Nach dem Sieg über Frankreich

Italien erwartet den neuen Weltmeister

Von Roland Zorn, Berlin

Ein goldiger Moment für Fabio Cannavaro

Ein goldiger Moment für Fabio Cannavaro

10. Juli 2006 Mit eisernen Nerven beim Elfmeterschießen und einer großen Portion Glück im Spiel ist Italien am Sonntag abend in Berlin zum vierten Mal in seiner Geschichte Fußball-Weltmeister geworden. 1:1 stand es nach 90 und 120 Minuten durch die Tore von Zidane per Foulelfmeter (7.) und Materrazzi (19.), ehe ein gegen die Latte gedonnerter Elfmeter von David Trezeguet die Entscheidung für die Italiener herbeiführte. Die von Marcello Lippi trainierte Squadra Azzurra traf fünf Mal und damit Schuß für Schuß, Frankreich nur drei Mal. Dank des 5:3 stand Italien um 22:25 Uhr als Sieger fest. Das Endspiel aber war über weite Strecken eine zähe Angelegenheit.

Mit einer Siegesfeier im römischen Circus Maximus will Italien an diesem Mopntag den neuen Weltmeister empfangen. Eine Million Fans werden erwartet, um die aus Deutschland zurückkehrenden Spieelr zu begrüßen. Die Mannschaft von Trainer Marcello Lippi soll in offenen Bussen durch die Ewige Stadt gefahren werden.

Ehe Kapitän Fabio Cannavaro den goldenen Weltmeisterpokal in den Berliner Abendhimmel recken konnte, diskutierten die Fans noch lange über einen traurigen Zwischenfall. Der große Zinedine Zidane wurde in seinem Abschiedsspiel vom Platz gestellt. Der französische Kapitän hatte sich zu einer Tätlichkeit hinreißen lassen (110.). Ein Deutscher gewann am Sonntag en passant mit: Miroslav Klose, der mit seinen fünf Treffern zum WM-Torschützenkönig aufstieg. (Siehe auch: Klose wird Torschützenkönig)

Turnier der Verteidigungskünstler

Die Grande Nation schaute zuerst und vor allem auf einen: Zidane, ihren größten Fußballkünstler. Am Tag des Adieus von seiner fabelhaften Karriere noch einmal den Titel des Weltmeisters zu erobern, die Geschichte war zu schön, um wahr zu werden. Italien ging als leichter Favorit in dieses Duell der beiden abwehrstärksten Teams dieses Turniers der Verteidigungskünstler. Ein Gegentor gegen zwei Gegentore, so sah die italienisch-französische Statistik vorher aus. Italien vertraute seiner in allen Mannschaftsteilen ausbalancierten Mannschaft, die angesichts des daheim schwärenden Manipulationsskandals zu einer imponierenden Einheit zusammengewachsen ist. (Siehe auch: Stimmen zum WM-Finale)

Der Reihe nach und damit zurück ins mit 69.000 Zuschauern ausverkaufte Olympiastadion. Auf eine Zeit des Wartens waren auch Frankreichs Staatspräsident Chirac und sein italienischer Kollege Napolitano vor dem 64. und letzten Duell der WM eingestellt. Chirac konnte dann doch schon nach sechs Minuten jubeln. Die Italiener, noch auf der Suche nach dem Spielrhythmus, ließen sich zu einem Foul zu viel hinreißen. Materazzis Attacke gegen Malouda war knapp jenseits des Tolerablen, und so kam Zidane die Ehre zu, in seinem letzten Spiel das erste Tor des Tages zu schießen. Er täuschte beim Strafstoß Torhüter Buffon und hatte Glück, daß sein Elfmeter-Lupfer von der Innenkante der Latte hinter der Torlinie aufsprang (6.). Vorbei war es mit Buffons Hoffnung, den Rekord seines Landsmanns Walter Zenga, aufgestellt bei der WM 1990, zu löschen. 517 Minuten ohne Gegentor bleiben bis auf weiteres das Torhütermaß; Buffon brachte es auf 458.

Materrazi bügelt seine Panne aus

Nachdem Frankreich mit seinem kompakten Spiel die Anfangsphase bestimmt hatte, holte Italien die frühen Versäumnisse nach. Auch begünstigt durch die speziell bei Eckbällen zutage tretenden Unsicherheiten des französischen Schlußmanns Barthez. Materrazi bügelte seine Panne vor Frankreichs Führungstor aus, als er Pirlos Eckball aus elf Metern mit dem Kopf zum 1:1 ins Netz wuchtete (19.). In der Folge erweisen sich die Italiener als die torgefährlichere zweier Mannschaften. Tonis Kopfball nach Pirlos Ecke gegen die Latte (36.) war die größte Gelegenheit, das Blatt vollends zu wenden.

