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China Der schmutzige Aufschwung

09.04.2006 ·  Chinas Politiker reden gern vom Umweltschutz, vor allem vor Gästen aus dem Westen. Denn das Reich der Mitte verschlingt immer mehr Energie. Doch Umweltschutz ist bislang nur Makulatur.

Von Martina Merten
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Die Dimensionen des Drei-Schluchten-Staudamms sind auf den ersten Blick nicht ansatzweise faßbar. Am Fuße der sandfarbenen Staumauer scheint nur eines sicher: Sie ist hoch, sehr hoch, ihr Ende ist im dünnen Nebel, der über ihr hängt, kaum zu erahnen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Areals nahe Sandouping in der Provinz Hubei reihen sich die fünf Schleusen des Damms aneinander, in einigen liegen riesige Frachtschiffe. Drum herum hat die Regierung Grünflächen anlegen lassen. Kreisförmige Bänke schlingen sich um Bäume und Hecken, die vor der hinter ihnen emporragenden Staumauer so mickrig erscheinen wie die Plastikpflänzchen einer Modelleisenbahn.

Bis zum Jahr 2009 soll das Kraftwerk eine Leistung erzeugen können, die mit 18,2 Gigawatt bisher einzigartig wäre - und auf die China zunehmend angewiesen ist. Denn das bevölkerungsreichste Land der Erde hat tatsächlich den schon zur Floskel gewordenen Hunger nach Energie. Schon heute liegt es im Verbrauch auf dem zweiten Platz weltweit, obwohl zwei Drittel der Bevölkerung auf dem Lande leben und jährlich über gerade einmal durchschnittlich 288 Euro verfügen. Tatsächlich liegt der Stromverbrauch pro Person noch weit hinter dem Deutschlands oder der Vereinigten Staaten. Doch auch das dürfte das schwindelerregende Wirtschaftswachstum bald ändern: Immer mehr Haushalte besitzen Fernseher, Spülmaschinen oder Klimaanlagen. Hinter Baugerüsten aus Bambus entstehen in boomenden Städten wie Schanghai, Peking oder Chongqing immer neue Hochhaustürme, die mit elektrischem Strom versorgt werden wollen. "Bereits jetzt kommt es immer wieder zu Energieengpässen, weil die Nachfrage so rasant gestiegen ist", sagt Paul Suding, Energieexperte bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Peking. 2004 mußte mehrfach der Strom abgeschaltet werden, in besonders florierenden Regionen des Landes verordnete die Regierung Betrieben Maßnahmen zum Energiesparen.

Das trifft auch ganze Städte. In Schanghai erleuchten am Abend eines normalen Wochentags Leuchtreklamen für Cola, Tütensuppen oder die Bevölkerungspolitik der Regierung die Stadt, die wie keine andere für das neue China des freien Marktes steht. Aber um 22 Uhr gehen die meisten Lichter aus, da der Strombedarf der aufstrebenden Unternehmen, der luxuriösen Hotels und der vielen glamourösen Geschäfte im Zentrum und am Bund, der legendären Uferpromenade, sonst nicht gedeckt werden könnte. Dann wirkt die Stadt, die noch Sekunden vorher an vielen Ecken an New York erinnerte, wie in ein schwarzes Tuch gehüllt.

"Wenn Chinas Bevölkerung genauso wohlhabend wird wie die deutsche, reichen unsere Energiequellen nicht aus", befürchtet Si Zefu, Präsident des Turbinenherstellers Dongfang, eines der größten Unternehmen seiner Art in China. Schätzungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) gehen für die nächsten Jahre von einem zehnprozentigen Wachstum des Energieverbrauchs aus, das Wirtschaftswachstum werde bei etwa acht Prozent liegen. Damit dürfte China die Vereinigten Staaten in den nächsten 15 Jahren im Energiehunger überholen.

