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50 Jahre Kettcar Die Freude am Strampeln

Rennsport, der in die Waden geht: 1962 hatte das Tretauto Kettcar Premiere. 50 Jahre später sind 15 Millionen Stück gebaut worden.

© Peter Thomas Vergrößern Die Kettcar-Jubiläumsmodelle Sao Paulo und Imola Air mit Kettler-Testfahrern auf der Spielwarenmesse 2012 in Nürnberg

Flach, direkt, schnell und heckgetrieben - mit diesen Tugenden eines kompromisslosen Roadsters versprach uns das orangerot lackierte Fahrzeug die Freiheit auf vier Rädern. Für den Knaben in den kurzen Hosen, frisch vom Dreirad zum Tretroller aufgestiegen, war das Kettcar des Nachbarbuben eine glänzende Sehnsuchtsmaschine. Es muss sich um ein 1979 gebautes Modell "Safari" gehandelt haben - das jedenfalls lässt heute der Blick auf den Modellstammbaum vermuten, den Kettler zum 50. Geburtstag des Kettcar aufgelegt hat.

Tretautomobile waren damals kein neues Phänomen mehr, die Gattung ist schließlich fast so alt wie der vom Verbrennungsmotor angetriebene Kraftwagen selbst. Die meisten dieser Kindermobile, die bis in die 1970er Jahre verbreitet waren, boten simple Technik mit Pedalantrieb und Kraftübertragung durch Stangen auf die als Kurbelwelle ausgeführte Hinterachse. Der kargen Rahmenanlage mit Strampelmotor wurde für gewöhnlich eine Karosserie aus dünnem Blech übergestülpt. Teure Modelle ahmten dabei die exklusiven Sportwagen ihrer Zeit sehr detailliert nach.

18491887 Schalten will schon früh gelernt sein © Peter Thomas Bilderstrecke 

Um 1960 kamen dann die Karts auf, rasante Freizeit-Monoposti in Mittelmotorbauweise mit kreischenden Motorradaggregaten als Antrieb. Sie spielten formal mit der Bauweise von Tretauto und Seifenkiste, umgekehrt gaben sie aber auch Anregungen für die Entwicklung neuer Kinderautos mit Pedalantrieb. Und von solchen Tretfahrzeugen ließ sich Heinz Kettler, ein innovationsfreudiger Unternehmer aus dem Sauerland, bei einem Aufenthalt in Nordamerika inspirieren - 1962 stellte er das erste Kettcar vor.

Die Bezeichnung hatte Kettler seinem eigenen Namen und dem englischen Wort für Automobil entlehnt. Die Karosserie des ersten Kettcar war ausgesprochen traditionell gezeichnet: Die blechernen Scheibenräder mit ihren dünnen Gummireifen trugen einen einfachen Rohrrahmen, der mit einem Schalensitz aus Blech ausgestattet war. Und die Vorderachse wurde noch nicht mit einem Lenkrad gesteuert, sondern über einen Lenker mit nach oben zeigenden Hörnern.

Man sah dem skizzenhaften Erstling noch seine Rolle als Wegbereiter eines neuen Spielzeugs an. Am Urmodell als Zündfunke für die gesamte Kettcar-Geschichte lässt Martin Kröger, Geschäftsbereichsleiter Spiel und Kind bei Kettler, aber keinen Zweifel: "Heinz Kettler hat damals einen Trend gesetzt", sagt Kröger im Rückblick auf 50 Jahre Modellgeschichte und 15 Millionen in Ense-Parsit im Sauerland gebaute Kettcars. Bis zu 500 000 Tretautos jährlich verkaufte Kettler in den besten Jahren. Heute sind es weniger - wie viele genau, bleibt ein Geheimnis.

Synonym für Tretauto

Schon kurz nach der Premiere des ersten Kettler-Tretautos folgten mehrere Innovationen, die das Kettcar hin zu jenem Fahrzeug entwickelten, das im deutschsprachigen Raum oft als Synonym für Tretautos benutzt wird. 1964 kommt beispielsweise das Lenkrad, 1965 der Kettenantrieb, und 1967 folgt der wetterfeste Kunststoffsitz. Auch Räder, Lackierung, Verkleidungen und andere Details ändern sich immer wieder. Je nach Modell gehören heute zu den Kettcar-Ausstattungsmerkmalen zuschaltbarer Freilauf, Gangschaltung und Felgenbremsen. Und statt der schmalen Blechscheibenräder der ersten Stunde rollen die Sauerländer Vehikel längst auf voluminösen Luftreifen. "Ein Kettcar zeichnet sich aber heute genauso wie 1962 durch vier Räder, einen Sitz und den Antrieb per Muskelkraft aus", sagt Kröger.

Die wichtigste Konstante in der Kettcar-Historie dürfte wohl die kompetitive Freude am Strampeln sein: Eine Idee vom Tretauto als Sportmobil für drei bis zwölf Jahre alte Kinder steckte schon in Kettlers Grundentwurf aus dem Jahr 1962. Das macht auch die Zeichnung eines mit Helm und Rennbrille geschützten Kart-Piloten auf dem Typenschild des 1967 erschienenen "Original Kettcar" deutlich. Später unterstrich das Design die Eignung für die spielerische Nachahmung des Viertelmeilensprints in der Wohnstraße mit weiteren Details: Kettcars kamen mit Rallyestreifen, Rennwagenstartnummern als Dekor und stilisierten Stromlinienverkleidungen.

Auch mit der Modellbezeichnung verneigte man sich vor der großen Welt des Motorsports: Da gab es beispielsweise die nach berühmten Rennstrecken benannten Typen "Avus" (1972), "Monza" (1973) und "Hockenheim" (1984). Ganz dieser Tradition folgend hat Kettler die Varianten "Imola Air" (190 Euro) und "Sao Paulo" (150 Euro) im Jubiläumsjahr aufgelegt.

Quelle: F.A.S.

 
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