Gedrückte Stimmung

Drama um Pessotto stört Italiens Vorbereitung

Betretene Mienen bei den Italienern um Francesco Totti

Betretene Mienen bei den Italienern um Francesco Totti

28. Juni 2006 Die Sorgen um Gianluca Pessotto machen die Vorbereitung auf das WM-Viertelfinale gegen die Ukraine für die Italiener zur Qual. „Wir sind alle sehr betroffen und traurig“, sagte Alessandro Nesta am Mittwoch im WM-Quartier der „Azzurri“. „Die Freude über den Viertelfinal-Einzug verbietet sich ohnehin“, sagte Italiens Elfmeter-Held Francesco Totti, nachdem der frühere Nationalmannschaftskollege am Dienstag versucht hatte, sich mit einem Sprung vom Dach des Juventus Turin-Klubhauses das Leben zu nehmen.

Der Jubel ist verflogen, die Stimmung in Duisburg gedrückt. „Die Atmosphäre ist sehr trüb. Jetzt werden wir natürlich alles geben, um auch für ihn den Titel zu holen. Er ist ein fantastischer Mensch“, sagte Fabio Cannavaro, der nach der traurigen Nachricht sichtlich bewegt eine Pressekonferenz abgebrochen hatte.

„Wir haben gemeinsam geweint“

In der Nacht mußte der 35jährige Pessotto wegen innerer Blutungen und zahlreicher Brüche notoperiert werden. „Wir können erst in rund 48 Stunden sagen, ob er nicht in Lebensgefahr schwebt“, sagten die Ärzte am Mittwoch. In 48 Stunden spielen die „Azzurri“ in Hamburg gegen die Ukraine. Die Konzentration auf das Viertelfinale fällt schwer. Pessottos Teamkollegen Alessandro Del Piero, Gianluca Zambrotta sowie Co-Trainer Ciro Ferrara waren noch am Dienstag abend mit einem Privatjet zu Pessotto in die Klinik geflogen und kehrten Mittwoch pünktlich zum Training nach Duisburg zurück.

„Das sind ganz besondere Freunde. Wir haben gemeinsam geweint“, sagte Pessottos Frau Reana. Sie bestätigte, daß der 22fache Nationalspieler nach seinem Karriereende im Mai und dem Wechsel auf den Teammanager-Posten bei Juve an Depressionen litt. „Er hatte Angst, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein“, sagte die zweifache Mutter. Italienische Zeitungen spekulierten am Mittwoch dennoch über familiäre Probleme als Ursache für den Selbstmordversuch.

„Ich werde sie am Freitag alle umarmen“

Mit Juventus Turins Anklage im Fußball-Skandal hatte Pessottos Verzweiflungstat offensichtlich nichts zu tun. Der Vize-Europameister von 2000 ist nicht in den Skandal verstrickt. „Wir haben viel über Gianluca gesprochen und hoffen daß er seine Probleme lösen kann“, sagte Nesta, der wie fast alle „Azzurri“ lange mit Pessotto in der Nationalelf gespielt hat.

Auch der ukrainische Stürmerstar Andrej Schewtschenko zeigte Mitgefühl mit den Italienern: „Ich weiß, wie eng sie Pessotto verbunden sind, der ein wunderbarer Mensch ist. Ich werde sie am Freitag alle umarmen“, sagte der frühere Star des AC Mailand. Nationaltrainer Marcello Lippi, der selbst jahrelang mit Pessotto in Turin gearbeitet hat, muß seine „Azzurri“ dennoch auf die Ukraine fokussieren.

Barzagli springt für Nesta und Materazzi ein

Vor allem auf Schewtschenko. „Den darf man keine Minute aus den Augen lassen“, warnte Nesta, der wegen seiner Adduktorenzerrung definitiv ausfällt. „Für das Halbfinale habe ich aber Hoffnung“, sagte der Star-Verteidiger des AC Mailand. Weil auch Marco Materazzi wegen seiner Roten Karte aus dem Achtelfinale gegen Australien ausfällt, wird Andrea Barzagli neben den überragenden Abwehrchef Fabio Cannavaro in die Innenverteidigung aufrücken.

Auf der Position des Spielmachers wird nach Tottis umjubeltem Comeback in Kaiserslautern damit gerechnet, dass Lippi dem Römer wieder den Vorzug vor dem Turiner Del Piero geben wird. Für den zuletzt glücklosen Stürmer Luca Toni könnte erstmals Filippo Inzaghi von Beginn an neben Alberto Gilardino stürmen.