Auch den Weg zur unangefochtenen Nummer eins bei den Schadstoffemissionen beschreiten die Ostasiaten konsequent. Bereits heute wird vor allem Kohle verbraucht, der einzige Energierohstoff, den China als Bodenschatz in nennenswerten Mengen besitzt. 70 Prozent macht der Kohleanteil am kommerziellen Primärenergieverbrauch aus. Dabei sind die chinesischen Kohlekraftwerke größtenteils veraltet, ineffizient und schlecht gewartet, so daß die ständig steigende Energienachfrage auch den Schadstoffausstoß immer weiter in die Höhe treibt.

Im Moment pustet China mehr als 13 Prozent des weltweit freigesetzten Kohlendioxyds in die Atmosphäre. Zu Emissionsreduktionen hat sich die Regierung bislang - trotz Ratifizierung des Kyoto-Protokolls - nicht verpflichtet. GTZ-Experte Suding blickt in den milchigen Schanghaier Himmel - und sieht schwarz: "Sollte sich der angestrebte ,bescheidene Wohlstand' einstellen, könnten die Kohlendioxyd-Emissionen auf das Zweieinhalbfache steigen." Damit lägen sie höher als die Amerikas.

Bereits Weltspitze sind die Chinesen beim Ausstoß von Schwefeldioxyd. Die damit einhergehenden Folgen für Mensch und Umwelt sind sichtlich verheerend: Dunstglocken hängen nicht nur über Schanghai, sondern über allen Großstädten. Die ohnehin kargen Wände der unzähligen auf die schnelle hochgezogenen Hochhaustürme nehmen rasch ein einheitliches, dreckiges Dunkelgrau an. 16 der 20 weltweit am stärksten verschmutzten Städte befinden sich in China. Jährlich sterben dort etwa 400 000 Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung.

Zu diesen Ergebnissen kam nicht irgendein Warner von außen, sondern die Chinesische Akademie für Umweltplanung, die zur Nationalen Umweltbehörde gehört. Bereits in der Weltbank-Studie "Blue Water, Clear Skies" hatte es 1997 geheißen, die gesundheitlichen Folgen der Luftverschmutzung verursachten in China satte 7,4 Millionen fehlende Arbeitsjahre. Die Kosten, die dem Land durch frühzeitige Todesfälle entstehen, bezifferten die Autoren damals auf 54 Milliarden Dollar jährlich.

China wird aber nicht auf seinen schmutzigen Energieträger Kohle verzichten können. Deren Anteil an der Stromerzeugung ist zwar in den vergangenen Jahren schrittweise zurückgegangen. Die Stromproduktion des Landes ist in den letzten zwei Dekaden jedoch um etwa neun Prozent pro Jahr gestiegen - die verbrauchte Menge an Kohle wächst also, obwohl die Regierung andere Energiequellen wie Gas, Öl, Atomkraft und alternative Energien fördert.

Auch die zumindest der Luftqualität nicht abträgliche Atomenergie (aus derzeit elf sollen bis 2020 26 Kernkraftwerke werden) dürfte künftig nicht mehr als 15 Prozent des Energiebedarfs decken, meint der Leiter des Bereichs Umwelt und Ressourcen beim RWI, Manuel Frondel - trotz der Nachricht, daß China mit Australien gerade über umfangreiche Uranlieferungen bis zum Jahr 2010 einig geworden ist. Ähnlich sieht es bei Erdgas aus. Dessen Anteil am Primärenergieverbrauch - derzeit bei etwa drei bis vier Prozent - werde nicht über zehn Prozent steigen, schätzt Frondels Kollege Andreas Oberheitmann, beim RWI zuständig für Energie- und Umweltpolitik Ostasiens. Kohle sei und bleibe wichtigster Energieträger.

Die Themen Energiemanagement und Umweltschutz beginnen jedoch langsam eine Rolle in den Köpfen chinesischer Politiker zu spielen - weniger aus Liebe zur Natur denn aus volkswirtschaftlichen Erwägungen heraus. Die grenzüberschreitenden Giftwellen, die chinesische Flüsse Ende vergangenen Jahres in die Schlagzeilen brachten, haben eindrücklich gezeigt, wie nötig das ist.

