08. Mai 2006 Daß die mächtigen Funktionäre von Juventus Turin alles tun, um die Spiele der Serie A zugunsten der eigenen, der erfolgreichsten italienischen Mannschaft zu manipulieren, gehört bei den Tifosi zu den liebsten Verschwörungstheorien.
Monatelang abgehörte Telefonate des Juve-Sportdirektors Luciano Moggi bestätigen nun diesen Dauerverdacht eindrucksvoll. Nachdem nun auch die Staatsanwaltschaft Neapel gegen Moggi und seinen Sohn Alessandro Ermittlungen wegen des Verdachts auf Sportbetrug aufnahm, hat der italienische Meister reagiert und einen kompletten Austausch seines Führungspersonals angekündigt. Moggi und Geschäftsführer Antonio Giraudo müßten gehen und würden durch Andrea Agnelli als Vizepräsidentin und Sportdirektor Franco Baldini ersetzt, schreibt die "Gazzetta dello Sport" am Sonntag.
Kumpanei mächtiger Fußballfunktionäre
Die abgehörten intimen Zwiegespräche Moggis mit den früheren Schiedsrichter-Obmännern des italienischen Verbandes, Fabio Baldas und Pierluigi Pairetto, lassen Abgründe ahnen. Mit beiden einflußreichen Unparteiischen bespricht sich Moggi über die richtige Einteilung von Schiedsrichtern für Spiele der Serie A. Baldas, der bei einem Fernsehsender als Zeitlupenspezialist tätig ist, bekommt Empfehlungen, wen er mit Kritik zu verschonen, wen er zu vernichten hat.
Mehr noch als mögliche Straftatbestände steht der vertrauliche Ton der Gespräche, steht die Kumpanei mächtiger Fußballfunktionäre im Zwielicht. Moggi kann sich da problemlos mit einem umstrittenen Schiedsrichter über heikle Elfmeter und den daraus entstandenen Krawall austauschen und den leidenden Unparteiischen väterlich loben: "Gut gemacht."
Hemdsärmelig und brutal
Genauso souverän regelt Moggi im italienischen Fußball-Kontrollausschuß mögliche Sanktionen gegen seinen Sohn Alessandro - mit seiner Firma "Gea" einer der wichtigsten Spielervermittler. Als Filius Alessandro wegen unzulässiger Einflußnahme in den Spielermarkt drei Monate Berufsverbot angekündigt werden, droht Moggi mit dem Rauswurf des gesamten, offiziell natürlich unabhängigen, Kontrollgremiums des Fußballverbandes.
Besonders der ordinäre Tonfall der Gespräche dürfte vielen Fans gefallen, weil sie sich das beim früheren toskanischen Eisenbahner und heute mächtigsten Intriganten in Italiens Fußballbusiness genauso hemdsärmelig und brutal vorgestellt hatten. Der deutsche Schiedsrichter Herbert Fandel, der nach Moggis Ansicht eine Europapokal-Partie der Turiner zu früh abgepfiffen hatte, wird in einem Gespräch mit dem Sportjournalisten Giorgio Tosatti unverhüllt als "Hurensohn" abgetan. Tosatti entschuldigte sich inzwischen öffentlich für das Gespräch.
Wer Nationalspieler wird, entscheide ich
Das wenig zimperliche Geschäftsgebaren der Oberen des Rekordmeisters Juventus war in letzter Zeit Thema eines spektakulären Prozesses, vor allem gegen Vereinsarzt Agricola. Dem wurde systematisches Doping der erfolgreichen Mannschaft der neunziger Jahre vorgeworfen. Der Prozeß endete in höherer Instanz mit einem Freispruch zweiter Klasse, weil die Substanzen damals noch nicht alle bekannt gewesen seien. Daß bei den abgehörten Gesprächen auch die anderen mächtigen Klub-Oberen Italiens, die Funktionäre des AC Mailand, zur Sprache kommen, kann niemanden verwundern. So plauscht Moggi mit seinem Managerkollegen amüsiert über den Streit bei der Konkurrenz, nachdem Berlusconis Intimfreund Cesare Previti - vergangene Woche zu sechs Jahren Haft wegen Bestechung verurteilt - bei Berlusconis Fußballmanager Galliani Geld für Lazio Rom, Previtis Lieblingsclub, lockermachen wollte - vergeblich.
Und auch mit Spielern springt Moggi, der seit 1994 bei Italiens mächtigstem Verein die Fäden zieht, um wie ein Alleinherrscher. So wird Verteidiger Cannavaro vor seinem Wechsel zu Juve in harschem Ton zur Kündigung beim AC Mailand aufgefordert und der aufmüpfige Juve-Spieler Miccoli zusammengestaucht: "Sonst wird das nichts mit der Nationalmannschaft. Und wer Nationalspieler wird, entscheide ich."
Juristisch gefährlich könnten für Moggi die Aussagen des seinerseits strafrechtlich verfolgten früheren Präsidenten von Perugia, Luciano Gaucci, werden. Der sieht im Abstieg seines Klubs eine Schiedsrichterverschwörung, die Moggi zugunsten seines Nachwuchsvereins Messina inszeniert habe. Die Ergebnisse und vor allem die Elfmeter von Moggis Lieblings-Schiedsrichtern sind in der Tat auffällig. Moggi tut die peinlichen Protokolle als "Schmierenkomödie" ab; es handele sich - wie schon bei den Doping-Ermittlungen - um eine Intrige gegen seine Person. Juves Anwalt Chiappero sah seinen mächtigen Boss "Lucianone" zunächst sogar "komplett gereinigt" aus der Affäre hervorgehen. Davon allerdings ist inzwischen nicht einmal mehr im Klub des italienischen Rekordmeisters die Rede.
Text: F.A.Z., 08.05.2006, Nr. 106 / Seite 32
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb
The Full Monty: Ganz oder gar ![]()
Car Kit für das iPhone: Mehr als nur eine Halterung
Der Schrecken der Mietwagenbranche
Internationaler Finanzmarkt: Keine Eile mit dem Ausstieg
Risikospiele in der Fußball-Oberliga: Kleine Stellvertreterkriege