Es blieb bis zur Pause bei einem Duell, das nicht gemacht schien für kreative Kräfte. Zidane scheiterte immer wieder am aufmerksamen Gattuso, Totti gab sich zu oft der Erdanziehungskraft hin. Überzeugen konnten dagegen bei den Italienern der defensive Cheforganisator Pirlo und bei den Franzosen Rekordnationalspieler Thuram (121 Spiele), der nach der WM wie Zidane und sein Nebenmann Makelele seine Laufbahn bei den Bleus beenden wird.

Buffon parierte mit Extraklasse

Nach dem Wechsel ergriffen wie zu Beginn des Spiels die Franzosen Besitz von einer Partie, die sie nun beschleunigten und flächendeckend erweiterten. Henry und Malouda öffneten rechts und links mit Sololäufen Räume, und auch Zidane konnte sich immer besser von Gattuso absetzen. „Zizou“-Sprechchöre feierten den stets eine Spur melancholisch wirkenden Star. Henry prüfte bei seinem frischesten Turnierauftritt Buffons Klasse (62.), während die müder werdenden Italiener sich zusehends über die Runden zu retten versuchten. Da es in der zweiten Hälfte im Gleichgewicht der Kräfte an Action fehlte, mußten beide Teams wie bei ihren großen Begegnungen zuvor in die Verlängerung.

Die italienisch-französische Fußball-Geschichte lehrt, daß dabei immer die Franzosen - 1998 im WM-Viertelfinale, 2000 im Endspiel der Europameisterschaft - am Ende lachten. Ribery hätte die Partie mit seinem Flachschuß aus der Balance kippen können (100.). Er traf aber nicht und wurde Sekunden später von David Trezeguet ersetzt, der das EM-Finale 2000 mit einem Golden Goal entschieden hatte. Und noch eine Erinnerung an die Historie: Zidane hätte mit einem tollen Kopfball wie weiland im Endspiel 1998 gleich zwei Mal Erfolg haben können, Buffon aber parierte mit seiner ganzen Extraklasse (104.).

Frankreich trauert

Und dann kam der bitterste Moment des Abschiedsspiels für Zidane: Kopfstoß hinter dem Rücken des Schiedsrichters gegen die Brust des vorher provozierenden Materrazi (110.) (Siehe auch: Bildergalerie: Zidane „Zierde des französischen Sports“). Der exzellente Schiedsrichter Elizondo konnte nicht anders als dem schon oft jähzornigen Starregisseur die Rote Karte vorzuhalten. Das Finale um die 18. Weltmeisterschaft war damit auf eine gewisse Weise verdorben.

Schließlich ging es dann doch um den Titel und nicht mehr um Zidane. Entscheidung im Elfmeterschießen: Am Ende jubelte dann ganz Italien über seine Meisterschützen, während Frankreich nicht nur eine verpaßte Gelegenheit, sondern auch den unrühmlichen Abgang seines größten Spielers betrauerte.

Italien - Frankreich 1:1 (1:1, 1:1) n.V., 5:3 i.E.
Italien: Buffon - Zambrotta, Materazzi, Cannavaro, Grosso - Perrotta (61. Iaquinta), Pirlo, Gattuso, Camoranesi (86. Del Piero) - Totti (61. De Rossi) - Toni
Frankreich: Barthez - Sagnol, Thuram,Gallas, Abidal) - Vieira (57. Diarra),
Makelele - Ribery (99. Trezeguet), Zidane, Malouda - Henry (107. Wiltord)
Schiedsrichter: Horacio Elizondo (Argentinien)
Tore: 0:1 Zidane (7., Foulelfmeter), 1:1 Materazzi (19.)
Zuschauer: 69.000 (ausverkauft)
Rote Karten: Zidane nach einer Tätlichkeit (110.)
Gelbe Karten: Zambrotta (2) - Sagnol (2), Diarra, Malouda
Elfmeterschießen: 1:0 Pirlo, 1:1 Wiltord, 2:1 Materazzi, Trezeguet schießt an die Latte, 3:1 de Rossi, 3:2 Abidal, 4:2 del Piero, 4:3 Sagnol, 5:3 Grosso



Text: F.A.Z. vom 10. Juli 2006
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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