Umweltpolitik ist allerdings auch der Bereich, in dem internationale Kritik am autoritären kommunistischen Regime als erstes verstummt. Welches westliche Land könnte schon von sich behaupten, innerhalb eines Jahres praktisch komplett auf bleifreien Kraftstoff umgestiegen zu sein? Im November vergangenen Jahres fand in Peking die "International Renewable Energy Conference" statt. Einige der dort formulierten Ziele: Bis 2020 sollen zwölf Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen kommen, deren Anteil am Primärenergieverbrauch dann zumindest bei zehn Prozent liegen soll.

Ob solche Ambitionen tatsächlich umsetzbar sind, ist eine andere Frage. Oberheitmann beispielsweise glaubt nicht, daß Windkraft und Solarenergie in Zukunft größere Rollen spielen werden. Beides werde "nur auf sehr geringem Niveau genutzt werden können, weil es zu teuer ist". Zudem fehlten dem Land die notwendigen Investoren, etwa für Windkraftparks. Zwar wird erneuerbaren Energien im Flächenland China prinzipiell ein hohes Potential zugeschrieben. Doch die billige und bewährte Kohle werden sie, solange es noch genug davon gibt, nicht ablösen - also noch etwa 100 Jahre lang. Auch die Möglichkeiten der Wasserkraft könnten bald an ihre Grenze gelangen.

Umweltschutz ist jedenfalls ein Wort, von dem jeder chinesische Politiker weiß, daß es Gäste aus dem Westen gerne hören. Ge Honglin, der Bürgermeister von Sichuans Hauptstadt Chengdu, macht da auch keine Ausnahme. Er empfängt gerne Gäste aus dem Westen in den Hallen seines Rathauses, und er berichtet auch gerne darüber, was seine Zehn-Millionen-Stadt, Standort ehemals berühmter Brokatwebereien, so alles erreicht hat. Um die Sauberkeit des Flusses habe man sich sehr gekümmert, erzählt Ge. Früher sei der Fuhe, der die Stadt in einer großen Schleife umfließt, einmal sehr verschmutzt gewesen. Heute sei alles viel besser, sagt er, rutscht in seinem riesigen, mit Häkeldeckchen geschmückten plüschigen Bürgermeistersessel ein bißchen nach hinten und verliert dabei um ein Haar die für chinesische Politiker so charakteristische steife Balance. Auf die Frage, was in Chengdu sonst noch zum Schutz der Umwelt unternommen wurde, deutet er nur ein Lächeln an. Vielleicht gibt es nicht mehr zu sagen. Die Stadt jedenfalls wirkt ähnlich verschmutzt wie andere Großstädte: dunkle Häuserwände, dichter Verkehr und ein milchiger Himmel. Und die Radfahrer, die nach wie vor in großen Mengen unterwegs sind, markieren auch keinen Trend zu mehr Öko-Bewußtsein. Ihr Anteil am Straßenverkehr sinkt in Chengdu - wie überall in China.

Doch wie Ge erzählen viele chinesische Politiker jüngst von Umweltpolitik, als handele es sich um einen Trend, den es nicht zu verpassen gilt. So wird dem Komplex Umwelt und Energiemanagement im elften Fünf-Jahres-Plan (2006 bis 2010) der Regierung ungewohnt viel Platz eingeräumt. Auch das im Februar vergangenen Jahres vom Volkskongreß verabschiedete Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien zeigt, daß die Führung es offenbar ernst meint.

Tatsächlich gibt es Beispiele dafür, daß Umweltmanagement in China auf der Prioritätenliste etwas nach oben geklettert ist: Waigaoqiao-II bei Schanghai etwa. Das Kohlekraftwerk, das mit neuester Technik eines deutschen Großkonzerns ausgestattet worden ist, zeigt eindrücklich, wie in großem Stil Emissionen reduziert werden könnten - wäre denn mehr Geld und politischer Wille vorhanden. Der Kohleverbrauch schrumpft bei gleicher Leistung um 23, der CO2-Ausstoß um 24 Prozent. Ähnlich wie am Drei-Schluchten-Staudamm wird Besuchern auch an diesem Ort vermittelt, daß China durchaus in der Lage ist, Besseres zu schaffen. Die strahlenden Kacheln, auf denen nirgends auch nur ein Staubkörnchen zu finden ist, die glänzenden Dampfturbinen, die Grünflächen um Lagerhallen und Schornsteine lassen einen fast vergessen, daß dieses Kraftwerk in demjenigen Land steht, in dem Ruß den Fassaden ihre graue Einheitsfärbung verleiht und in dem die meisten Kraftwerke weit von den Möglichkeiten solcher Vorzeigeprojekte entfernt sind. Doch im Durchschnittskraftwerk empfängt man eher keinen Besuch aus dem Westen.

Im siebten Stockwerk des vornehmen China Merchants International Financial Center in Peking allerdings schon. Hier im Büro der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) für China beobachtet man die Umweltbemühungen der Regierung mit Wohlwollen. Min Tang, stellvertretender für China zuständiger Landesbeauftragter der Bank, findet es gut, daß die Regierung inzwischen mehr für Umweltmaßnahmen ausgibt. Erregen kann er sich aber über die Energiepolitik. Die sei falsch, denn sie setze keine Anreize zum Energiesparen. Der Energiebedarf in Peking etwa wird nach der Fläche des Hauses und nicht nach dem tatsächlich benötigten bemessen, erzählt Min, und "das führt dazu, daß die Leute im Winter die Fenster offenstehen lassen". Auch den Preis für Benzin hält Min für zu niedrig. In China sei Sprit gerade einmal ein Drittel so teuer wie in Hongkong und halb so teuer wie in Indien. Da der Bedarf an Öl steigen werde, müsse die Regierung den Ölpreis anheben. Nur so könnten die Leute ein Bewußtsein dafür entwickeln, was Energieverbrauch bedeutet.

Liang Congjie predigt dieses Bewußtsein schon lange. Es an andere weiterzugeben, hat der Gründer und Leiter der Umweltschutzorganisation "Friends of Nature" sich zur Lebensaufgabe gemacht. Viele Bilder an den Wänden des kleinen Pekinger Büros der Organisation zeugen davon, wie viele Menschen der alte Mann mit der großen Brille im Laufe seines Lebens schon bekehren wollte. In vielen Fällen, so scheint es, hatte er zumindest ein bißchen Erfolg. Liang weiß zwar, daß die Möglichkeiten als Nichtregierungsorganisation in China begrenzt sind - Demonstrationen sind verboten, regierungskritische Äußerungen sowieso. Zumindest habe die Nationale Umweltbehörde ihn vor kurzem gebeten, im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 in Peking beratend tätig zu sein. Wenn in zwei Jahren die Welt zu Gast bei den Chinesen sein wird, will man einen sauberen Eindruck hinterlassen. Dafür sorgen sollen unter anderem ein in den letzten Jahren mit beispiellosen Aufforstungen angelegter Grüngürtel um die Stadt oder auch der Stopp für schmutzträchtige Industrieansiedlungen im Nordwesten, jener Himmelsrichtung, aus der zumeist der Wind nach Peking hinein bläst.

"Früher oder später", sagt Liang Congjie "werden die politischen Führer den Umweltgedanken verinnerlicht haben und das Bewußtsein in ihre Arbeit einbeziehen." Und dafür vielleicht auch mehr von den Abermilliarden Yüan, die Wachstumsraten von jährlich etwa acht Prozent in die Staatskassen spülen, auszugeben bereit sein.

Dieses Jahr verzeichnet allerdings erst mal ein anderer Teil des Haushalts einen überproportionalen Zuwachs: das Militärbudget.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.04.2006, Nr. 14 / Seite 71
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