklärung zu geben: Die Schwangerschaft von 2003 hatte an ihrem Muskelpaket gezehrt. In den Monaten nach der Geburt war es ihr nicht gelungen, ihren Körper wieder auf die alten Leistungswerte zu bringen. Gegen die Theorie sprach zwar eine Menge, unter anderem die Erfahrungen anderer Sportlerinnen. Aber sie klang gut. Und sie erhellte für eine Weile das Zwielicht, in das die "First Lady of Track" unter anderem auch dadurch geraten war, daß einer nach dem anderen aus dem engen Kreis an Bezugspersonen um sie herum seine Rolle in der Affäre zugab: ihr ehemaliger Ehemann Cottrell J. Hunter, der ihr in Sydney den Stoff gespritzt hatte, der ehemaliger Trainer Trevor Graham, der eine Kanüle mit dem bis dahin noch nicht identifizierten Designersteroid THG anonym an ein Dopinglabor überstellte. Schließlich hatte Tim Montgomery, ihr Lebensgefährte und Vater des gemeinsamen Sohnes, der Staatsanwaltschaft bereits das gebeichtet, was Conte am Freitag auch im amerikanischen Fernsehen bestätigte - das Projekt 100-Meter-Weltrekord mit Hilfe von konsequent angewandter Chemie: "Wir hatten einen gemeinsamen Traum, und ich war - wenn man so will - der Kopf des Ganzen."
Das Geflecht wird von zahlreichen Indizien, entdeckt im Balco-Labor, abgestützt: Darunter auch kalendarische Aufzeichnungen, die auf eine Einnahme von mit fingierten Namen versehenen illegalen Substanzen schließen lassen, E-Mails und unter anderem auch ein Scheck mit dem Namen von Marion Jones über 7350 Dollar. Der soll von ihrem ehemaligen Ehemann unterschrieben worden sein.
Ehe Victor Conte sein Schweigen brach, hatte es die Staatswaltschaft schwer, das Netzwerk aus Manipulation und Betrug, in das auch Athleten aus Griechenland und der Ukraine verwickelt sind, komplett zu rekonstruieren. Weshalb sie im vergangenen Jahr allen Sportlern für wahrheitsgetreue Aussagen strafrechtliche Amnestie zusicherte. Die PR-Kampagne des Manns im Zentrum des Skandals, dem viel daran liegt, seine eigene Rolle zu verharmlosen ("über 50 Prozent aller Athleten nehmen illegale leistungssteigernde Mittel"), erleichtert die Aufklärungsarbeit der Behörden enorm. Sie könnte jedoch jene Sportler in Meineidsprozesse verstricken, die bislang gehofft haben, sie kämen mangels Beweisen mit heiler Haut davon. Zu ihnen gehört vermutlich auch Marion Jones, die Tochter einer Einwanderin aus der ehemaligen britischen Kolonie Belize, die ohne leiblichen Vater in Kalifornien aufwuchs. Die Beichte von Victor Conte könnte das endgültige Aus ihrer Karriere einläuten. Und die nachträgliche Aberkennung ihrer Medaillen von Sydney. Das forderte bereits am Freitag Richard Pound, der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur, der vor wenigen Tagen in seinem Amt bestätigt wurde, für den Fall, daß sich Contes Version als wahr herausstellt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.12.2004, Nr. 49 / Seite 24
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