„Ich bin kein Monster“

Derweil hat vor dem Prozeßauftakt im italienischen Fußball-Skandal der mutmaßliche Drahtzieher der Spielmanipulationen Luciano Moggi zum Gegenschlag ausgeholt. „Ich bin kein Monster. Man hat mich gekreuzigt und meine Familie zerstört“, klagte der frühere Manager des Rekordmeisters Juventus Turin unter Tränen. Moggi beklagte eine Vorverurteilung und beschuldigte vor allem den zurückgetretenen Fußball-Verbandspräsidenten Franco Carraro und den AC Mailand: „Wir haben uns nur gegen Carraro verteidigt, der gegen Juve war“, behauptete der 68jährige in einem Fernsehinterview.

„Carraro und diejenigen, die das Fernsehen kontrollieren, haben in Wirklichkeit die Macht im italienischen Fußball“ sagte der mutmaßliche „Fußball-Pate“ in Anspielung auf Medienzar und Milan- Besitzer Silvio Berlusconi. „Ohne mich wird der Fußball nicht besser“, sagte Moggi. In dem an diesem Donnerstag in Rom beginnenden Sportgerichts-Prozeß will der „Herr des Balles“ nicht aussagen. Mit seinem Rücktritt sei er kein Mitglied des Fußball-Verbands (FIGC) mehr und unterliege damit nicht mehr der Sportgerichtsbarkeit.

Der Moggi-Clan steht vor dem Sportgericht

Gegenüber den ermittelnden Staatsanwaltschaften in Turin, Rom und Neapel mußte Moggi jedoch bereits aussagen. Auch hier hatte Moggi behauptet, „nie eine Bevorzugung“ von den Schiedsrichterkoordinatoren Paolo Bergamo und Pierluigi Pairetto verlangt zu haben. Vor den Zivilgerichten kommt ein Prozess wegen Nötigung, Sportbetrug und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung auf Moggi und seine Helfer zu. Der gesamte Moggi-Clan steht auch in Rom vor dem Sportgericht: 26 Vereins- und Verbandsfunktionäre, Schieds- und Linienrichter sowie die vier Top-Klubs Juventus Turin, AC Mailand, AC Florenz und Lazio Rom müssen sich wegen Sportbetrugs und Unsportlichkeit verantworten.

Rekordmeister Juve droht der Zwangsabstieg in die zweite Liga sowie die Aberkennung der letzten beiden Meistertitel, AC Mailand, AC Florenz und Lazio Rom wohl nur Punktabzüge. Die von Stefano Palazzi auf Basis der Ermittlungen des früheren Mailänder Oberstaatsanwalts Francesco Saverio Borelli geführte Anklage wird am Donnerstag verlesen. Danach werden die Verteidiger in dem Maxi-Prozeß versuchen, die Manipulationsvorwürfe gegen ihre Mandanten zu entkräften.

„Ich bin selbst zurückgetreten“

Während die Juve-Verteidiger mit einer aufwendigen Statistik nachweisen wollen, daß Juve durch Moggis angebliche Schiedsrichterbeeinflussungen in der Saison 2004/2005 überhaupt keine Vorteile in den Liga-Spielen erwachsen sind, konzentrieren sich andere Anwälte auf angebliche Verfahrensfehler. „Juve hat von allem gewußt, ich habe nie etwas in Eigeninitiative getan“, belastete Moggi seinen ehemaligen Klub, der ihn im übrigen nicht gefeuert habe.

„Ich bin selbst zurückgetreten“, sagte Moggi. Das Verbandsgericht ist jedoch fest entschlossen, bis zum 9. Juli die Urteile zu sprechen. Die Berufungsurteile sollen bis zum 20. Juli gefällt sein, so daß der FIGC noch rechtzeitig bis zum 27. Juli gemäß einer dann neu geordneten Liga-Tabelle die italienischen Teilnehmer an den Europacup-Wettbewerben melden kann.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa und sid
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Dax
Tec
Dow
Nas
18.12.2009 | 16:11
Dax 5.880,74
+0,62 %
 
        Vortag
Tops in %
Infineon +3,63%
Dt. Boerse +2,09%
SAP +1,89%
   
Flops in %
BMW −1,08%
Commerzbank −1,32%
Volkswagen −2,28%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche